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Von der Wiedergeburt des Holzschnitts

Ansprechend: Das Kunstforum zeigt in „Stadt. Land. Tier.“ Werke von Walther Klemm und Carl Thiemann aus ihrer Zeit in Prag.
Von Ulrich Kelber, MZ

Das Werk „Truthühner“ von 1906 zeigt Walther Klemms bevorzugtes Thema: Tiere. Seine Farbholzschnitte sind nun im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Foto: Wolfram Schmidt
Das Werk „Truthühner“ von 1906 zeigt Walther Klemms bevorzugtes Thema: Tiere. Seine Farbholzschnitte sind nun im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Foto: Wolfram Schmidt

Regensburg.Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie entdeckt den Holzschnitt wieder – und widmet zwei Künstlern eine Ausstellung. Genauer: In Regensburg werden Farbholzschnitte der in Karlsbad 1881 und 1883 geborenen Künstler Carl Thiemann und Walther Klemm gezeigt. Das Kunstforum kooperiert dabei mit der Nationalgalerie in Prag, die die Ausstellung dann auch übernehmen wird.

Im vergangenen Jahr gab es in der Frankfurter Schirn eine große Ausstellung „Der Farbholzschnitt im Wien um 1900“. Seitdem ist das Thema bei Kunstmuseen aktuell. In Reutlingen wurde soeben die Ausstellung „Von Japan inspiriert“ (bis 18. Juni im Kunstmuseum) eröffnet, bei der im Mittelpunkt die Schweizer Grafikerin Martha Cunz stand, die in Dachau Schülerin bei Adolf Hoelzel gewesen war und dann in München Kontakte zu Kandinsky und Gabriele Münter hatte.

Für die Expressionisten war der Holzschnitt ein besonders geschätztes künstlerisches Ausdrucksmittel. Aber die eigentliche Wiedergeburt dieser grafischen Technik hatte schon einige Jahre früher eingesetzt. Auslöser war die Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Japan-Begeisterung, die dazu führte, dass die Farbholzschnitte asiatischer Künstler auch in Europa Verbreitung fanden. Sie faszinierten durch ihre flächige Darstellung, durch die stark stilisierten Formen und durch den Zauber ihrer Farben, aber auch durch die deftige Erotik der „Shunga“, was verschämt und verschleiernd mit „Frühlingsbilder“ zu übersetzen ist.

Eine neue Offenheit

Künstler wie der 1870 in Prag geborene Emil Orlik reisten sogar selbst in das ferne Land, um die fremde Kultur kennenzulernen. Der Holzschnitt, der im 19. Jahrhundert weitgehend auf die handwerkliche Fertigkeit des Xylographen bei der Druckformherstellung reduziert gewesen war, kam nun wieder zu dem Ansehen, wie er es zu Zeiten Dürers und Altdorfers besessen hatte.

In der Ostdeutschen Galerie hatte es schon 1972 eine Einzelausstellung für Walther Klemm gegeben. Und bei dem 1966 gestorbenen Carl Thiemann ist es so, dass ein erheblicher Teil seines künstlerischen Nachlasses an die Regensburger Sammlung übergeben wurde. Der Anstoß für die aktuelle Schau kam jedoch von der Kunsthistorikerin Eva Bendová aus Prag. Dort war vor einigen Jahren bei der Sichtung der Grafik-Bestände der Nationalgalerie eine Mappe entdeckt worden, die 100 Farbholzschnitte von Klemm und Thiemann enthielt.

Zum Verständnis muss man weit zurückblenden: 1891 war die „Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen“ gegründet worden, von der dann auch Klemm und Thiemann mit Stipendien und Ankäufen gefördert wurden. Nach 1945 wurden die Kunstwerke der „Deutschen Sektion der Modernen Galerie“ an die Prager Nationalgalerie übergeben. Dass auch dieser Teil der tschechischen Kunstgeschichte heute in Prag mit großem Interesse erforscht wird, spricht für die neue Offenheit, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Stadt, Land und Tiere

In Libotz am Rande Prags hatten Klemm und Thiemann zwischen 1906 und 1908 ein gemeinsames Atelier. Ihre Zusammenarbeit war so eng, dass es in ihrem Werk in dieser Zeit große Ähnlichkeiten gibt. Klemm hatte ab 1901 in Wien studiert und dort den Sinn des Jugendstils für das Gefällige und Dekorative mitbekommen. Thiemann konnte erst 1903 in Prag das Studium aufnehmen, denn er musste zunächst als Kaufmann arbeiten, weil die Familie nach dem frühen Tod des Vaters in Not geraten war.

Blick in die Ausstellung: Landschaften von Carl Thiemann und Walther Klemm Foto: Wolfram Schmidt
Blick in die Ausstellung: Landschaften von Carl Thiemann und Walther Klemm Foto: Wolfram Schmidt

Auffallend ist, dass sich Klemm und Thiemann – wie auch andere Holzschnitt-Künstler der Zeit – auf drei Motivgruppen konzentrieren: auf Stadtansichten, auf Landschaften und auf Tierdarstellungen. Nur selten tauchen Menschen auf den Bildern auf, und wenn, dann vor allem bei Klemm. Bei ihm gibt es ein Winterbild mit Schlittenfahrern, mehrfach ländliche Szenen mit arbeitenden Bauersleuten, städtisch wird es bei einem Kohlenträger, dessen Karren von einem großen Hund gezogen wird. Ikonographisch interessant ist ein Blatt „Badende Knaben“, denn hier wird deutlich, wie sich Klemm mit dem Werk von Edvard Munch auseinandersetzt, von dem es 1905 in Prag eine große Ausstellung gegeben hatte. Das bevorzugte Thema von Klemm sind jedoch die Tiere, wobei die Form der Darstellung durch die stark farbigen Flächen des abstrahierten Hintergrunds sehr plakativ wirkt. Zootiere wie Eisbären, Affen und Antilopen finden sich hier sowie eine kunterbunte Menagerie von Enten, Gänsen, Truthähnen, Schafen, Ziegen, Pferden, Ochsen und immer wieder Hunden.

Stadt, Land, Tier

  • Dauer

    Noch bis zum 18. Juni ist die Ausstellung „Stadt, Land, Tier: Der Farbholzschnitt in Prag um 1900“ im Kunstforum zu sehen.

  • Partner

    Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend kam auch Dr. Jiri Fajt, der Generaldirektor der Nationalgalerie Prag, die Kooperationspartner des Kunstforums bei dieser Ausstellung ist – und diese danach auch übernimmt.

  • Katalog

    Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Filmvorstellung und Workshops für Jugendliche und Erwachsene. Der umfangreiche Katalog kostet an der Museumskasse 18,50 Euro.

  • Online

    Weitere Informationen dazu gibt es unter www.kunstforum.net

Geschäftstüchtige Künstler

Bei Thiemann steht dagegen die Landschaft im Mittelpunkt. Es sind stille, meditativ wirkende Szenen; weite Ebenen mit kleinen Flussläufen und vereinzelten Baumgruppen wie Birken, Weiden und Föhren. Da wird die Inspiration durch die fernöstliche Kunst besonders gut sichtbar. Von Thiemann gibt es ein Blatt „Berchtesgadener Land“, wo der schneebedeckte Watzmann aussieht wie der Fujiyama eines japanischen Holzschneiders.

Bei den Stadtansichten Klemms und Thiemanns ist die Art der Darstellung eher konventionell, erinnert an Holzstich-Illustrationen des 19. Jahrhunderts. Den Reiz beziehen die Blätter durch die Wahl ungewöhnlicher Blickwinkel und durch die eigenwillige und verfremdende Farbgebung. Es sind Bilder einer untergegangenen Welt: Das alte Prag mit den Häusern des Ghettos, die bald danach den Jugendstil-Prunkbauten weichen mussten. Hinterhöfe und verwunschene Ecken werden dargestellt, auch der Geburtsort Karlsbad ist häufiges Motiv.

Carl Thiemanns Farbholzschnitt „Alt-Prag, Aus der Thungasse II“ aus dem Jahr 1908 Foto: Wolfram Schmidt
Carl Thiemanns Farbholzschnitt „Alt-Prag, Aus der Thungasse II“ aus dem Jahr 1908 Foto: Wolfram Schmidt

Weil es auch Bilder mit Motiven aus Berlin, aus Weißenburg, aus Lübeck, Szenen von der Meeresküste gibt, könnte man glauben, die Künstler seien viel gereist. Doch weit gefehlt: Kuratorin Dr. Nina Schleif enthüllt das Geheimnis, dass als Vorlage häufig Postkarten oder Fotografien dienten. Geschäftstüchtig scheinen die beiden gewesen zu sein, wollten „neue Märkte“ erschließen. An die 300 Grafiken werden bei dieser ansprechend und informativ gestalteten Ausstellung gezeigt, 190 davon von Thiemann und Klemm. Es geht auch um das künstlerische Umfeld. Japanische Farbholzschnitte sind zu sehen (Leihgaben aus der Sammlung des Regensburger Arztes Dr. Cording), dazu Werke von anderen Prager Künstlern wie Josef Váchal, Emil Orlik oder Frantisek Bilek. Ein eigener Raum ist dem Farbholzschnitt in Wien und der Jugendstil-Zeitschrift „Ver sacrum“ gewidmet.

Und sie kehrten Prag den Rücken

Die Ausstellung endet mit dem Jahr 1908. Wie aber ging es mit Klemm und Thiemann weiter? Vom aufkommenden Expressionismus blieb ihr Werk unberührt. Überraschend mutet es an, dass sie der Großstadt Prag den Rücken kehrten und sich in Dachau niederließen, obwohl die Blütezeit der dortigen Künstlerkolonie zu diesem Zeitpunkt schon vorbei war. Thiemann blieb bis zu seinem Tod 1966 in Dachau, wo die weite, von Gräben durchzogene Moorlandschaft als Motiv in vielen seiner Bilder auftaucht. Ein Thiemann zugeschriebenes Anti-Nazi-Plakat von 1930 für die Bayerische Volkspartei zeigt eine riesige Faust, die auf eine braune, Hakenkreuzfahnen schwingende Horde eindrischt. Aber künstlerisch konservativ konnte Thiemann auch in der NS-Zeit wohl unbehelligt weiterarbeiten.

Walther Klemm verließ 1913 Dachau und wurde Professor an der Hochschule für bildende Künste in Weimar. Vor allem als Illustrator war er erfolgreich, schuf Bilder zu Goethes „Reineke Fuchs“ wie zu Kiplings „Dschungelbuch“. Als in Weimar 1919 das „Bauhaus“ gegründet wurde, gehörte Klemm offensichtlich zu den Widersachern von Gropius und drängte auf eine Spaltung, so dass eine „Staatliche Hochschule für bildende Kunst“ ausgegliedert wurde und das Bauhaus schließlich 1925 ganz aus der Stadt vertrieben wurde. In der NS-Zeit war er regelmäßig bei den Ausstellungen im Münchner Haus der Kunst vertreten. Wie weit Klemms Verstrickungen in der NS-Zeit gingen, ist bis heute nicht genauer erforscht worden. Nach 1945 konnte er seine Karriere auch in der DDR fortsetzen und beim Wiederaufbau der Kunsthochschule Weimar mitwirken. Dort lehrte er bis zu seinem Tod 1957. Klemm wurde 1953 in Amberg mit dem Nordgau-Kulturpreis ausgezeichnet. Ein Beispiel dafür, wie die Vergangenheit schnell verdrängt wurde und alte Seilschaften weiter funktionierten.

Weitere Rezensionen und Hinweise zu Ausstellungen in der Region finden Sie hier.

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