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Neue Ausstellung

Stillleben am Ende der Utopien

Die Regensburger Galerie artAffair zeigt „Lebensräume“: Arbeiten der regionalen Künstler Andreas Maul, Christoph Scholter und Stefan Bircheneder
Von Helmut Hein, MZ

  • Andreas Maul „sammelt“ Oldtimer: Der Maler ist so detailverliebt wie jeder Autoschrauber.Alle Fotos: altrofoto.de
  • Andreas Maul, Christoph Scholter und Stefan Bircheneder (v. l.) zeigen in der Galerie ArtAffair ihre „Lebensräume“.
  • Ein unbetiteltes Bild von Christoph Scholter (Ausschnitt)

Regensburg.Zwei Formen einer Obsession: Die einen kaufen sie, schrauben an ihnen herum, bringen sie auf Hochglanz, „cruisen“ bei schönem Wetter durch die Städte. Die anderen malen sie. Die Leidenschaft richtet sich auch hier aufs Detail. Die Intensität verdankt sich anhaltender Aufmerksamkeit. In beiden Fällen geht es um alte Autos und ihre physische Präsenz. Andreas Maul ist ein Sammler. Er sammelt Ansichten. Damit das, was er sieht und zeigt, vergleichbar wird, wählt er stets dieselbe Perspektive. Der Ort des Auges verändert sich nicht, nur das, was das Auge passiert, ein bestimmter Ausschnitt der gegenständlichen Welt.Seine Passion ist scheinbar ziellos. Sie gilt dem „Ami-Schlitten“ und dem luxuriösen Daimler, der durch die Patina der inzwischen vergangenen Zeit nur noch pompöser wirkt, genauso wie dem kultigen VW-Bus mit dem auf die steile Fronthaube montierten Ersatzreifen oder dem staubigen Truck. Sie rücken dem Betrachter sehr nah, weil Maul sie uns bildfüllend präsentiert und weil sie in seiner fotorealistischen Malweise „wirklicher“ erscheinen als in der Realität oder auf einem Foto.

Alles glänzt da und spiegelt, selbst der Schmutz wirkt vertraut und kostbar. Paradoxerweise verdeutlicht Malerei, weil selbst die Gegenständlichkeit bei ihr immer auch ein Produkt der Abstraktion ist. Noch in der reinsten Anschauung ist der Gedanke mitenthalten, eine unverwechselbare Verarbeitung dessen, was doch scheinbar jeder genauso sehen würde. Der Akt des Malens erzählt eine Geschichte: die einer Erfahrung, die kein anderer teilen kann – und die genau deshalb aufregend, „ansteckend“ ist.

Alles ist bereits geschehen

Stefan Bircheneder hat eine Ausbildung zum Kirchenmaler hinter sich. Man spürt in seinen Bildern die Sorgfalt eines alten Handwerks und die Faszination durch das, was jedes Bild zugleich enthüllt und verbirgt. So wie starke Texte sich einem Sub-Text verdanken, den man nicht so ohne weiteres entziffern kann, lebt die starke Malerei von den Bildern hinter dem Bild. Ein Bild, das sich (scheinbar!) nur auf die Realität bezieht, tötet die Fantasie. Ein Bild, das andere Bilder evoziert, beunruhigt sie. Man wird mit dem Schauen nicht fertig, weil es stets etwas zu „sehen“ gibt, was nicht sichtbar ist.

Bei Bircheneder verstören vor allem die dichten Arrangements aus schmalen Röhren („Neon“), deren strikte Struktur durch ein Ereignis irritiert wird, das sie unterbricht. Die Ordnung wird erkennbar, wenn sie schon nicht mehr vorhanden ist, wenn alles schräg wird oder brüchig. Alle drei Maler der neuesten ArtAffair-Ausstellung sind Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre geboren. Sie sind Kinder der post-histoire, einer Spätzeit, in der schon alles geschehen ist und nur noch die Bestände verwaltet werden müssen. Nicht nur Francis Fukuyama hat einst, nach dem Ende des Kommmunismus, die Geschichte so beschrieben.

Maul, Bircheneder und auch Christoph Scholten beschäftigt das „Technoide“ unserer Existenz; die Tatsache, dass unser ganzer Alltag – und vermutlich selbst noch unsere Innenwelt – von Artefakten durchzogen wird; von Dingen, die einst hergestellt wurden, die aber durch das pure Alter oder einen schleichenden Funktionsverlust, als „Reste“, die nur noch herumstehen und zu warten scheinen, ein merkwürdiges Eigenleben entwickeln. Was einst nur Maschine war, wird auf eine irritierende Weise mythisch. Die Technik erweist sich als unsere Wunde, in deren Klaffen die Enttäuschungen, das Versagte und Vergessene, manchmal auch nur das Unfertige, nicht zum Abschluss gebrachte sichtbar wird. Gerade im fotorealistischen Blick erscheint die Transzendenz des Technischen. Es beginnt zu schimmern. Nichts könnte kälter sein als die Neon-Röhre. Aber mit einem Mal verweist sie auf die Kerze, der sie plötzlich ähnelt, und auf einen sakralen Raum, den sie beleuchtet.

Christoph Scholter erkundet die Natur, vor allem die zweite Natur des sozialen Raums, am liebsten, wenn sie erstorben ist: als „nature morte“. Nur dass bei ihm diese Stillleben den vertrauten Rahmen sprengen. Sie verlieren das Maß, werden architektonisch. Und sie zitieren, fast schon parodistisch, die Früchte oder Blumen nur noch als ferne Erinnerung.

Faszinierende Arbeit mit dem Licht

An ihre Stelle rückt eine unübersehbare Fülle halb schon verbrauchter Waren, die sich auf Tischen oder in Räumen türmen. Im extremen Fall verwandeln sie sich in die labyrinthische Ansicht einer Stadt, in der man sich verirren kann. Stets aber legen sie Zeugnis ab von unseren Bedürfnissen und Tätigkeiten.

„Lebensräume“, diese sehr schön zusammengestellte Ausstellung dreier junger Künstler aus der Region, zieht ein Resümee. Es ist ein Statement nach dem Ende der Utopien. Das Dasein wirkt merkwürdig verstellt. Und man weiß nicht so recht, worin der Fehler besteht: in der Präsenz oder in der Abwesenheit der Dinge, die, genau genommen, so etwas wie die äußere Seite unserer Psyche sind.

Am faszinierendsten, aber das wäre schon eine eigene Geschichte, ist es, wie Bircheneder, Scholter und Maul mit dem Licht arbeiten. In ihm erst erscheint die Welt und die Oberfläche all dessen, was es gibt; und manchmal zieht es sich, und das ist dann Freude und Schrecken zugleich, in das reine, absolute Weiß zurück: ein Loch in der Welt, Anfang oder Ende der Schöpfung.

Zu sehen ist die Ausstellung bis 8. Juni in der Galerie ArtAffair, Neue Waag Gasse 2, Regensburg

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