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Installation

Unsere Freiheit legt sich zur Ruhe

Regensburger Künstler fragen nach Bezügen zwischen Schlaf und Selbstbestimmung – ein Weckruf im Rahmen der Kunstmesse.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Feldbetten, in Licht und Worte gehüllt: Ab 20. November ist die Installation in der Minoritenkirche zu erleben. Animation: Gruppe Paradoxa
  • Die Gruppe Paradoxa, von links: Raoul Kaufer, Stefan Ebeling und Peter Nowotny, in der Minoritenkirche. Das Kissen trägt den Titel der Installation: „Schlaf der Freiheit“. Foto: Sperb

Regensburg.„Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank“: Der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley bringt es plakativ auf den Punkt. „Der unausgeschlafene Mensch ist eine Null ... die Null einer Null“, sagt Theodor Fontane. „Schlaf ist die kompromisslose Unterbrechung der uns vom Kapitalismus geraubten Zeit“, formuliert der New Yorker Kunst-Professor Jonathan Crary in seiner düsteren Diagnose „24/7“.

Im Schlaf sind wir frei: unerreichbar für Anforderungen, Beobachtung, Konsumdruck, Konkurrenzzwang, Bevormundung. Das Regensburger Kollektiv Paradoxa sieht es so: „Der gelebte Traum der Konsumgesellschaft: weniger schlafen, mehr kaufen.“ Die Künstlergruppe (Peter Nowotny, Raoul Kaufer und Stefan Ebeling) untersucht das Spannungsverhältnis von Schlaf und Freiheit mit einer Installation in der Minoritenkirche.

Wer wach ist, wird zunehmend überwacht. Das Internet, vor 20 Jahren Schlüsselmedium der Freiheit, zeigt zunehmend seine zweite, dunkle Seite: als globaler Apparat für Überwachung. Wir lassen uns gängeln vom Nanny-Staat und unter Druck setzen durch datenhungrige Konzerne. Es ist aber nicht unbedingt so, dass wir gezwungen sind, uns offen zu legen. Freiwillig geben wir oft die Freiheit preis.

40 Feldbetten im Kirchenchor

Die Gruppe Paradoxa stellt von 20. bis 22. November, im Rahmen der Kunstmesse Regensburg, 40 Feldbetten in den Chor der Minoritenkirche. Ein schöner, stimmiger Ort: Die Grabtafeln an den Wänden mahnen an den Tod, den ewigen Schlaf. Und die einst klösterliche Umgebung erinnert daran, dass Menschen sich auch die Freiheit nehmen können, ihre Freiheit aufzugeben – und zum Beispiel in ein Kloster einzutreten.

Die streng seriell gereihten Betten sind die schlichte Basis für komplexe Assoziationen. Jede Bettstatt ist in Licht und Worte gehüllt. LED-Einheiten lassen die Betten optisch schweben, aus akustischen Mini-Boxen wispern Stimmen. Was zunächst wie ein gemurmelter Klangteppich aus Gute-Nacht-Geschichten klingt, wird beim Nähertreten hörbar als leise gesprochene Zitate zum Thema Schlaf.

Gedanken an die Flüchtlinge werden geweckt

Seit rund einem Jahr bereitet Paradoxa die Installation „Schlaf der Freiheit“ vor. Die Verwirklichung fällt jetzt in eine Zeit, in der Tausende Menschen jeden Tag in Deutschland Schutz und Freiheit suchen – und sich in neuen Zwängen zurechtfinden müssen. Die Feldbetten wecken natürlich den Gedanken an Flüchtlingslager an, an Menschen, die keine Ruhe finden. Schlafentzug ist nicht von Ungefähr von der UN-Menschenrechtskonvention definiert als Folter, dem Gegenteil von Freiheit. Wer längere Zeit nicht schläft, erlebt, wie seine Identität zersplittert.

Die Installation verkantet philosophische Gedanken über den Schlaf mit der sozialen Realität. Sie konfrontiert die Wechselwirkungen von individueller und gesellschaftlicher Freiheit. „Wer macht uns frei? Wir selbst?“, fragt Raoul Kaufer bei einem Pressegespräch, das kaum ein Ende finden will, weil die Begriffe so stark zu schillern beginnen.

Nicht einmal Gedanken sind frei

Eines ist Paradoxa wichtig: Die Installation ist ein Denkangebot, keine Bevormundung, kein pädagogischer Rat, wo die Freiheit zu suchen ist. „Wir geben nur den Anstoß“, sagt Stefan Ebeling. „Ob der Besucher ihn annimmt, bleibt ihm überlassen.“

Die Gedanken sind frei? Auch das stimmt nur eingeschränkt. Jüngstes Beispiel: Im Oktober verurteilte ein Gericht in Teheran einen iranischen Regisseur zu sechs Jahren Haft und 222 Peitschenhieben, wegen eines regimekritischen Projekts. Der Film existierte noch gar nicht; bestraft wurde der Filmemacher allein für die Idee.

Die Installation „Schlaf der Freiheit“ ist im Rahmen der Kunstmesse Regensburg in der Minoritenkirche zu sehen: Freitag bis Sonntag, 20. bis 22. November. Die ideale Zeit für den Besuch ist, der Lichtverhältnisse wegen, gegen 17 Uhr.

Die Kunstmesse Regensburg

  • Im Leeren Beutel

    Die Kunstmesse Regensburg (20. bis 22. November) ist am Freitag (10 bis 20 Uhr), Samstag (10 bis 22 Uhr) und Sonntag (10 bis 18 Uhr) geöffnet, alle Details: www.kunstmesse-regensburg.de. Zusatz-Aktionen: Auf dem Dachauplatz stellt die Künstlergruppe Pertolzhofen im Kunstcontainer Skulpturen von Mizuho Matsunaga aus. Der Neue Kunstverein am Schwanenplatz zeigt Arbeiten von Minyoung Paik.

  • In der Minoritenkirche

    Marcel Tyroller zeigt eine raumgreifende und raumerzeugende Kinetische Arbeit. Jessica Kallage-Götze inszeniert ihre Wachsobjekte in einer speziellen Beziehung zum Kirchenraum. Das Münchner Co-Laborativ lässt einen 3D-Drucker arbeiten. Die Gruppe Paradoxa zeigt die Installation „Schlaf der Freiheit“. Wigg L. Bäuml zeigt die Installation „mare nostrum“.

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