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Premiere

Theater: Zurück in die 1940er Jahre

Die vierköpfige Truppe des Turmtheaters brilliert in Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“. Das Spiel handelt in New York.
Von Peter Geiger

Fred (János Kapitány) und Holly Golightly (Wiltrud Stieger) streicheln die Katze, die keinen Namen hat. Foto: Alba Falchi
Fred (János Kapitány) und Holly Golightly (Wiltrud Stieger) streicheln die Katze, die keinen Namen hat. Foto: Alba Falchi

Regensburg.Während der Roaring Twenties tauchte ein neuer Typus von Weiblichkeit auf: Das waren die nach dem Flügelflattern junger Vögel benannten „Flapper“-Girls. Sie kleideten sich extravagant, hörten Jazz und setzten sich über Althergebrachtes wie Anstandsregeln kurzerhand kopfschüttelnd hinweg. Ein verzögertes Echo einer solchen Göre – wie man das hierzulande genannt hätte – ein solcher Satansbraten respektive Wildfang ist Gerade-Noch-Teenager Holly Golightly. Ihr Alltag im New York der 1940er Jahre (ja, in Übersee tobt unterdessen der Zweite Weltkrieg) ist ein einziger „langer Sonntag“, wie Büchner das genannt hätte.

Und findet vor allem nachts statt: Sie lässt sich von Männern umschwirren. Feiert prickelnde Partys. Und säuft Gin, Cognac und Schampus. Obendrein verschwendet sie die paar Dollars, die ihr als „Toilettengeld“ von Männern gegönnt werden. Überfällt Holly nach solchen Nächten der Hochstimmung aber die Depression (sie selbst nennt das „das rote Elend“), fährt sie zum Edeljuwelier Tiffany. Und gönnt sich dort ein paar tiefe krampflösende Blicke ins Schaufenster.

Melancholischer Rückblick

Aber nicht nur Holly‘s (Wiltrud Stieger ist selbstbewusst genug, sich völlig überzeugend vom Hepburn-Vorbild zu lösen und ihren eigenen Weg zu finden) glamouröse Gegenwart birgt massenhaft Keime zur Missstimmung – es ist vor allem ihre von dunklem Nebel umwaberte Vergangenheit, vor der sie wegzurennen scheint wie eine herumstreunende Großstadtkatze.

Als Erzähler fungiert ihr Nachbar Fred (sehr, sehr präzise: János Kapitány) – der von der sicheren Warte der Nachkriegszeit aus melancholisch zurückblickt, auf jene Jahre, als Männer wie der Fotograf Mr. Yunioshi, der brasilianische Großgrundbesitzer José da Silva Pereira, Zeitungsreporter O.J. Berman (brillant in seiner Wandlungsfähigkeit: Tobias Ostermeier) oder Rusty Trawler (was für ein Kerl, dieser Martin Rüegg, der in der Schweiz ein großer TV-Star ist!) Schlange standen und um Holly‘s Hand anhielten.

Gar nicht zu reden vom Landarzt Doc Golightly, der wie ein Außerirdischer plötzlich auftaucht, im Big Apple, und seine Ehevertrags-Ansprüche auf Holly geltend macht. Trotzdem ist Truman Capotes Vorlage viel mehr als ein It-Girl-Report oder ein Schnappschuss aus der High Society: Es ist vor allem die ungeheuer präzise Bestandsaufnahme einer von Individualitäts-Fliehkräften formierten urbanen Gesellschaft, die sämtlichen geläufigen Klischees von Konservativität und Spießigkeit des Mid Century (wie das mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts mittlerweile genannt wird) zuwider läuft. Was wir zu sehen bekommen, ist vielmehr höchst divers und cool, auch pervers und gefährlich.

Und dass das wiederum in brillante Bilder und Szenen übersetzt wird, ist vor allem den vier grandiosen Schauspielern zu verdanken - aber auch der sicheren Hand von Regisseurin Anne Claussen und Ausstatterin Katharina Dobner. Natürlich muss man mit Superlativen sparsam umgehen.

Aber: Wie da der flache Turmtheater-Guckkasten bespielt wird, so dass jedes Inventarstück eine permanente Neuinterpretation erfahren kann (die Leiter kann zur Brooklynbridge ebenso hochführen wie in eine Mansarde) oder – puh! – wie die Herren (und ganz am Schluss, als Zugabe gewissermaßen, auch die Dame) tanzen, zu dem Andrews-Sisters-Klassiker „Boogie Woogie Bugle Boy“:

Großes Boulevard

Ja, das ist so begeisternd und zieht derart in den Bann, dass dem Publikum jede Art von Gedanke an etwaiges rotes oder andersfarbiges Elend ganz einfach ausgetrieben wird. Man fragt sich: Weshalb hat dieser Stoff von Truman Capote – der mit seinem Alter Ego Fred der flirrenden Holly einen verteufelt klugen, offenbar homosexuellen und trotzdem lichterloh für den Mädchen-Charme brennenden Antagonisten gegenüberstellt – nicht längst jenen Bühnenstatus erlangt, den beispielsweise Tennessee Williams-Stücke für sich beanspruchen? Diese Tiffany-Inszenierung im Turmtheater ist Boulevard-Theater im besten Sinne. Und sie erschließt den Besuchern Welten, die ansonsten nur von den Allergrößten wie einem Billy Wilder oder Woody Allen erzählt werden.

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