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Kunst

Über den flüchtigen Augenblick hinaus

Form, Farbe, Struktur, Rhythmus prägen die Werke von Heiner Riepl. In der Regensburger Galerie Bäumler von Andrea Madesta zeigt er „Für Heraklit“.
Von Helmut Hein, MZ

Regensburg.Der Titel sorgt für Irritation. Und für Differenzen zwischen den Philosophie- und den Baustoff-Experten unter den Kunstfreunden. Für Heraklit? Da fehlt doch ein h, sagt einer, der offenbar mit den Vorsokratikern nichts im Sinn hat.

Für Heiner Riepl sind beide wichtig: Heraklith und Heraklit. Am Heraklith fasziniert ihn die Struktur. Denn wenn man sich von der Figur erst so vollständig gelöst hat, wie es bei ihm seit langem der Fall ist, dann schätzt man Vorgaben anderer Art. Es braucht immer einen Anfang, eine erste Entscheidung, dann kann man weiterarbeiten. Am Heraklith fallen die verflochtenen Fasern auf, die beides vereinen: Wiederholung, das Immergleiche. Und die kleine Abweichung.

Das ist schon nah an dem, womit sich Heiner Riepl, einst BBK-Chef, dann viele Jahre Leiter des Oberpfälzer Künstlerhauses in Schwandorf, seit langem beschäftigt: Form, Farbe und, ja, Rhythmus. Denn jede Wahrnehmung setzt Bewegung voraus.

Und Heraklit, der dunkelste unter den vorsokratischen Philosophen, von dem der Orakelspruch Panta rhei – Alles fließt – stammt und das düstere „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“? Heraklit stand, wie die meisten seiner philosophierenden Zeitgenossen, vor dem Problem, wie man denn mit dem reinen Fließen, der absoluten Nicht-Identität zurechtkommen kann. Kein Augenblick ähnelt dem nächsten? Dann kann man auch nichts sagen. Dann ist kein Bild möglich.

Das Fließende und das Feste

Heraklit und Co. hatten sich an einem Problem festgebissen, für das es keine Lösung zu geben schien., Parmenides und seine Schule meinten, das Fließen, die Bewegtheit der Dinge sei nur Trug. Alles sei im Grunde eins und unveränderlich. Andere hielten das, was bleibt, für Schein und Lüge. Erst Plato fand zu dem Kompromiss, der bis heute gilt. Es gibt Fließendes und Festes. Was fest ist und sein muss, das sind die Begriffe und Bilder. Mit ihrer Hilfe beschreiben und erkennen wir das, was in sich haltlos ist und permanent vergeht.

Und wie sieht das in der Malerei Riepls aus, die sich so demonstrativ dem dunklen Heraklit anvertraut? Da gibt es den Kampf der Linien, den Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Manchmal. Und manchmal triumphieren Anomie und Labyrinth. Dann können wir uns sehend verlaufen, etwa in den Öl-auf-Bütten-Arbeiten „Tohuwabohu I und II“ (2012). Oder er löscht in „Für Heraklit“ die Strukturen einer regelmäßigen Wirrnis, die sich dem Heraklith verdanken, mithilfe von Collagen, die für einen glatten, klaren Untergrund sorgen, auf dem ein neues Spiel beginnen kann.

Und wie arbeitet er? Wo fängt ein komplexes Bild jeweils an? Das ist gewissermaßen Betriebsgeheimnis. Nur soviel will er sagen. Meist geht es von außen nach innen. Also zuerst eine Art Rahmen, als erste Orientierung. Und dann? Das kann vom Zufall abhängen. Von dem, was sich ergibt und anderes erzwingt. Und oft geht es nicht weiter. Es gibt mehr unfertige Bilder als fertige. Man darf den Prozess nicht erzwingen. Man muss warten können. Oft schaut Riepl die Schubladen mit Fragmenten durch. Und manchmal sieht er plötzlich etwas. Dann kann es dort weitergehen, wo es vor langem stockte. Malen heißt nicht, dass alles so bleiben muss, wie es war. Keine Entscheidung ist endgültig. Wenn sie sich als hinderlich erweist, kann eine neue den Weg, der schon verschlossen schien, wieder öffnen.

Wie mehrere Bilder in einem

Bei der „Komposition V“ (2009) könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich da mehrere Bilder ineinanderschieben. Alles, was in uns vorgeht, braucht einen Raum, eine Szene. Die können sich auch verdrängen oder zumindest hart, verstörend aneinanderstoßen. Da gibt es Blau, ganz helles, ganz dunkles, das verläuft oder verschwimmt, ein signalhaftes Rot, ein helles Eckengelb, das in einer Art Schmutzgelb wiederkehrt. Und kräftige dunkle Balken, die alles gliedern. Ist das eine Welt in Auflösung, ein ruinöser Restkosmos? Oder eine Architektur, die gerade im Entstehen begriffen ist? Oder, mehr noch, der Versuch der Psyche, seine Unruhe und Erregung loszuwerden, indem sie Zeichen setzt, Pflöcke einschlägt.

Gute Malerei ist etwas für die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Jedenfalls will sie über den Augenblick hinaus. Sie darf also nicht nur das bezeichnen, was gerade zu sehen ist. Oder bloß eine Geschichte erzählen, die morgen schon wieder verschwindet. Haltbar sind Form, Farbe, Struktur, Rhythmus, wenn sie offen bleiben für viele Ereignisse. Wenn sich nicht nur diese eine Welt, die gerade da ist, in ihnen verfangen kann.

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