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Ausstellung

Unter dem Zeichen des Mondes

Eveline Kooijmans wunderbare Ausstellung „Ein Flüstern aus Laub und Sternen“ bis 3. Juni in der Augenklinik Regensburg
Von Helmut Hein, MZ

Eveline Kooijmans „Nova Noir“ aus dem Jahr 2014 Fotos: Kooijman
Eveline Kooijmans „Nova Noir“ aus dem Jahr 2014 Fotos: Kooijman

Regensburg.Eveline Kooijman, 1980 im niederländischen Dordrecht geboren und seit 2010 als freischaffende Fotografin in Regensburg tätig, ist eine Suchende. Wer sucht, weiß noch nicht, was er finden wird. Er muss offen sein für das, was sich zeigt. Im Grunde gehört Kooijman zum Typus des abenteuernden Flaneurs, wie ihn einst der Surrealist André Breton beschrieb. Nur dass sie auf der Suche nach einer unverhofften Begegnung, die alles verändert, nicht die Städte durchstreift, sondern die Wälder; gerne auch nachts.

Ihre Passion gehört der Natur, aber sie bleibt sich stets bewusst, dass sie nicht unberührt ist, sondern Zeugnis ablegt vom menschlichen Wirken; im Frieden wie im Krieg. Am drastischsten ist das bei ihrer „Nova Noir“-Serie. Was auf den ersten Blick wie die verkrustete Oberfläche des Mondes oder eines fernen Planeten wirkt, ist tatsächlich geschichtsträchtige Erde, die von Evedline Kooijman in Szene gesetzt und durch ein Rohr fotografiert wird.

Die Wundmale der Geschichte

Denn Kooijman ist auch eine Geschichtsforscherin im Sinne Alexander Kluges. Sie gräbt nach dem, was wir längst vergessen oder verdrängt haben. Sie vermisst Kriegsschauplätze von einst, über die Gras gewachsen ist. Auch so entsteht ein Bild der Heimat. Der ästhetische Prozess, der diese trocken-verkrusteten Bodenproben, die scheinbar nichts bedeuten, in den Rang eines Symbols erhebt, soll Erinnerung ermöglichen und ein Bewusstsein der vergehenden Zeit, die so vieles enthält, auch Grausames.

Eveline Kooijman wurde 1980 im niederländischen Dordrecht geboren und lebt seit 2010 als freischaffende Fotografin in Regensburg.
Eveline Kooijman wurde 1980 im niederländischen Dordrecht geboren und lebt seit 2010 als freischaffende Fotografin in Regensburg.

Eveline Kooijman beschränkt sich aber nicht auf solche Nahaufnahmen. Sie dringt weiter vor, in den Mikro- und in den Makrokosmos. Wo sie eben noch eine politisch bewusste Zeitgenossin war, die nach den Wundmalen der Geschichte sucht, wird sie im nächsten Moment zu einer Naturwissenschaftlerin, die freilich den Dingen ihr Geheimnis lässt.

Nicht Sterne, sondern Muttermale

Konstellation heißt dabei das Zauberwort. In der „Sternenhimmel“-Serie nähert sie sich dem Verhältnis der Dinge zueinander auf verspielte Weise. Was zunächst wie ein komplexes Sternbild wirkt, erweist sich rasch als der muttermalübersäte Rücken eines Mannes bzw. einer Frau; die einzelnen Male verbindet Kooijman durch weiße virtuelle Linien. Als Fotografin bildet sie nicht einfach ab, was „ist“ – wie immer das auch aussehen könnte –, sondern verändert und ergänzt das Sichtbare. Spätestens seit Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ weiß man, dass selbst die einfachste Wahrnehmung sehr voraussetzungsreich und voller subjektiver Zutaten ist.

Die Verbindung von Muttermalen ergibt ein Sternbild: „Babel“
Die Verbindung von Muttermalen ergibt ein Sternbild: „Babel“

Die Neugier nimmt bei Eveline Kooijman rasch romantische Züge an. Sie sucht in der Welt nach Ähnlichkeiten und Entsprechungen. Kausalität ist für den Künstler nicht alles; genauso entscheidend ist, wie uns die Dinge (be)rühren und was sie in uns auslösen. Kooijman liebt die Versuchsanordnung, das Experiment. Deshalb arbeitet sie gern seriell: Was passiert, wenn man das scheinbar Gleiche leicht verrückt? Welche andere Perspektive eröffnet sich da?

Lust an der Metamorphose

Ihre größte Lust scheint die an der Metamorphose zu sein: beobachten, wie die Gestalten sich verändern und ineinander übergehen. So wird bei ihr selbst die Naturfotografie zum Ereignis: Sie zeigt sich nicht nur das, was wir kennen, sondern immer noch etwas anderes. Der Künstler ist bei ihr nicht nur ein Welten-Archivar, sondern auch ein Welten-Schöpfer. Er bereichert uns, weil wir in eine Welt neben der vertrauten eindringen können. Das kann verstören oder sogar ängstigen, aber die Mitte der Irritation bildet stets eine fremde Lust, selbst noch bei scheinbar schlichten Bildern wie „Holunder im Mondlicht“.

„Sternschnuppen“
„Sternschnuppen“

Eveline Kooijmans Natur ist menschenleer; zunächst einmal. Denn sie hat ein Faible dafür, zum Beispiel den Wald als Bühne zu betrachten. Schauspieler treten auf, die auf der ersten Blick fremd wirken, nicht nur, wenn sie bunt-sommerliche afrikanische Kleidung tragen. Aber diese Fremdheit ist nur das erste. Denn Eveline Kooijmans Porträts sind immer eine Erkundung der conditio humana. Auch wenn sie die romantisch interpretiert; gewissermaßen unter dem Zeichen des Mondes, dem viele ihrer Aufnahmen das einzige Licht verdanken.

Die Ausstellung „Ein Flüstern aus Laub und Sternen“ mit Werken von Eveline Kooijmans ist bis 3. Juni 2016 in der Augenklinik Regensburg, Prüfeninger Straße 86, zu sehen.

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