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Warum Aventinus auf dem Index stand

Christine Riedl-Valder legt eine Biografie über den Historiker vor. Seine Hauptwerke wurden erst nach seinem Tod gedruckt.
Von Jutta Göller, MZ

Die Grabplatte von Aventinus in St. Emmeram in Regensburg: Jetzt liegt eine neue Biografie über den ersten Historiker Bayerns vor.
Die Grabplatte von Aventinus in St. Emmeram in Regensburg: Jetzt liegt eine neue Biografie über den ersten Historiker Bayerns vor. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Im Vorhof von St. Emmeram steht sein Grabstein von 1534 und zeigt ihn als Gelehrten mit Doktorhut und Talar. Aventinus nannte sich der Gastwirtssohn Johann Turmair nach seiner Vaterstadt Abensberg. Streng und sorgenvoll blickt der Geschichtsschreiber von seiner Grabplatte auf die Welt.

Die Zeitläufte nach 1520 können ihm nicht gefallen haben: Der aggressive Expansionsdrang des osmanischen Reichs – 1529 standen die Türken vor Wien – machte ihm Sorgen. Durch seine Freundschaft zu reformatorischen Gelehrten und seine scharfe Kritik an Missständen in der Kirche, vor allem bei Bettelorden, hat er sich mächtige Feinde im katholischen Klerus gemacht. 1528 wird er sogar „ob evangelium“ elf Tage in Abensberg eingesperrt. Der herzogliche Kanzler, der Kelheimer Leonhard von Eck, befreit ihn aus dem Kerker, und Aventin verlegt den Wohnsitz in die freie(re) Reichsstadt Regensburg, ohne jedoch zum evangelischen Glauben überzutreten.

Mit Bildung war der Aufstieg möglich

Im Alter von fast 52 Jahren heiratet der Gelehrte in Regensburg 1529 eine einfache Frau und zeugt mit ihr in drei Jahren Ehe drei Kinder, von denen nur eine Tochter den Vater überlebt. Sie heiratet 1555 in der Neupfarrkirche einen Juristen, muss also evangelisch geworden sein, denn Regensburg hatte sich 1542 dem protestantischen Bekenntnis angeschlossen, und die Neupfarrkirche wird zum ersten evangelischen Gotteshaus der Stadt.

Die Kulturjournalistin Christine Riedl-Valder hat für die informative Reihe „kleine bayerische biografie“ des Pustet-Verlags eine neue Lebensbeschreibung Aventins vorgelegt. Sie zeigt mustergültig auf, wie es an der Schwelle vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit möglich wurde, aus dem einfachen Volk durch Bildung in höchste Kreise aufzusteigen und sich auch privaten Wohlstand zu sichern.

Aventinus „entdeckt“ den Limes

Freilich bedurfte es dazu eines adeligen Schutzherrn, und das sind im Fall Aventins die Wittelsbacher Herzöge, für die er als Prinzenerzieher, dann als erster Hofhistoriograf wirkt. Als unabhängiger, kritischer Geist begründet er die moderne Geschichtswissenschaft, indem er ganz Bayern bereist und an Ort und Stelle auf historische Quellen zurückgreift. Er sammelt als erster alle römischen Inschriften, die er zu sehen bekommt. Viele davon werden später zerstört und sind nur durch Aventin überliefert. Er „entdeckt“ den Limes.

Es muss ihn in seinen letzten Lebensjahren sehr verbittert haben, dass seine Hauptwerke, die lateinischen Annalen (Jahrbücher) der Herzöge von Bayern und vor allem seine deutsche Baierische Chronik, in Bayern nicht erscheinen dürfen. Die Wittelsbacher zahlen ihm zwar bis an sein Lebensende ein gutes Gehalt, aber sie lassen seine bahnbrechenden Werke wegen der Kritik am katholischen Klerus nicht drucken. In Rom kommen die Chroniken auf die Liste der „verbotenen Bücher“, den päpstlichen Index. Erst über 30 Jahre nach Aventins Tod erscheint die Baierische Chronik 1566 im „Ausland“, in der (evangelischen) freien Reichsstadt Frankfurt/Main, wo 1627 auch eine Neuauflage gedruckt wird.

Die Wirkung ist gewaltig: Luther hat die Bibel verdeutscht, Aventin die Geschichtsschreibung. Sein umgangssprachlich gefärbtes Deutsch, mit dem er, wie Luther, dem Volk „aufs Maul“ schaut, ist bahnbrechend für die Entwicklung der deutschen Schriftsprache. Goethe, der gebürtige Frankfurter, hat das erkannt und gewürdigt.

Kurzweilig und gut verständlich

Zum „Vater der bayerischen Geschichte“ wird Aventin erst im 19. Jahrhundert. Die Könige Ludwig I. und II. nehmen ihn in Walhalla und Ruhmeshalle auf und lassen endlich seine Werke in Bayern drucken. Noch heute schmücken bayerische Politiker gern ihre Reden mit bildkräftigen Zitaten aus Aventins Chronik, etwa der Charakteristik des hiesigen Volks, das gern wallfahrten geht, viel trinkt, dann rauft, viele Kinder macht und wenig ins Ausland reist...

Dr. Riedl-Valders Lebensbeschreibung liest sich kurzweilig und unterhaltsam und bleibt ist immer gut verständlich. Wenige Druckfehler und kleine Irrtümer könnten in einer weiteren Auflage korrigiert werden (so etwa bei Gerhoh von Reichersberg, der im 12. Jahrhundert wirkte). Schön, dass die ausdrucksstarken Holzschnitte des Abensbergers Ferdinand Kieslinger aus den 1970ern über das Leben seines berühmten Landsmannes mit als Illustration dienen.

Die Autorin stellt fest, dass der schriftliche Nachlass Aventins bei weitem noch nicht ausgewertet ist. Also, Geschichtsstudenten, ran an die Papiere dieses Vorläufers der Moderne!

Aventinus-Biografie

  • Der Geschichtsschreiber

    Johannes Aventinus wurde am 4. Juli 1477 in Abensberg geboren; er starb am 9. Januar 1534 in Regensburg. Der Historiker und Hofhistoriograph hieß eigentlich Johann Georg Turmair, benannte sich aber mit einer latinisierten Form seines Heimatsortes Aventinus („der Abensberger“). Er gilt als ein Wegbereiter der klassischen Philologie in Deutschland.

  • Die Biografie

    Christine Riedl-Valder legt mit „Aventinus. Pionier der Geschichtsforschung“ eine neue Biografie vor, erschienen in der Reihe „kleine bayerische biografien“ im Regensburger Verlag Friedrich Pustet, 133 Seiten, 12,95 Euro.

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