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Kultur
Sonntag, 15. Juli 2018 30° 4

Auftritt

Viel Schmäh von Haindling

Hans-Jürgen Buchner präsentiert mit seiner Band im Audimax vertraute Hits und lästert über Handys. Neue Nummern bleiben rar.
Von Michael Scheiner

Hans-Jürgen Buchner alias Haindling im Regensburger Audimax: Er beglückt seine Fans mit bekannten Liedern und klagt über Smartphones. Foto: Niering
Hans-Jürgen Buchner alias Haindling im Regensburger Audimax: Er beglückt seine Fans mit bekannten Liedern und klagt über Smartphones. Foto: Niering

Regensburg.„Steht’s amal auf“, fordert Hans-Jürgen Buchner zur Begrüßung das Publikum im voll besetzten Audimax auf. Nach dem kollektivem Scharren der Füße und nachdem sich alle Besucher aus den gepolsterten Sitzen erhoben haben, erklärt der musikalische Kopf der Band Haindling spitzbübisch: Bewegung sei gut und: „Ihr seid’s ja scho lang g’sessn.“ Buchner lässt seine folgsamen Zuhörer gleich noch einige entkrampfende und befreiende Ha-Schreie ausstoßen. Das mache er jeden Morgen bei der Dusche, sagt er; dann fühle er sich gut.

An die „vielen Leute“, die ihn und die Band nur mit „Paula“ in Verbindung bringen, dem Titelsong zur Fernsehserie „Zur Freiheit“, adressiert der Niederbayer noch mit trockener Ironie den Hinweis auf ein vielfältiges Programm aus 35 Jahren. So lange steht Haindling schon auf der Bühne. Allerdings saßen sicher nicht allzu viele Zuhörer im Betonrund des Audimax, die zum ersten Mal ein Konzert von Buchner und seinen eingeschworenen Kollegen besuchten. Unter großem Beifall begrüßte die Band eigens ein Ehepaar aus Sachsen, das bereits zum 46. Besuch eines Haindling-Konzerts angereist war. „Was duast’n du da“ bekam das Paar in bestem bayerischen Slang und leichtem Neue-Deutsche-Welle-Stil gleich an den Kopf geworfen.

Larmoyanter Kulturpessimismus

Tatsächlich zog die Band im Lauf des Abends Lieder aus frühen Alben der 1980er Jahre ebenso hervor, wie ihre allseits beliebten und ständig aufgewärmten Klassiker und einige wenige neuere Songs. Wahrscheinlich würde Buchner, vehementer Kämpfer für den Erhalt des bayerischen Dialekts, der Begriff „Song“ gleich sauer aufstoßen. Ähnlich, wie ihm der massenhafte Gebrauch von Smartphones offensichtlich gewaltig gegen den Strich geht.

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In einer ellenlangen abfälligen Rede schmähte Buchner mit larmoyantem Kulturpessimismus die Nutzer dieser digitalen Alltagsgeräte. Smartphone-Nutzer seien überall zu finden, im „tiefsten Dschungel“, am Strand, unter armen Leuten. Sie hätten „600 Freind“ und würden dabei vereinsamen, weil sie keinen einzigen kennen. In einer komödiantischen Sequenz stellte Buchner mit dem Bandkollegen Michael Braun ein Ehepaar nach, das über Handys miteinander kommuniziert – um musikalisch nachzulegen: „Achtung, Achtung, wer ist einsam?“

„Paula“ von Haindling: Ein Video sehen Sie hier.

Abgesehen davon, dass dieses stockkonservative Gejammere über den sozialen Niedergang der Menschheit einen Bart hat, der bis zu Sokrates zurückreicht, zeugt derlei Unsinn nicht gerade für einen offenen Blick auf junge Leute und aktuelle Entwicklungen. Nun ist der musizierende Keramikermeister vor wenigen Wochen immerhin auch schon 73 Jahre alt geworden und ein Ausruhen auf dem Erreichten sei ihm auch uneingeschränkt zugestanden. Nur macht Buchner das inzwischen seit Jahren. Es kommen zwar immer wieder Filmmusiken hinzu, die sein immenses und zeitweise popmusikalisch richtungsweisendes Oeuvre vergrößern. Doch substanziell neue Lieder, die wie das dadaistische „Du Depp“, „Schwarzer Mann“, „Der rote Fluss“ oder das listige „Spinn I“ auch inhaltlich noch Relevanz besitzen, kommen kaum noch zustande. Wenn bei jüngeren Alben Schafe mit rührseliger Spießigkeit über den Sinn des Lebens nachdenken oder „Der Mond“ die Erdbewohner mit „mei san de bled“ abtut, dann kann Haindling damit zwar seine Fans überzeugen und beglücken, aber sonst keinen Stich machen.

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Einen auch musikalisch originellen Einfall gegenüber dem inhaltlich sehr ähnlichen Auftritt zum 30-jährigen Bandjubiläum vor sechs Jahren in der Donauarena stellte die „Plastiksackband“ dar. Als gewitzte Kritik am – trotz gegenteiliger Beteuerungen – stetig zunehmenden Einsatz von Plastik spielte die schrill verkleidete Band das rhythmisch gut aufgelegte Lied „(Du) Depp“ auf umgebundenen Plastikfolien. Obligatorisch: „Leit halt’s z’samm“, das zum Schlager verkommene „Bayern“ und andere populäre Haindling-Songs zum Mitsingen und zum Mitschnippen.

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