MyMz

Uraufführung

Theater am Ort des Schreckens

69 Jahre nach dem Dachauer Hauptprozess gegen die NS-Verbrecher macht Regisseurin Karen Breece den Originalschauplatz noch einmal zum Verhandlungsort.
Von Viktoria Großmann, dpa

41 500 Menschen starben im Konzentrationslager Dachau. Die Regisseurin Karen Breece versucht mit einem Theaterstück das ritualisierte Gedenken aufzubrechen. Foto: dpa

Dachau. Rückblende: Am 15. November 1945 beginnt auf dem Gelände der ehemaligen Verwaltung des Konzentrationslagers Dachau ein Prozess gegen 40 SS-Männer. Sie sind wegen Verbrechen, die in Dachau und dessen Nebenlagern begangen wurden, von einem US-amerikanischen Militärgericht angeklagt. Einer der Hauptangeklagten ist Martin Gottfried Weiß, der zwischen 1942 und 1943 das Konzentrationslager Dachau und von 1944 bis 1945 das Außenlager Mühldorf am Inn befehligte. 69 Jahre später dient Weiß als Hauptfigur in einem Theaterstück der Regisseurin Karen Breece. Die Uraufführung ist am 23. Mai.

Die Deutsch-Amerikanerin Breece stellt mit ihrem Projekt einmal mehr die Frage nach der Schuld des Einzelnen. Sie versucht, die Ambivalenz der Täter zu verdeutlichen, indem sie die Protokolle ihrer Verbrechen im Wechsel mit Briefen an deren Kinder hörbar macht.

Aufführung in der SS-Schneiderei

Martin Weiß wurde zum Tode verurteilt und am 29. Mai 1946 hingerichtet. Die Amerikaner verurteilten die Angeklagten für das gemeinschaftlich begangene Verbrechen: 41 500 Menschen starben im Konzentrationslager Dachau. Am Aufführungsort, der ehemaligen SS-Schneiderei, in der Uniformen genäht wurden, symbolisiert eine Bodenskulptur aus 41 500 Drahtbügeln diese Zahl und erinnert zugleich an die Vergangenheit dieses Ortes. Man vermutet, dass während der Gerichtsprozesse in diesem Raum die Reporter untergebracht waren.

Grundlage des Stücks sind Originalprotokolle der Prozesse sowie des Briefwechsels zwischen Martin Weiß und seiner Frau Lisa – die er in Dachau heiratete – sowie von Berichten und Erinnerungen der US-amerikanischen Befreier. Breece lebt mit ihrem Mann Tobias Schneider, dem Leiter des Kulturamts in Dachau, seit zehn Jahren in der Stadt und hatte Gelegenheit, sich ausführlich mit dem Gedenken zu befassen. Jedes Jahr am 29. April werden in Dachau Kränze niedergelegt und Reden gehalten. Im nächsten Jahr jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers durch die amerikanischen Soldaten zum 70. Mal. Breece wollte dem ritualisierten Gedenken etwas entgegen setzen. Statt auf Betroffenheit und Pathos zu setzen, möchte sie mit ihrem Stück, so sagt sie, die Geschichte physisch erlebbar machen.

Nur zwei Profis spielen mit

Das ist auch ein Grund, warum sie fast ausschließlich mit Laien arbeitet. Ihre Darsteller sind Dachauer, zum Teil mit Laientheatererfahrung, teils haben sie noch nie auf einer Bühne gestanden. Lediglich die Rollen des Anklägers und des Pflichtverteidigers hat sie mit ausgebildeten Schauspielern besetzt: Patric Schott und Sebastian Mirow. Die Art und Weise, wie ganz normale Menschen auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte reagieren, gehört für sie zum künstlerischen Ausdruck ihres Stücks. Deshalb tragen ihre Darsteller auch Original-Uniformen.

Vor allem aber möchte Breece den Geist des Ortes beschwören. Dazu öffnet sie einen sonst unzugänglichen Ort für das Publikum. Auf dem Gelände und in den Gebäuden, von denen aus das Konzentrationslager verwaltet und befehligt wurde, in denen die SS-Männer mit ihren Familien wohnten, ist heute die Bereitschaftspolizei untergebracht. Zu Beginn des Stücks werden die Zuschauer mit Bussen über das Gelände fahren und dabei abwechselnd den Erinnerungen der Lisa Weiß an ihre Zeit in Dachau 1943 und dem blanken Entsetzen eines amerikanischen Offiziers bei der Befreiung des Lagers zuhören.

Widerstand gegen „die alten Geschichten“

Doch noch immer wollen nicht alle wollen hören oder sehen, was in Dachau geschah. Bei den Bewohnern Dachaus stoße sie zum Teil auf Widerstand, sagt Breece. Manche finden, sie solle die alten Geschichten doch einfach ruhen lassen.

Die Vorstellungen im Mai sind bereits ausverkauft, für die Vorstellungen am 10., 11., 12. und 14. Juni, Beginn jeweils 19 Uhr, gibt es noch Karten bei München-Ticket.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht