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Beatles-Dokumentarfilm

Vier junge Männer verändern die Welt

Ron Howards Dokumentarfilm „Eight Days a Week“ nimmt das Phänomen der „Beatlemania“ unter die Lupe – mit neuem Material.
Von Helmut Hein, MZ

Der Film „Eight Days a Week“ zeigt die Beatles in der Zeit intensiver Konzertreisen.
Der Film „Eight Days a Week“ zeigt die Beatles in der Zeit intensiver Konzertreisen. Fotos: StudioCanal/dpa, afp

Regensburg.„Hysterisch“? Wer so die Reaktionen heutiger Teenager auf das Erscheinen ihrer Pop-Idole beschreibt, der weiß offenbar nicht, wovon er redet oder schreibt. Und er weiß es nicht, weil er „damals“, in den wilden Tour-Jahren der „Beatles“ in den 1960er Jahren, nicht dabei war. Diese „Fab Four“ aus den Liverpooler Arbeiterbezirken lösten tatsächlich weltweit, also in den unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaften etwas aus, was man zurecht als Massenhysterie oder, mit einem Begriff, auf den sich Medien, Medizin und Psychiatrie rasch einigten, als „Beatlemania“ bezeichnet.

Und wie äußert sich diese Beatles-Verrücktheit? Ron Howard, der Hollywood-Blockbuster-Regisseur und zweimalige Oscar-Gewinner, zeigt es hautnah und mitreißend. Er verwendet ausschließlich dokumentarisches Material, das zum Teil in den Archiven verschollen war und also „neu“ ist, montiert es aber so rasant und geschickt, als wären wir Zeuge eines effektsicher in Szene gesetzten Biopic.

Bilder, die sich einbrennen

Selbst wer der Meinung ist, er habe eine recht präzise Vorstellung davon, was John, Paul, George und Ringo vor allem bei Mädchen und jungen Frauen auslösten, muss diese Bilder sehen, die sich einem einbrennen. Kreischende, heulende, massenhaft in Ohnmacht fallende Teenager, das sagt sich so leicht, aber man muss es sehen, um wirklich Bescheid zu wissen. Nein, nicht Bescheid zu wissen, denn was genau diese in den puren Wahn kippende Euphorie auslöste, bleibt ja rätselhaft, unergründlich. Aber man bekommt „Stoff“ aus erster Hand fürs spätere Nachdenken.

Die Beatles galten als Vorboten einer Kulturrevolution. Foto: dpa
Die Beatles galten als Vorboten einer Kulturrevolution. Foto: dpa

Die „Beatles“ waren wirklich neu. Man kann ihre Wirkung nicht mit der braver europäischer Rock’n’Roller, aber auch nicht mit der von Elvis Presley oder Chuck Berry vergleichen. Die Erregung und Unruhe, die von diesen ausging, war entweder rein sexuell (Presley) oder renitent-vitalistisch (Chuck Berry), blieb also gewissermaßen privat. Die Beatles aber waren Vorboten der kommenden Kulturrevolution.

Sie waren ein soziales und politisches Phänomen. Junge Männer, die sich nichts mehr vormachen und vorschreiben lassen wollten, die also in den Augen der Etablierten frech waren, Position bezogen und folgenreich mitredeten. Etwa wenn es um die Rassentrennung ging, die in den amerikanischen Südstaaten üblich war. Sie widersetzten sich. Sie hielten diese Form von öffentlich praktiziertem Alltagsrassismus für absurd und widerlich. Und sie würden mit Sicherheit nicht in dem Stadion von Columbus auftreten, solange es streng getrennte Blöcke für „Neger“ und Weiße gab.

Keine Apartheid mit den Beatles

Sie ließen sich auch nicht einschüchtern, als man ihnen mit Rechtsfolgen drohte. Schließlich gab es ja einen gültigen Vertrag. Am Ende gaben die für die Apartheid Verantwortlichen nach, weil sie – zurecht – einen Aufruhr fürchteten, wenn das Konzert nicht stattfinden sollte. Die „Rassen“ durften sich mischen und im Bann der Beatlemania verbrüdern. Noch wichtiger: Die Aufhebung der Segregation blieb kein einmaliges Ereignis. Was einmal gewährt wurde, lässt sich nicht mehr zurücknehmen. Die Beatles schrieben Politik-Geschichte.

Die Beatles (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, entwickelten live eine besondere Energie. Foto: dpa
Die Beatles (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, entwickelten live eine besondere Energie. Foto: dpa

Und sie spielten laut und leidenschaftlich. Wer diese frühen, noch scheinbar schlichten Songs nur im heimischen Wohnzimmer gehört hat, der hat keine Vorstellung davon, welche Energie die Beatles live verströmten. Das war keine Band wie alle anderen, das war ein großes Tier und eine große Maschine. Dass sie wie ein kompakter Organismus wirkten, hatte mit einigen Grundentscheidungen zu tun, die ihr Manager Brian Epstein getroffen hatten.

Einst im Cavern Club trugen sie noch Jeans und abgewetzte Lederjacken, jeder der Vier sah anders aus. Jetzt steckte sie Epstein in identische Anzüge mit engen Röhrenhosen, die Pilzköpfe, also die Beatles-Einheitsfrisur dieser Tage, machte sie ohnehin leicht verwechselbar. Die Show konnte losgehen. Und wie! Das waren keine melodiösen Liebeslieder mehr, sondern wüste Eruptionen, die von etwas kündeten, das jeder Zuschauer und jede Zuschauerin in sich zu spüren meinte – in der Form einer nackten Sehnsucht, die hier erstmals ihren Ausdruck fand.

Die Beatles veränderten vieles. Auch die Art der Auftritte. Früher spielte man in Clubs oder, wenn man ein großer Star war, in Hallen. Aber rasch wurden auch die größten Hallen zu klein für die Beatles. Ron Howard zeigt in „Eight Days a Week“ die kilometerlangen Schlangen, die sich in Straßenbreite vor den Kassenhäuschen bildeten – und die elende Verzweiflung bei denen, die draußen bleiben mussten. Um die Kids von der Straße zu holen und vor übereilten Handlungen zu bewahren, plädierten Polizei und Ordnungsämter dafür, doch in Stadien umzuziehen. Ein Novum in der Popgeschichte, das sich der Angst vor Massenhysterien verdankte – und heute längst für die ganz Großen gedankenlose Routine ist.

„Größer als Jesus“ – dieser beiläufige Nebensatz von John Lennon löste in den USA ein Anti-Beatles-Kampagne aus. Foto: dpa
„Größer als Jesus“ – dieser beiläufige Nebensatz von John Lennon löste in den USA ein Anti-Beatles-Kampagne aus. Foto: dpa

Und warum hörten die Beatles, im Moment des größten Erfolgs, nach nur drei Jahren „on the road“, plötzlich mit dem Touren auf? Weil auch das Schöne erschöpft – und unschön enden kann. John Lennon hatte ein Interview gegeben, in dem er beiläufig sagte, dass die Beatles jetzt größer wären als Jesus, womit er die simple Tatsache meinte, dass die Kirchen immer leerer und die Stadien immer voller wurden.

In England sorgte diese Bemerkung nicht für das geringste Aufsehen, aber in den USA, dieser Gründung religiöser Fundamentalisten, begann eine Hexenjagd ohnegleichen. Radiostationen riefen zur öffentlichen Verbrennung von Platten, Plakaten und so weiter auf – aber das ist schon eine andere Geschichte.

„Eight Days a Week“ läuft in den kommenden Wochen unter anderem jeweils Sa. und So. um 14 Uhr im Garbo-Kino in Regensburg.

Hier geht es zur Kinoseite.

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