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Kultur
Samstag, 23. Juni 2018 18° 4

Konzert

Überirdisch schön, frei und ruhig

Jörg Widmann an der Klarinette und Sir András Schiff am Klavier begeistern im Neumarkter Reitstadel.
von Claudia Böckel

Jörg Widmann Foto: Marco Borggreve
Jörg Widmann Foto: Marco Borggreve

Neumarkt. Im Februar spielte Sir András Schiff im Neumarkter Reitstadel unter anderem zwei Zyklen mit Intermezzi von Johannes Brahms. Eine mögliche Antwort darauf gab es in diesem Konzert: Der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann, höchst erfolgreich in beiden Bereichen, hat im Jahr 2010 als Auftragswerk für die Salzburger Festspiele Intermezzi für Klavier komponiert, die deutlich auf Brahms rekurrieren. Zitate werden hörbar, strukturelle Elemente erinnern an Brahms, gewaltige Klänge werden geschichtet, feine Klanggespinste von dunklen Schlägen unterbrochen. Widmann selbst bezeichnet Brahms als seine Jugendliebe, die jetzt wieder aufgeflammt sei, ist begeistert von der „verstörenden Reduktion und lapidaren Kürze von singulärem Rang in der Klavierliteratur“. Diesem Ton des späten Brahms lauscht er in seinen eigenen Intermezzi nach. Andras Schiff spielte aufregend, intensiv, „mit dunkler Glut“, wie auch einer der Titel lautet. Das äußerst klug gewählte Programm dieses Konzertes stellte Widmanns Komposition Alban Bergs Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 gegenüber, die den Reiz novellistischer Skizzen haben, irgendwie offen wirken in all ihrer Knappheit.

Berg löst sich in diesen Stücken von der Tonalität. Die Dissonanz emanzipiert sich ebenso wie Rhythmik und Metrik von traditionellen Bindungen. Ruhig, betörend, getupft, intensiv ins Nichts sich entwickelnd, so nahm man diese Stücke in der genialen Interpretation der beiden Musiker wahr. Robert Schumanns Drei Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op. 73 wirkten in all ihren Facetten ausgeleuchtet. Die Klänge von Klavier und Klarinette mischten sich so gut, dass man nicht mehr unterscheiden konnte, von wem welche Tonleiterpassage gerade gespielt wurde. Den Rahmen für das ganze Konzert bildeten die beiden Klarinetten-Sonaten op. 120 von Johannes Brahms. Sie wurden geschrieben für den Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld, über den Brahms schrieb: „Man kann nicht schöner Klarinette blasen“. Das kann man genau so über Jörg Widmann sagen. Man kann anders Klarinette spielen, aber nicht schöner. Unaufgeregt und elegant gingen Widmann und Schiff diese Sonaten an, sehr klar in der Diktion, improvisatorisch in den Durchführungen, dann wieder einen Erzählton anschlagend. Schiff agierte zurückhaltend, wo es geboten schien, trumpfte aber mit klug gesetzten Schwerpunkten immer mal wieder auf. Überirdisch schön, frei und ruhig spielte man das Andante un poco adagio aus der f-Moll-Sonate, witzig formuliert und durchdacht aufgebaut den Schlusssatz. Die beiden Musiker hatten sichtlich auch am Zusammenspiel großen Spaß, befeuerten sich gegenseitig zu Höchstleistungen, so schien es.

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