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Premiere

Theater, das unter die Haut geht

„Der gute Tod“ ist ein beklemmendes, aber auch befreiendes Stück über das Sterben. Es überzeugt dank guter darstellerischer Leistungen.
Von Ulrich Kelber, MZ

Noch eine letzte, genussvoll gerauchte Zigarette, noch ein paar mühsame Tanzschritte zu den alten Lieblingssongs. Michael Haake spielt den Todeskandidaten sympathisch zurückhaltend. Foto: Zitzlsperger

Regensburg. Wie möchten wir, wenn’s dann einmal so weit ist, sterben? Natürlich ohne langes Leiden, ohne Schmerzen, ohne qualvollen Todeskampf, ohne ohnmächtige Hilflosigkeit. Und bei bester Gesundheit wollen wir am liebsten ein Alter erreichen, das deutlich über der durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren liegt. Wenn es aber anders kommt? Die unheilbare Krankheit: Ist dann der selbst gewählte Tod die richtige Entscheidung? Stimmt dann das Bild vom „Tod als Freund“, wie es in dem Kupferstich von Alfred Rethel gezeigt wird?

Um diese Frage geht es in dem Stück „Der gute Tod“. Geschrieben wurde es von dem Schauspieler und Dramatiker Wannie de Wijn. Er stammt aus den Niederlanden, wo seit einigen Jahren – unter eng begrenzten Bedingungen – aktive Sterbehilfe erlaubt ist. Das Stück ist anrührend und ergreifend, aber es stimmt auch unbehaglich. Es ist als etwas plattes Musterbeispiel konstruiert, taugt wenig dazu, ethische Fragen wirklich abzuwägen. Der Lungenkrebspatient, für den es keine Hoffnung mehr gibt: Wer hätte da kein Verständnis für dessen Wunsch nach der tödlichen, erlösenden Spritze?

Inhaltlich auf einem schmalen Grat

Aber ist die Situation in Wirklichkeit häufig nicht ganz anders? Kabarettist Werner Schneyder hat in seinem Buch „Krebs“ über den Tod seiner Frau beschrieben, wie sehr sich Kranke an das letzte Fünkchen Leben klammern. Bleibt auch diese Möglichkeit des Sterbens bestehen, oder wird es einen zunehmenden Druck geben? Der Kranke, der den Angehörigen nicht länger zur Last fallen will, oder die Rationierung von medizinischen Leistungen: Wird das gesellschaftlicher Konsens?

Ersetzen wir das Wort „guter Tod“ durch Euthanasie, dann wird klar, auf welch schmalem Grat man sich bewegt. Wie viele Kranke sind denn überhaupt noch in der Lage, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen? Welche Instanz gibt es dann? Wie schnell könnten wieder Dämme brechen, wenn es darum geht, den „Wert des Lebens“ zu bestimmen!

Zwar lässt Wannie de Wijn in seinem Stück den Arzt sich zweifelnd fragen, ob er nun zum Mörder werde oder sich gar die Gottesrolle anmaße, doch das Für und Wider oder die Grenzen von Sterbehilfe diskutiert der Autor gar nicht mehr – sie ist einfach eine gesetzlich erlaubte Möglichkeit. In dem Stück geht es vor allem darum: Wie gehen der Kranke und seine Familie mit dem geplanten Tod um. Es ist eine heikle Situation, die leicht in weinerliche Rührseligkeit oder in bedrückendes Pathos ausarten könnte.

Doch bei einem österreichischen Regisseur wie Christian Himmelbauer muss man nicht bange um den richtigen Ton sein. Der Abschiedsabend wird so etwas wie ein vorgezogener Leichenschmaus, wo sich Trauer mit alkoholgeschwängerter Partystimmung vermengt, wo auch Familienfehden noch einmal ausgetragen werden. Der alte Luther-Satz wird umgewandelt: Trotz Tod bleiben wir doch vom Leben umfangen.

Ein Wechselbad der Gefühle

Ganz voller Gelassenheit ist der Todeskandidat. Ihn spielt Michael Haake sympathisch zurückhaltend. Ein Mensch, der mit sich im Reinen ist, der seine Entscheidung getroffen hat. Noch eine genussvoll gerauchte Zigarette, noch ein paar mühsame Tanzschritte zu den alten Lieblingssongs – diese sparsamen Gesten genügen Haake, um die Glücksmomente eines ganzen Lebens in Erinnerung zu rufen. Umso quälender ist dann die Intensität der Schlussszene, wenn der Arzt tatsächlich die tödlichen Spritzen setzt. Regisseur Himmelbauer beschönigt da nichts: Das Bett des Sterbenden ist mitten auf die Bühne gerückt. Es herrscht betroffene Stille bei den Zuschauern im Theater am Haidplatz. Erst nach langem Zögern setzt der Beifall ein, der fast frenetisch wird.

Diesen Beifall haben sich die Darsteller unbedingt verdient. Da sind einmal die Tochter (Julia Baukus) und die Geliebte (Silke Heise), anrührend in ihrer Mischung aus Ratlosigkeit und geduldiger Hilfsbereitschaft. Eher polternd und aufgebracht reagiert Bruder Michael (Christoph Bangerter), sensibel dagegen der autistische Ruben – in hinreißender Rainman-Qualität gespielt von Markus Boniberger. Nachdenklich und ganz ohne Weißkittel-Selbstsicherheit gibt sich Anton Schieffer in der Rolle des Arztes.

Den Besucher erwartet ein Wechselbad der Gefühle, denn die Tragik wird immer wieder durch Komik aufgebrochen. Theater, das unter die Haut geht!

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