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Kultur

Wagner als großer Egomane dargestellt

Im dritten Jahr sorgt Koskys „Meistersinger von Nürnberg“ auf dem Bayreuther Festspielhügel für ungebrochene Begeisterung.
von Michaela Schabel

Johannes Martin Kränzle (Sixtus Beckmesser, l., vorn), Michael Volle (Hans Sachs, dahinter), Günther Groissböck (Veit Pogner) und die Meistersinger in der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa
Johannes Martin Kränzle (Sixtus Beckmesser, l., vorn), Michael Volle (Hans Sachs, dahinter), Günther Groissböck (Veit Pogner) und die Meistersinger in der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Bayreuth.Der Jubel um Barrie Koskys Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ ist ungebrochen. Die gelungene Fusion dieser erstklassigen, sehr humorvollen, doch tiefgründigen Version mit musikalischem Spitzenniveau wurde auch dieses Jahr mit Beifallsstürmen gewürdigt. Barrie Koskys Konzept wirkt im traditionsverhafteten Festspielhaus Bayreuth äußerst erfrischend.

Es gelingt ihm, aus dem hölzernen Sängerwettbewerb ein bewegungsintensives Spiel zu entwickeln, Richard Wagners doch sehr fragwürdiges Gedankengut in den Mittelpunkt zu stellen, ohne ihn vom Sockel zu stürzen. Denn so satirisch die Inszenierung auch ist, sie bleibt trotz allem immer charmant verspielt oder grob überzogen wie in der Commedia dell’arte mit überraschenden Bühneneffekten.

Egomanische Selbstdarstellung Richard Wagners

Raffiniert enthüllt Barrie Kosky in den „Meistersingern von Nürnberg“ Wagners Naturell, dessen Begriff vom deutschen Volk und Antisemitismus. Schon das Spiel zur Ouvertüre enthüllt Wagners narzisstische Hybris von seiner Genusssucht bis zur egomanischen Selbstdarstellung. Verortet in der Bibliothek der Villa Wahnfried agiert Wagner wie ein hippeliges Stehaufmännchen. Er dirigiert alle herum, allen voran Levi, den er durch seine Unhöflichkeiten in die soziale Isolation mobbt.

Aber der Wucht und dem Pathos von Wagners Musik kann man eben nicht widerstehen. Barrie Kosky bringt sie noch mehr zur Wirkung, indem er das schauspielerische Talent der Sänger entdeckt. Jede Bewegung ist Ausdruck der Musikalität und Philippe Jordan intensiviert sie aus dem Orchestergraben durch sein überaus energisches und dynamisches Dirigat, das im zweiten und dritten Akt auch die lyrischen Facetten sehr klangschön präsentiert. Die Musik lässt die unsympathischen Züge Wagners vergessen, doch Barrie Kosky holt sie mit immer beklemmender Wirkung ständig ins Bewusstsein. Vor dem Hintergrund des Gerichtssaals der Nürnberger Prozesse spiegelt Barrie Kosky Wagners Perspektive auf das Volk als reine Jubel- und Huldigungsmasse. Er arrangiert dazu treffsicher den Chor in Renaissancekostümen nach Bruegel-Manier.

In lächerlicher Überaktivität wirken die Meistersinger mit den wuchtigen Ärmeln ihrer Kostüme wie manipulierbare Bi-Ba-Butze-Hampelmänner. Wie in einem Puppenhaus agieren sie im ersten Akt, es rollt nach hinten und von oben schwebt seit der leicht veränderten Version im letzten Jahr eine Wand des Nürnberger Gerichtssaals ein, im dritten Akt kommen noch die Fahnen der Alliierten dazu. In differenzierten Lichtspiegelungen verwandelt sich Alltagsgeschehen in surreale Abgründigkeit. Beckmesser, humpelnd nach der Schlägerei, verletzt mit Arm in der Schlinge und dem rechten Zeigefinger im Gips, wird zur Inkarnation jüdischer Klischees. Er wird grandios von Johannes Martin Kränzle gesungen und gespielt, in dieser Art als Slapsticknummer für Bayreuth immer noch ein Novum. Beckmesser von skurril liliputisierten Juden mit Masken verfolgt, jagt sie weg, er will damit nichts zu tun haben und gleichzeitig entfaltet sich in einem riesigen Ballon sein Gesicht als holzschnittartig jüdische Karikatur mit Hakennase. Atemlose Stille macht die allseitige Betroffenheit spürbar.

Ludwig II. gab Geld

  • Wieso in Nürnberg?

    Nürnberg war mit fast 50 000 Einwohnern Mitte des 16. Jahrhunderts neben Köln und Augsburg deutsche Großstadt und wirtschaftliches Zentrum, in dem sich die Handwerker zu einem selbstbewussten Stand entwickelten. Durch Handel und Buchdruck wurde Nürnberg zur wichtigen Nachrichtenzentrale. Die innovative Bedeutung der Stadt wuchs noch durch die reformatorische Avantgarde.

  • Wieso eine Komische Oper?

    „Die Meistersinger von Nürnberg“ konzipierte Wagner als heiteres Gegenstück zu seinem tragisch endenden „Thannhäuser“. Es ist Wagners einzige Komische Oper, die er selbst wegen der melancholischen Zwischentöne nie so bezeichnete. Die ersten Skizzen entstanden 1845 in Marienbad. Erst 23 Jahre später erfolgte durch die Förderung König Ludwigs II. die Vollendung und schließlich Uraufführung in München.

Vom Schrecken des Holocaust

Immer stärker leuchtet in Barrie Koskys Meistersinger-Version der Schrecken des Holocaust auf, wodurch sich die Musik ganz unerwartet zum berührenden Gedenken weitet.

Grandios ist auch die sängerische Besetzung, die seit der Neubesetzung Evas mit Camilla Nylund im letzten Jahr gleichgeblieben ist. Sänger und Chor begeistern durch kraftvolles Stimmvolumen, expressives Spiel, enorme Bühnenpräsenz. Michael Volle macht aus Hans Sachs einen reflektierten Würdenträger mit deftigem Schalk in der richtigen Situation.

Klaus Florian Vogt lässt als Walther von Stolzing durch sein charismatisches Timbre, aber auch durch seine Textverständlichkeit immer wieder aufhorchen. Wiebke Lehmkuhl, mit sehr kleinen Partien als Magdalene, hätte man gerne öfter gehört an diesem Abend.

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