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Was ein grotesk vollgestopftes T-Shirt!

Bei der siebten Ausgabe der Tanz-Fabrik! stellten Ensemblemitglieder und Maciej Kuzminski Choreographien im Velodrom vor.
Von Michael Scheiner

In „Naked Twirl“ werden geschlechtliche Grenzen mehr und mehr aufgeweicht.  Foto: Juliane Zitzelsberger
In „Naked Twirl“ werden geschlechtliche Grenzen mehr und mehr aufgeweicht. Foto: Juliane Zitzelsberger

Regensburg.„Looouu!“ Rund 600 Köpfe drehen sich irritiert herum, suchen nach der Quelle des Geschreis. Im abgedunkelten Gang des Velodroms springt plötzlich ein Mann hervor, ruft weiter, flitzt vor der Bühne und zwischen den Zuschauerreihen herum, immer auf der Suche nach der ominösen Lou. Bis zur Choreographie „Staged“ taucht der Schreihals noch einmal kurz auf, bevor besagte Person, die Tänzerin und Choreographin Louisa Poletti den Platz auf der Bühne einnimmt und nun ihrerseits nach „Jonas“ (Jonas Kaufmann) ruft. Die herrlich vergnüglichen Kurzauftritte der beiden Protagonisten von Polettis Tanzstück waren Vorstufen für den eigentlichen Auftritt der beiden.

Mit plakativen Aufdrucken auf ihren T-Shirts präsentieren sie sich als Tänzerin und Schauspieler, die der Frage nachgehen „Warum sprechen? Warum tanzen?“ Zunächst mit vertauschten Rollen, bekommt sie – Poletti – schließlich den Mund zugeklebt und Kaufmann reiht in einer endlos langen Aufzählung Gründe aneinander. So originell, witzig und auch tänzerisch wundervoll poetisch diese produktive Reibung beginnt, wird sie gegen Ende etwas langatmig.

Grenzen werden aufgeweicht

Gleich mit zwei Produktionen ist Simone Elliott bei der „Tanz.Fabrik! Sieben“, dem Abend mit Choreographien des Tanzensembles vom Theater Regensburg vertreten. Mit Wolfsgeheul und wichtigen Techno-Grooves startet das in fahles Licht getauchte „Naked Twirl“, getanzt von fünf Tänzern. Mit Machogehabe werden zunächst geschlechtliche Grenzen gezogen, bevor diese durch Männer in Spitzenunterwäsche und Nachtgewändern mehr und mehr aufgeweicht werden. Ein fließender weißer Morgenmantel wandert von einem zur nächsten und lässt dabei die gesellschaftlich heiß diskutierte Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit – mit allen Rollenklischees und Festlegungen – immer nebensächlicher werden. Tänzerisch lässt sich der wandernde Morgenmantel allerdings auch als erobernde Trophäe – der Macht? – interpretieren.

Gemeinsames Thema

  • Phantasien:

    Zum siebten Mal wechseln Tänzer die Seite und setzen ihre eigenen choreographischen Phantasien um. Mit Traditionen im weitesten Sinn haben sie sich ein gemeinsames Thema gesetzt, das sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.

  • Vorstellungen: Von den weiteren Vorstellungen am 12. und 14. Juli (19.30 Uhr) ist die Joker-Vorstellung am Freitag fast ausverkauft.

Pygmalion mit seiner Liebe zu einer von ihm geschaffenen Frauenstatue mag bei „A Sacred Glade“ Pate gestanden haben, das Elliott nach einem Konzept von Harumi Takeuchi choreographiert hat. In ihrem mitreißend getanzten Solo durchlebt Takeuchi verschiedene Phasen von Verliebtheit, Zerstörung bis hin zur Verarbeitung der Beziehung zur idealisierten Person im grotesk vollgestopften T-Shirt. Durch die Umkehrung vom Mann, Pygmalion, zur Frau durchzieht ein feministischer Grundton die einprägsame Choreographie.


Zwischen getanzter Zeitlupe und akrobatischer Rasanz

An Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert vom blockartigen Bühnenbild her „Action at a Distance“ des ungarischen Ensemblemitglieds Péter Daniel Matkaicsek. Zu geräuschhaft an- und abschwellender Musik von Ivan Pavlov entwickeln sich Gruppendynamiken und rätselhafte Einzelaktionen.

Zwischen getanzter Zeitlupe und akrobatischer Rasanz sind die Figuren vielfach interpretierbar und im Kern mystisch dunkel. Anders die bieder im Stil der 60er-Jahre-Kleinbürgerlichkeit gekleideten „Ampelmenschen“ von Maciej Kuzminski. Zur parodistisch anmutenden Musik von Richard Wagner und dem ostdeutschen „Sandmännchen“ zeigt er Menschen zunächst in einem autoritären Staat wie der DDR – ein Tänzer an der kurzen Leine (der SED) – und dann in einer scheinbar freieren BRD. Aus verordnetem Jubel im erstarrten Dauergrinsen der Tanzenden wird eine egoistische Konkurrenz um Erfolg und Glück, bei welcher die Tänzer quer über die Bühne hetzen. Erfolg unter Dauerstreß in gnadenloser Konkurrenz, bis die Welt einstürzt.

Feinsinniger Nachhall

In einer Art Publikumsbeschimpfung endet Tiana Lara Hogans Stück „Dissolving Silence“, das sich aus Unterwerfungen und Dominanzen entwickelt. „Wir beschränken uns selbst, nicht nur die Erziehung und Kultur“, lautet ihre zentrale Botschaft, die allerdings nur bedingt nachvollziehbar ist.

Ein abstraktes Thema hat sich die japanische Tänzerin Rei Okunishi mit „Afterglow“ ausgesucht.

Über leichtfüßiger Musik von Franz Liszt (La Campanella) spürt es poetisch feinsinnig dem Nachhall von Musik, Wellen und dem Licht des Sonnenuntergangs nach.

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