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Konzert

Venezianisches Opernfeuer in Neumarkt

Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse glänzten mit einem Cavalli-Programm bei den Konzertfreunden Neumarkt.
Von Juan Martin Koch

Konkurrenzloser Sänger mit groovender Begleitband: Philippe Jaroussky und Artaserse im Neumarkter Reitstadel Foto: Juan Martin Koch
Konkurrenzloser Sänger mit groovender Begleitband: Philippe Jaroussky und Artaserse im Neumarkter Reitstadel Foto: Juan Martin Koch

Neumarkt.Ein ganzer Abend mit Musik aus Opern Francesco Cavallis? Nur etwas für Alte-Musik-Freaks? Mitnichten, zumindest wenn Kapazitäten wie Philippe Jaroussky und sein Ensemble Artaserse sich ans Werk machen, ein im Wechsel von Instrumentalsätzen und Arien stimmig ausbalanciertes Programm zusammenstellen und es mit der größtmöglichen Brillanz servieren.

Einmal mehr waren es die Neumarkter Konzertfreunde, die ein solch exquisites Klangerlebnis im Reitstadel ermöglichten, diesmal im Verbund mit den Nürnberger Gluck-Festspielen. Das macht inhaltlich insofern Sinn, als Cavalli in der Nachfolge Claudio Monteverdis die Gattung Oper in Venedig maßgeblich popularisierte, dabei aber in seinem Umgang mit den vokalen Formen noch sehr variabel war. Hier sind keine endlosen Da-capo-Arien durchzustehen, ganz im Sinne des späteren Opernreformators Gluck geht die Musik vielmehr sehr flexibel und sinnlich auf die Texte ein. Im besten Fall ergibt das in sich geschlossene Miniaturdramen.

Atemberaubende Vokaltechnik

Genau so agierte der französische Countertenor, der in seinem Fach stimmtechnisch praktisch außer Konkurrenz unterwegs ist. Seine Fähigkeit, Töne aus dem Nichts zu voller, expressiver Blüte anschwellen zu lassen oder umgekehrt im leisesten Verklingen noch mit einem kleinen Vibrato-Tupfer zu verabschieden, ist atemberaubend.

Am schönsten kam das in langsamen, sparsam begleiteten Arien zur Geltung, etwa im anfangs nur von
Theorbe und Harfe zart umhüllten Lamento aus „Il Ciro“. Doch auch in einem keck gegen den Strich gebürsteten, humoristisch-volkstümlichen Kabinettstückchen wie dem „Che città“ brilliert Jaroussky. Was bisweilen an Volumen fehlt, gleicht er spielend durch Nuancierung der Vokalfarben aus.

Das Spiel der zwölf Musiker von Artaserse gleicht dabei eher dem einer groovenden Band als dem eines Spezialistenensembles, von historischer Askese keine Spur. Dafür sorgt schon Perkussionistin Michèle Claude, die mit Kastagnetten, Vogelgezwitscher und Windmaschinen kleine theatrale Klanglandschaften zaubert oder Geiger und Zinkenisten gegeneinander aufstachelt. Apropos Zinken: Was Adrien Mabire und Benoît Tainturier an diesen heiklen Blasgeräten (und an Flöten) abliefern, spottet jeder Beschreibung. Wie sie in der Arie des Idraspe aus „Erismena“ die aberwitzig sich verzweigende Vokallinie aufgreifen und weiterspinnen – zum Niederknien.

Viel Spielraum

Die viel Spielraum lassenden Partituren Cavallis werden großzügig und unter voller Ausnutzung des Apparates realisiert. Ab und an schießen die Musiker dabei etwas übers Ziel hinaus und die Singstimme geht beinahe etwas unter. An anderer Stelle wächst diese dann aber auch wieder unnachahmlich aus dem Ensembleklang heraus, wie im „Misero, cosi va?“ aus „Eliogabalo“.

Das war nur eine von vielen Arien im zweiten Programmteil, die auf dem von Cavalli gern genutzten Prinzip des durchlaufenden Bassmodells basieren. Diese können schwermütig absteigend Liebesschmerz heraufbeschwören oder im Sinne eines Reigens munter vorwärtstreiben. Spätestens nach dem abschließenden „All’ armi mio core“ aus „La Starira“ kannte der Reitstadel kein Halten mehr. Bei der ersten Zugabe, dem hinreißenden „Se dolce è il tormento“ Claudio Monteverdis spürte man dann aber auf einmal auch, was man in den beiden Cavalli-Stunden manchmal vermisst hatte: eine in ihrer Schlichtheit und scheinbaren Natürlichkeit wahrhaft in Seelentiefen vordringende melodische Qualität.

Eine Hommage an João Gilberto

Nach der berückenden Darbietung Jarousskys hätte man eigentlich schweigend heimgehen wollen, doch ein flotter Cavalli war natürlich noch drin. Überraschender kam dann die Hommage an den kürzlich verstorbenen João Gilberto, wobei das „Girl from Ipanema“ dann allerdings mehr als nur haarscharf am Format des überragenden Bossa-Nova-Interpreten und Schöpfers eines Epoche machenden Musikstils vorbeischrammte. Egal, wer so singt und spielt, kann sich auch mal so etwas erlauben.

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