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Theater

Vom Suchen und Finden der Familie

Kein Mittsommernachtstraum – aber ein turbulenter Spaß ist Shakespeares „Komödie der Irrungen“ im Regensburger Stadtpark.
von Peter Geiger

Zwei Stunden dauerte die Aufführung von Shakespeares „Komödie der Irrungen“ am neuen Freilichtspielort im Stadtpark. Foto: J. Quast
Zwei Stunden dauerte die Aufführung von Shakespeares „Komödie der Irrungen“ am neuen Freilichtspielort im Stadtpark. Foto: J. Quast

Regensburg.Natürlich sollte man sich als Besucher dieser Freiluftveranstaltung wappnen. Und auf keinen Fall vergessen, ein Sitzkissen mitzubringen. Ebenso eine warme Jacke. Vielleicht sogar eine lange Unterhose. Denn an diesem Premierenabend im Stadtpark war’s bitterkalt auf der restlos ausverkauften Tribüne. So dass demjenigen, der all das zuhause liegengelassen hätte, lediglich ein Naserümpfen geblieben wäre. Oder ein Lifehack der besonderen Art: Hätte er nämlich gleich zu Beginn der ersten Halbzeit einen Tausendmarkschein in Richtung Bühne segeln lassen – die 13 Schauspieler hätten ihre Kostümhüllen auf den Bühnenboden fallenlassen können, um so elegant den Feierabend einzuläuten. Und die 400 Zuschauer? Die hätten ihrerseits einpacken können.

Aber Gott sei Dank kam niemand aus dem Publikum auf die Idee, dem zum Tode verurteilten Kaufmann Egeon (stets gravitätisch: Michael Heuberger) unter die Arme zu greifen und so zur Seite zu springen. Ohnehin gewährt ihm Herzog Solinus (nie ironiefrei: Phillip Quest) eine 24-stündige Galgenfrist: Denn die Geschichte, die ihm der Verurteilte da in Gestalt vermeintlich letzter Worte auftischt, von eineiigen Zwillingen, die bald nach der Geburt bei einem Schiffsunglück aufs Tragischste getrennt worden seien und jeweils einen ebenfalls aus einer Zwillingsgeburt stammenden Diener an die Seite gestellt bekamen – sie verfügt über enormes Popcorn-Potenzial!

Geste der Gnade

So dass der Allmächtige sich mal ausnahmsweise hinreißen lässt, zu einer Geste der Gnade. Außerdem: Die Story des Alten, sie geht ja wirklich zu Herzen. Denn weder Vater noch Söhne haben die Trennung wirklich überwunden – und obendrein ist auch das Schicksal der Mutter noch ungeklärt.

Weil das Publikum aber in keiner Tragödie, sondern in einer von Wortwitz und Doppeldeutigkeiten durchlüfteten Komödie zu Gast ist, tölpeln die Gesuchten im nächsten Bild auch schon daher.

Antipholos heißen die Zwillingssöhne des Egeon, der eine ist hier in Ephesus (sehr markant: Michael Haake) zuhause, der andere kommt aus Syrakus (seine Augen können sprechen: Emery Escher). Den jeweils dazugehörigen Diener Dromio (Matthias Zera und vor allem Frerk Brockmeyer sind begnadete Komödianten) gibt’s ebenso in westlicher wie östlicher Variante. Was den großen Vorteil hat: Wir, die Zuschauer, wir genießen intimen Einblick in die Verhältnisse des Brüderpaars, was Geld, Schmuckketten, Eheverhältnisse und Ohrfeigen anbelangt. Und lachen uns auf diese Weise wissensbasiert halb tot.

Mit Blindheit geschlagen

Die Handelnden dagegen, sie sind mit Blindheit geschlagen. Weshalb an sich der Treue zuneigende Ehefrauen (schön fordernd als Adriana: Susanne Berckhemer) nolens volens sich hinreißen lassen zum Abenteuer. Und bereits bezahlter Schmuck des Goldschmieds Angelo (sehr pfiffig: Gerhard Hermann) offene Rechnungen hinterlässt. Erst nach und nach ergründen die Beteiligten, dass sie sich in einem Spiegelkabinett befinden – und finden den Weg nach draußen. Denn die plötzlich wie eine reitende Botin auftretende Äbtissin (voll Grandezza: Franziska Sörensen) ist niemand anderes als Emilia – die Gattin des Egeon.

Und weil zum glücklichen Ende auch noch eine Geldbörse mit einem Tausendmarkschein frei ist, kann nicht nur das Leben des zum Tode Verurteilten gerettet werden – auch die Familie hat sich wieder gefunden. Die „Komödie der Irrungen“, inszeniert von Shakespeare-Kenner Robin Telfer, erweist sich als Glücksgriff für das diesjährige Freiluft-Spektakel: Ein turbulenter, präzise choreographierter und mit burlesker Musik von Rainer Jörissen untermalter Spaß fürs Publikum. Realisiert auf einer fantastischen, vom berühmten Holzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsushika Hokusai inspirierten Bühne – inmitten des Naturtheaters des Stadtparks.

Freiluftspektakel im Stadtpark

  • Debüt:

    Die „Komödie der Irrungen“ war das Debüt des jungen William Shakespeare. Für Regisseur Robin Telfer (Jg. 1959) der in Cambridge Anglistik studiert hat, der entscheidende Grund, sich dieses Stoffes anzunehmen: „Ein Erstling, der über gewaltige Energien verfügt.“

  • Poesie:

    Gleichzeitig verfügt das Stück über einzigartig poetische Momente, etwa, wenn Antipholus sein Zwillingsschicksal mit einem Wassertropfen, der sich im Meer verliert, vergleicht.

  • Spielzeit:

    Bis 6. Juli

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