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Musik

Stürmischer Nachtwind auf Tasten

Der Pianist Vasily Gvozdetsky gastierte bei den Höflinger Schlosskonzerten.
Von Gerhard Dietel

Vasily Gvozdetsky am Flügel Foto: Gerhard Dietel
Vasily Gvozdetsky am Flügel Foto: Gerhard Dietel

Regensburg.Eine lange Konzentrationsphase nimmt sich der dreißigjährige, in St. Petersburg geborene Pianist Vasily Gvozdetsky, bevor er bei seinem Klaviernachmittag in Schloss Höfling die ersten Töne erklingen lässt. Denn wohl erwogen in ihrer Dynamik und in ihrem Tempo wollen die ersten Takte von Franz Schuberts G-Dur-Sonate sein: Musik, die leise auftritt, anscheinend ganz idyllisch in sich ruht oder allenfalls sanfte Kreise zieht. Und doch muss der Interpret sein Publikum bereits jetzt spüren lassen, dass in diesen ersten Takten ein Potenzial zur Expansion vorhanden ist, so dass das, was eben sanft noch tönte, zu bohrender Härte anwachsen kann.

Äußert sensibel vermittelt Gvozdetsky bei seiner Interpretation Schuberts ruhige Epik mit den folgenden, jäh eintretenden dramatischen Zuspitzungen. Das gilt für den ausgedehnten Kopfsatz der Sonate ebenso wie das unschuldig beginnende, doch bald in heftige Fortissimo-Schläge ausbrechende Andante, und schließlich auch für den Finalsatz, auf dessen vorwiegend gelassene Heiterkeit ebenfalls mancher Schatten fällt.

Besonders verbunden fühlt sich Gvozdetsky künstlerisch mit dem Werk des im gängigen Konzertrepertoire kaum vertretenen russischen Komponisten Nikolay Medtner (1880-1951), dessen Klaviersonate op. 25 Nr. 2 den zweiten Teil seines Vortrags ausmacht.

Das der Sonate beigegebene Gedichtsmotto Fjodor Tjutschevs („Was heulst du, Nachtwind, mir zum Graus“), so erläutert der Pianist vorab, sei weniger als Naturschilderung zu verstehen, denn als eine Vorahnung der russischen Revolution, die zum Zeitpunkt der Komposition der Sonate nicht mehr lange auf sich warten lassen sollte.

Entsprechend kämpferisch fällt dann auch Gvozdetskys Interpretation des Werks aus: eine über halbstündige, fast nahtlose Folge von Klangballungen, deren vielschichtig sich übereinander türmende Verläufe nur mit höchster Konzentration zu verfolgen sind. Unvermeidlich stellt der Zuhörer Vergleiche mit der Musiksprache von Medtners russischen Zeitgenossen Rachmaninow und Skrjabin an, wobei die Nähe zum ersteren deutlicher scheint, aber auch an einigen Stellen schon der ein Jahrzehnt jüngere Prokofieff zu ahnen ist.

Welchen bewundernswerten Kraftakt er eben mit Medtners zyklopischer Sonate absolviert hat, ist Vasily Gvozdetsky kaum anzumerken, als er den mit Bravi untermischten Beifall der Zuhörer im Salon von Schloss Höfling entgegennimmt und sich dafür mit zwei Zugaben bedankt: einer instrumentalen Version von Schumanns Lied „Du meine Seele, du mein Herz“ und Chopins „Minutenwalzer“.

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