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Symposium

Vom Loch zum Gänsemarsch

Zehn Tage lang malten, zeichneten und formten Kunstschaffende Kreatives zum Thema Bewegen und „Unterwegs sein“.
Von Michael Scheiner

Das Werk „Anwesend-abwesend“ von Tony Kobler wurde im Apfelbaum präsentiert. Foto: Scheiner
Das Werk „Anwesend-abwesend“ von Tony Kobler wurde im Apfelbaum präsentiert. Foto: Scheiner

Neukirchen.„Endlich mal eine ganze Woche an einem Projekt durcharbeiten und abends andere Standpunkte kennenlernen können.“ Ein solcher enthusiastischer Satz klingt vermutlich in den wenigsten Ohren nach einem Beamten. Der Regensburger Künstler Tony Kobler, der ihn wie einen Stoßseufzer ausgestoßen hat, hat mit sechs anderen Kreativen an einem Kunstsymposium in Neukirchen teilgenommen. Organisiert hat es zum Thema „Unterwegs sein, was uns bewegt“ die Vorsitzende des Neuen Kunstvereins Regensburg, Renate Haimerl-Brosch, in ihrem Elternhaus. Keiner der „sieben Glorreichen des Symposiums“ hat sein bisheriges Leben mit der Kunst bestreiten können. Daher Koblers inbrünstiger Seufzer, mit dem er den zehntägigen Schub an kreativer Energie und Umsetzung seiner Ideen beschrieben hat.

Carl Olaf Klein aus Brennberg hat das dahinterliegende Thema aufgegriffen und auf die Terrassentür eine Liste mit Tätigkeiten und Jobs genagelt, mit welchen die sieben Teilnehmer bislang ihren Lebensunterhalt bestritten haben. Vom Kellner über die Messe-Hostess, den Flohmarktverkäufer, vielfachen Lehrer, Dozenten und Therapeuten bis zum klassischen Postboten und zur Schürzennäherin findet sich hier ein schillerndes Konvolut beruflichen Multikultis. Kleins wunderbar zynischer Kommentar auf die gesellschaftliche Relevanz des Symposiums-Themas freilich ist eine frische Grabstelle im Garten des Anwesens. Beerdigt liegt hier „Schneller“, ein Lebenszeit raubender Modus der von den Börsennachrichten bis zum Kauf von Klamotten, die ohne getragen worden zu sein gleich wieder entsorgt werden, heute nahezu alle Lebenswelten durchzieht.

Im Garten ausgestellt

Die während des Kreativaufenthalts entstandenen Arbeiten sind verteilt im großen Garten und im Haus am letzten Tag der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Koblers Karikaturen und Porträtzeichnungen von Neukirchenern und anderen Persönlichkeiten fanden sich fein säuberlich ausgeschnitten im üppig tragenden Apfelbaum wieder. Die übriggebliebenen Negativsilhouetten flatterten gegenüber in einem anderen Baum im Wind, „Anwesend – Abwesend“ betitelt. Den Weg zum Apfelbaum flankierten Holzbildwerke des Eisenachers Hardy Raub. In plastischen Formen hat er darin eigene Vorstellungen von „Heimat“, „Geruch“ und „Engel(n)“ mit Schnitzmesser und Schmirgelpapier abstrakt organisch oder in wesenhaften Figuren umgesetzt.

Diese Gruppe an Arbeiten erregte bei den zahlreichen Besuchern lebhaftes Interesse. Etwas verhaltener fielen manchmal die Reaktionen auf die temporären Arbeiten von Veronika Schneider aus. Die im Landkreis Regensburg aufgewachsene Dresdenerin hat mit Erde, Beton, Draht und weiteren Materialien „Wind“ in Form von starren Fahnen und Löcher simuliert. Es sind teils rätselhaft erscheinende Chiffren, mit welchen sie Grenzen auslotet, Dinge umstülpt und schwer ausdeutbare innere Prozesse wie Trauer und Umbruch ästhetisiert.

Wie eine gute Pointe

Ganz anders die fantasievollen Arbeiten von Katharina Claudia Dobner, die sich wie die Pointe eines guten Witzes oft schlagartig erschließen lassen. Mit einem Berg gesammelter Schuhe, Sandalen und Schlappen hat die Sünchingerin boshafte, zärtliche, boshaft-witzige und (gesellschafts-)kritische Kommentare auf die Welt losgelassen. Mit Spänen gefüllte und beschuhte Strumpfhosen laufen in der alten Post, einem leerstehenden Gebäude bei der Kirche, im „Gänsemarsch“ oder räkeln sich wie ein verschlungener Oktopus stachelbewehrt am Boden. Damit weckt sie Assoziationen zu gleichgeschalteten Fernsehballetttänzerinnen oder sich dahin schleppenden „Moorsoldaten“.

Frech amüsiert sich Dobner mit grell gefärbten Badelatschen in einer aufgewühlten Wanne über Jesus` Gang über den See „Genezareth“. Wörtlich genommen haben die Malerin Ute Haas und Giovanna Salabé das Thema. Während Haas zu Fuß aus Landshut gekommen ist, ist Salabé mit dem Fahrrad aus Berlin her gefahren. In einem dokumentarisch-künstlerischen Beitrag befragte sie Neukirchener: „Woher kommst du?“. Daraus ist das Video „Großeltern, Eltern und ich“ entstanden.

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