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Komödie

Vier Hasis auf dem Weg nach Hasachstan

Die Premiere von „Venedig im Schnee“ unter der Regie von Tobias Ostermeier sorgt für viel Heiterkeit im Turmtheater.
von Peter Geiger, MZ

Gelungene Premiere im Turmtheater: für János Kápitàny, Kay Waidelich, Melanie Rainer und Silke Heimann.
Gelungene Premiere im Turmtheater: für János Kápitàny, Kay Waidelich, Melanie Rainer und Silke Heimann. Foto: ElenaDublaski/Turmtheater

Regensburg.Kennen Sie schon das Modewort der Saison? Es lautet „Postfaktisches Zeitalter“ und bezieht sich auf ein weltweit grassierendes Phänomen: Viele Menschen verweigern sich offenkundigen Tatsachen und spinnen sich stattdessen ein in einem Kokon, der aus Verschwörungstheorien und Wunschdenken gestrickt ist.

Was das mit „Venedig im Schnee“ zu tun hat, der Komödie aus der Feder des Franzosen Gilles Dyrek, die am Freitag unter der Regie von Tobias Ostermeier Premiere feierte? Ziemlich viel! Denn auch da geht’s um hartnäckige Realitätsverweigerung – und zwar mit allen Mitteln, die das Lehrbuch der Klinischen Psychologie zur Verfügung stellt. Kurz zu den – ähm, Fakten: Zwei Ehepaare treffen aufeinander, die beiden superspießigen Pantoffeltierchen Jean-Luc (János Kapitány) und Nathalie (Silke Heimann) haben Christophe (Kay Waidelich) und Patricia (Melanie Rainer) zum Essen eingeladen. Die Gastgeber leben in einem Käfig aus Harmonie, umgurren sich gegenseitig als „Hasi“ und „Schatzi“ und verbreiten sich unablässig über ihre Hochzeitsvorbereitungen. Das Gästepaar dagegen? Zwischen den beiden knistert’s vernehmlich. Sicher auch erotisch. Aber gerade ist der Ofen aus, weil sie ihn der Feigheit und des Schlappschwanztums zeiht. Wogegen er sich vergeblich zur Wehr setzt. Sie droht mit sofortigem Abbruch aller Beziehungen und verweigert jedes weitere Wort. Weshalb sie in der gemeinsamen Gesprächsrunde schweigt.

Warme Höhle des Helfenwollens

Und Nathalie ins Grübeln gerät: Könnte es nicht sein, dass diese Frau da, dass sie Ausländerin ist? Ja, das muss es sein! Und so mündet das Spiel der Vier in der Fiktion, Patricia käme aus dem Lande „Hasachstan“ (mit einem für Fremdsprachen so bezeichnenden kehligen Auftaktkonsonanten gesprochen!). Dieser Staat irgendwo im Südosten ist fürchterlich arm und leidet unter den Folgen eines schrecklichen Bürgerkriegs. Patricia gerät nun in hasachischer Sprache außer sich, vor allem, weil sie ihre Rachegelüste so herrlich befriedigen kann, mit diesem ihren Christophe so peinigenden falschen Spiel. Jean-Luc und Nathalie dagegen wühlen sich in ihrer Naivität immer tiefer hinein in die warme Höhle des Helfenwollens. Und packen nach und nach alles, was in ihrem Hausstand in die Jahre gekommenen, funktionsuntüchtig ist oder sowieso weg muss in einen großen Spendensack. Spätestens nach der Pause hat die Überzeugungskraft der Hasachstan-Fiktion den Härtegrad einer Fuhre Frischbeton in der Verschalung erlangt. Vor allem Nathalie, diese Tyrannin kleinteiliger Wohlgeordnetheit, verweigert sich jedem auch noch so schlüssigen Argument. Sie will partout das Offensichtliche nicht erkennen! Selbst, wenn Christophe Nathalie mit der Nase auf Patricias Personalausweis stößt („Sie ist in Köln geboren!“) und ihr vorführt, wie sehr sie genasführt wurde, sie bleibt ihrer Lieblingsüberzeugung treu.

Rückzug auf Häuslichkeit

Nur an einem Punkt, da ist Nathalie empfindlich: Wenn von „Venedig im Schnee“ die Rede ist, da hat für sie der Spaß ein Loch. Dass dieses Innerste, in dem sie sich getroffen fühlt, freilich nur eine große Leere ist – das gehört zum didaktischen Programm dieses Stückes. Das uns vor Augen führen möchte, zu welcher Art von Terrorismus der Rückzug auf Häuslichkeit und Zweierbeziehung führen können. So lobenswert das alles ist – es könnte aber auch ein bisschen langweilig sein. Weil wir Zuschauer mehr als eine Spielstunde lang Hasi-Paare vorgeführt bekommen, die stets aus der gleichen Richtung auf uns zusteuern. Dass trotzdem kein Überdruss aufkommen mag, liegt vor allem an den Schauspielern. Silke Heimann ist eine grandiose Nathalie, die sich offenkundig ihre abgründige Freundlichkeit mit ganz viel Disziplin ins Gesicht zementiert. Und János Kapitány interpretiert den Jean-Luc als fahrigen „Gutmenschen“, als einen, der sich nur solange auf Anständigkeit und Moral beruft, solange er nicht dafür einstehen muss. Aber auch Kay Waidelich und Melanie Rainer überzeugen, indem sie den Vulkan, der in den Herzen brodelt, verbissen weglächeln oder lustvoll hochköcheln lassen. Verantwortlich fürs große Ganze ist Regisseur Tobias Ostermeier, der diesem Spiel der widerstrebenden Kräfte feste Zügel anlegt und uns Zuschauer so 100 Minuten entführt, in die Wahnwelten des postfaktischen Zeitalters.

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