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Interview

Was ist Musik uns heute noch wert?

Gerwin Eisenhauer übt Kritik an Streaming-Diensten. Aber auch bei den Musikern sieht der Drummer Versäumnisse.
Katharina Kellner

  • Gerwin Eisenhauer tritt beim Bayerischen Jazzweekend mit seinem Trio ELF auf. Foto: MZ-Archiv
  • Alben waren früher angepasst an Länge von LPs oder CDs, sagt Eisenhauer. Inzwischen sei das Konzept Album überholt: „Heute kann ich jederzeit einen Song rausbringen und online stellen.“ Foto: dpa

Regensburg.Gerwin Eisenhauer hat kürzlich einen etwas provokanten Facebook-Post abgesetzt: „Die Musiker stellen für 9,99 Euro im Monat ihr ganzes Schaffen der Welt zur Verfügung und ich soll 19,99 Euro für ein Zeitungs-Abo zahlen?“, fragte er in die Runde seiner Facebook-Freunde. Wie der Regensburger Schlagzeuger im Gespräch mit der Mittelbayerischen erzählt, bekam er viele Reaktionen – und „Kritik vonseiten befreundeter Journalisten“. Eisenhauer sagt, er wolle natürlich, dass die Arbeit von Journalisten angemessen bezahlt werde. Seine Stoßrichtung ist der Vergleich mit Musikern, die sich seiner Ansicht nach die Sache mit der angemessenen Entlohnung aus der Hand nehmen ließen: „Es ist wie bei Dürrenmatt: Die Idee ist geboren, die technischen Möglichkeiten sind da, damit ist die Sache schon fast durch. Aufgenommene Musik hat keinen Wert mehr. Wenn CDs verkauft werden, dann bei Konzerten, als eine Art Souvenir. Bei Amazon sind die Verkäufe marginal.“ Auch die Zahl der Plattenläden schwinde. Wer Musik auf Spotify oder Youtube höre, habe – mit Werbung quasi kostenlosen – Zugang zum gesamten Musikschaffen der Welt. Dies wirke sich auf die Qualität der Musik aus: „Es wird keine epochalen Alben mehr geben wie Pink Floyds ,The Wall‘, wofür die Musiker ein Jahr oder länger in tollen Studios waren. Sowas zu produzieren, wäre heute nicht mehr refinanzierbar.“ Für jene aus der Generation 20 plus, die von ihrer Musik leben wollten, sei das schwieriger geworden als vor 20 oder 30 Jahren: „Es gibt auch keine Plattenfirmen mehr, die einfach mal in eine Band investieren, an die sie glauben. Das ist vorbei.“

„Metallica hat für 170 Euro die Karte gespielt, das wäre vor Spotify nicht denkbar gewesen.“

Gerwin Eisenhauer, Schlagzeuger aus Regensburg

Eisenhauer, der mit seinem Trio ELF beim Jazzweekend auftritt, beteuert, er verteufele das Streamen nicht: „Für viele Musiker ist es schwierig, ohne Spotify oder Apple Music überhaupt wahrgenommen zu werden.“ Doch er favorisiert ein anderes System – und zieht erneut den Vergleich zum Zeitungsmarkt: „Da heißt es: Sie haben jetzt vier von vier Artikeln gelesen, jetzt müssen Sie ein Abo abschließen. Auf Spotify übertragen hieße das: Ab jetzt kostet jeder Song zehn oder fünf Cent.“ Der Preis solle „irgendwie realistisch“ sein – schließlich hätten die Musiker beim Aufnehmen viele Ausgaben.

Auch Eisenhauer konstatiert, dass sich die Einnahmequellen verschoben haben: Ticketpreise für Live-Konzerte explodieren seit einiger Zeit – im Schnitt kosten Karten heute 40 Prozent mehr als vor vier Jahren.

Eisenhauer sagt: „Metallica hat für 170 Euro die Karte gespielt, das wäre vor Spotify nicht denkbar gewesen.“ Er sieht das als „Problem für alle, die nicht live spielen“ und argumentiert, der Konsum von aufgenommener Musik sei im Vergleich zur Vor-Streaming-Ära „total günstig geworden“.

Eisenhauer und seine Jazz-Nische

Auch wenn er selbst gut im Geschäft ist, was Live-Konzerte angeht – seine neue Soloplatte werde er nicht umsonst veröffentlichen: „Wenn einer meine Musik haben will, muss er sie bei mir kaufen. Ich mache CDs und Vinyl in Kleinauflage. Für Spotify gibt es höchstens einen kleinen Teaser.“ In seiner „Nische“, dem Jazz, funktioniere das ganz gut. Ein Freund habe seine Musik ausschließlich auf Kassette und Vinyl herausgebracht, die Kassetten seien sofort ausverkauft gewesen.

Allerdings beschränke sich die „Sehnsucht nach einem Medium, das man in der Hand halten kann“ auf einige Liebhaber. Nur noch ein Drittel der Studierenden, die er am Regensburger Musiccollege unterrichtet, besitze überhaupt ein Medium zum Abspielen einer CD.

Eisenhauer sagt, selbst die Einnahmen aus Tonträger-Verkäufen orientierten sich noch nicht an den tatsächlichen Kosten „vom Studio bis zu all den aberwitzigen Stunden. Aber man verdient dadurch wohl mehr Geld als durch hunderttausend Streams auf Spotify.“

Laut aktuellen Zahlen des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) befindet sich die Musikbranche zwar im Aufwärtstrend. Sie lässt ihre fast 20 Jahre währende Krise hinter sich und verzeichnete im ersten Halbjahr 2019 ein Plus von knapp 60 Millionen Euro (7,9 Prozent) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dies bedeutet die höchste Wachstumsrate seit 1993, rechnet der Verband vor.

Während die Zahl verkaufter Tonträger zurück ging, befeuert das Audiostreaming diesen Trend. Doch auch wenn die Einnahmen aus dem Streaming-Geschäft insgesamt steigen, kommt nur ein Teil des Geldes bei Musikern und Songschreibern an: Laut einer Untersuchung der Webseite Digital Music News bekommen die Rechteinhaber – in der Regel die Musik-Labels – bei Spotify am Ende nur 0,0038 US-Dollar pro gespieltem Song, bei Youtube waren es mit 0,0006 US-Dollar noch weniger.

Für Musiker, deren Songs nicht mehrere Millionen Mal gestreamt werden, bedeuten die Einnahmen aus Spotify nicht mehr als einen kleinen Zuverdienst.

„Rockmusik braucht einen gewissen Wumms.“

Gerwin Eisenhauer, Schlagzeuger aus Regensburg

Zwei Dinge wünscht sich Eisenhauer, die seiner Meinung nach die Situation in Regensburg für Musikerinnen und Musiker entspannen würde: Zum einen könne deren Not, wohnortnahe Proberäume zu finden, durch die Nutzung leer stehender Gebäude in der Altstadt gemildert werden: „Manche Sachen stehen seit Jahren leer. Wenn da so ein Bauherr sagen würde, ihr bekommt den Schlüssel für ein Butterbrot, solange nicht vermietet wird und die Rewag wird über Euch abgerechnet, würden Hunderte Hurra schreien.“

In Regensburg: Das „Elend mit der Lautstärke“.

Zum zweiten spricht der Musiker die behördlichen Auflagen für Live-Konzerte an: „In Regensburg und München ist es das Elend mit der Lautstärke. Die Mischpulte werden auf eine bestimmte Dezibelzahl eingemessen, aber es klingt meistens nicht besonders gut. Rockmusik braucht einen gewissen Wumms. Ich verstehe ja auch die Anwohner, dass das nerven kann. Aber an bestimmten Punkten könnte etwas mehr Laissez-faire passieren.“ Immerhin sei es ja nicht so, dass die heute 70-Jährigen keine laute Musik gewohnt seien. Schließlich sei das die Generation der ACDC-Fans.

Das Jazzweekend bringt Jazz zu den Leuten

Und wie steht Eisenhauer zum Jazzweekend, dessen Konzerte für die Besucher kostenlos sind? Er sagt, es sei die Intention des Jazzweekends, den Jazz zu den Leuten zu bringen: „Wahrscheinlich tut es dem Jazz gut, wenn einer von Hundert sagt: ,So schlimm ist das gar nicht.‘ Jazz hat bei vielen noch den Gout von Langeweile und Pfeife rauchenden Ärzten und Rechtsanwälten. Wenn ein paar Leute beim Weekend zum Jazz finden und bemerken, dass das auch ganz geil sein kann und dann auch mal zu den Konzerten kommen, bei denen sie bezahlen müssen, war es das schon wert.“

Gerwin Eisenhauer

  • Vita:

    Er kommt aus Weiden und studierte drei Jahre am Drummers Collective in New York. In Regensburg unterrichtet er am Musiccollege. 2014 hatte er am Theater Regensburg die musikalische Leitung von „Sommernachtsalbtraum auf St. Emmeram“. Das Stück geht auf seine Idee zurück.

  • Auftritt:

    Beim Jazzweekend ist er am Freitag, 19. Juli, um 20.30 Uhr mit seinem Trio Elf am Kohlenmarkt zu erleben. Zu dem Trio, das seit 2005 besteht, gehören neben Eisenhauer am Schlagzeug Pianist Walter Lang und   Bassist Sebastian Gieck. (kk)

Vor einiger Zeit hatte sich mit dem Saxophonisten Tobias Meinhart ein anderer Jazzmusiker aus der Region mit Kritik am Audio-Streaming zu Wort gemeldet.

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