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Architektur

Streit um neue Stuttgarter Bibliothek

Von Roland Böhm, dpa

Der koreanische Architekt Eun Young Yi konziperte die neue Bibliothek in Stuttgart.

Stuttgart.Ruhepol oder Bücherknast? An der neuen Stadtbibliothek auf dem Gelände von Stuttgart 21 scheiden sich die Geister.

Gerne würden die Freunde des umstrittenen Milliarden-Bahnprojekts die Bücherei als Argument nutzen - nach dem Motto: «Seht her, wie schön das neue Stadtquartier werden kann, das wir ohne Stuttgart 21 nicht hätten.» Doch fällt ihnen das schwer. Zu klobig und abweisend stehe der Monolith auf der ehemaligen Bahnbrache, finden die Kritiker. Auch die Stadt räumt ein: Da muss man noch was machen. Ein Make-up für die Fassade ist geplant.

Es habe «eine ganze Welle» des Protestes und der Enttäuschung gegeben, berichtet Ingrid Bussmann, Direktorin der Stadtbücherei. «Das hätte ich so sehr nicht erwartet.» Vieles hängt aus ihrer Sicht aber auch damit zusammen, dass der Rohbau noch ganz allein auf dem weiten Gelände steht. Außerdem sei die Fassade «noch nicht abnahmefähig», beschwichtigt die Stadt.

Schon bei der Jury-Entscheidung für den Entwurf des Kölner Architekten Eun Young Yi sei klar gewesen, dass da ein «Haus mit Charakter» entstehe, an dem man sich reiben werde, sagt Bussmann. «Vieles erschließt sich, wenn man später in ihm auf Entdeckungsreise geht.»

Nichtsdestoweniger soll nachgebessert werden. Denn dass die Vorfreude getrübt ist, bestreitet niemand mehr. «Himmelangst» werde ihr, sagte etwa die durch TV-Auftritte inzwischen bundesweit bekannte Stuttgart-21-Gegnerin Christine Oberpaur, wenn sie das Gebäude sehe und nun befürchten müsse, das ganze neue Stadtquartier am Hauptbahnhof könne einmal so aussehen.

Böse Zungen sprechen längst vom Plattenbau, noch bösere vergleichen das Gebäude mit dem Hochsicherheitsgefängnis im Stuttgarter Stadtteil Stammheim, das durch die RAF zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat. Der farblose Bibliothekswürfel soll nun heller und freundlicher werden, beschloss man rasch. So soll demnächst an einzelnen Flächen ausprobiert werden, wie der Sichtbeton schöner gestaltet werden kann.

Der Architekt schluckt dennoch, schließlich habe er den Wettbewerb doch gerade deswegen gewonnen, «weil die Bibliothek durch ihre klare Form und die ungewöhnliche Materialgebung aus Sichtbeton und Glasbaustein selbstbewusst zutage tritt und dadurch einen Ruhepol in dem heterogenen Stadtviertel bildet», sagte Professor Eun Young Yi der Nachrichtenagentur dpa. «Die massive und matte Gebäudehaut ist eine gewollte Inszenierung, so entstehen die von der Außenwelt abgeschirmten und introvertierten Bibliotheksräume.»

Rund 79 Millionen Euro lässt sich die Stadt die neue Bibliothek kosten. Pro Jahr wird mit mehr als einer Million Besuchern gerechnet. Die Eröffnung ist für Herbst 2011 geplant. Dann spätestens werde das Haus mit seinen inneren Werten überzeugen, sagt Bussmann. Mit der Kritik geht der Architekt bis dahin gelassen um. Heute seien die Menschen eben eher an leichte und transparente Architektur und an eine unruhige Formenvielfalt gewöhnt, sagt Eun Young Yi. «Massivität und Einfachheit sind heutzutage häufig zu Unrecht von einem negativen Image besetzt.»

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