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Literatur

Thirza Zorniger und das Sauhundprinzip

Petra Morsbach liest in der Regensburger Dreieinigkeitskirche aus ihrem packenden neuen Roman „Justizpalast“.
Von Florian Sendtner

Petra Morsbach mit Moderator Erich Garhammer bei der Diskussion nach der Lesung in der Dreieinigkeitskirche Foto: Sendtner
Petra Morsbach mit Moderator Erich Garhammer bei der Diskussion nach der Lesung in der Dreieinigkeitskirche Foto: Sendtner

Regensburg. Auf der letzten Seite von Lion Feuchtwangers 770-Seiten-Roman „Erfolg“ vollendet der Schriftsteller Jacques Tüverlin „Das Buch Bayern oder Jahrmarkt der Gerechtigkeit“. In dem fiktiven Roman spiegelt sich natürlich der reale, der große Bayern-Roman Feuchtwangers, ohne den man dieses sonderbare Land niemals verstehen wird. Das erste der fünf Bücher des 1930 erschienenen Schlüsselromans, den die Bayern Feuchtwanger bis heute nicht verziehen haben, heißt „Justiz“. Einen Roman wie „Erfolg“ gibt es nur alle 100 Jahre, aber die sind ja bald um, kurzum: Er war fällig, der Roman „Justizpalast“ von Petra Morsbach. Am Donnerstag las die Schriftstellerin in der Dreieinigkeitskirche aus ihrem Werk, das seit seinem Erscheinen im vergangenen September Furore macht.

Thirza Zorniger. An diesen sperrigen Namen muss man sich erst gewöhnen, doch nach ein paar Seiten hat man sich festgelesen und kommt nicht mehr los von diesem Buch. Auf knapp 500 Seiten breitet Morsbach das Seelen-, Berufs- und Liebesleben der Richterin am Landgericht München I aus. Thirza Zorniger, Jahrgang 1956, nach außen unscheinbar. Das glatte Gegenteil einer Romanheldin, komplett ungeeignet, hieße es im Seminar für kreatives Schreiben. Genau das ist das Geheimnis von Morsbachs Roman: Er entdeckt in einer banal und grau erscheinenden Juristenkarriere das Umwerfende und Sensationelle.

Zugang zum Innenleben

Nach einer zehn Jahre währenden peniblen Recherche (im Abspann dankt die Autorin „etwa fünfzig Juristen“, darunter „über dreißig Richtern“) hat es Morsbach geschafft, Zugang zum Innenleben einer Münchner Richterin Anfang sechzig zu finden. Diese Zorniger ist natürlich erfunden, aber man spürt auf jeder Seite: Es gibt sie sehr wohl wirklich. Diese Frau sitzt einem in der U-Bahn gegenüber, und nur Petra Morsbach ist es gelungen, ihr ihre Lebensgeschichte zu entlocken.

Darin stehen die „Fälle“ im Vordergrund, also die Straf- und vor allem Zivilsachen, mit denen Zorniger zu tun hat, denn die Frau ist eine Vollblutjuristin. Aber wer jetzt glaubt, das lese sich wie staubige Akten, der weiß erstens nicht, dass es manchmal nichts Spannenderes gibt als staubige Akten, und zweitens wird das so elegant-schnoddrig heruntererzählt, dass es nicht selten an Wolf Haas erinnert. Drittens ist das Berufsleben dieser Thirza Zorniger ja untrennbar mit ihrem Privatleben verbunden. Nicht nur, weil sie so manches Wochenende den Akten opfert und schlicht nicht in der Lage ist, die „Fälle“ seelisch von sich fernzuhalten.

Da ist die Witwe des Taxifahrers, der Thirza Zorniger viel mehr Geld zuspricht, als ihr die knausrige Versicherung geben will, fast mehr, als das Gesetz erlaubt, doch die Witwe kapiert das nicht und bleibt gekränkt. Quasi alle Anstrengungen umsonst. Letzter, lakonischer Satz: „Thirza Migräne.“

„Literatur findet Stadt“

  • Petra Morsbach

    wurde 1956 in Zürich geboren, studierte in München Slawistik, Theaterwissenschaft und Psychologie sowie in Leningrad Regie.

  • Romane u. a.:

    „Plötzlich ist es Abend“ (1995), „Opernroman“ (1998), Geschichte mit Pferden“ (2001), „Gottesdiener“ (2004), „Der Cembalospieler“ (2008), „Dichterliebe“ (2013).

  • 2014 verfilmte

    Petra Morsbach die Erzählung „Der Schneesturm“ von Adalbert Stifter mit Christoph Maltz als Adalbert Stifter.

  • Preise u. a.:

    Marieluise-Fleißer-Preis (2001), Jean-Paul-Preis (2013), Wilhelm-Raabe-Literaturpreis (2017)

  • Die Reihe

    „Literatur findet Stadt“ ist eine Initiative des Evangelischen Bildungswerks und der Staatlichen Bibliothek Regensburg. Der Würzburger Theologe Erich Garhammer wählt die Autoren aus und moderiert die Lesungen.

Nein, keine selbstgerechte Richterin ersteht da vor den Augen des Lesers, sondern eine zwar durchaus versierte Juristin, die aber dennoch von Zweifeln und Selbstzweifeln geplagt ist. Erich Garhammer, der mit Petra Morsbach nach der Lesung noch ein Podiumsgespräch führte, wies auf diese Anfechtungen hin, die sowohl die Autorin Petra Morsbach als auch ihre „Heldin“ Zorniger auszeichneten.

Sehr reales Räderwerk

Im „Justizpalast“ ist es so, dass Zorniger noch in der Ausbildung auf den Rechtsgelehrten Gustav Radbruch stößt, von dem sie „elektrisiert“ ist. Radbruch war es, der 1922 als Justizminister die Frauen gegen heftigen Widerstand zum Richteramt zuließ, 1933 war es damit auch schon wieder vorbei. Und Radbruch war es, der über der imaginären Pforte zum Gerichtsgebäude den Spruch anbrachte: „Denn ein guter Jurist kann nur werden, der mit einem schlechten Gewissen Jurist ist.“

Während sich der Großteil der Romanleser in mittelalterlichen Märchenwelten und Fantasy-Paralleluniversen verliert, weil er mit der komplizierten Gegenwart nicht mehr zurechtkommt, gäbe es mit „Justizpalast“ einen handfesten, von der ersten bis zur letzten Seite packenden Roman, der einem auf knapp 500 Seiten das sehr reale Räderwerk der Justiz derart anschaulich erklärt, als säße man bei der Richterbesprechung mit am Tisch.

Genauer gesagt: Als juristischer Laie verstünde man ja wenig, säße man dabei. Petra Morsbach erklärt das auch noch alles, und zwar auf sehr unterhaltsame, nicht selten ausgesprochen witzige Weise. Etwa das „Sauhundprinzip“, das greift, wenn „die Gesetze nicht genau passen“: „Wo sitzen die Guten, wo die Bösen? Verurteile die Bösen und begründe das irgendwie.“

Da kann man nur hoffen, dass es die Richtigen erwischt.

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