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Kultur
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Essay

Was von 1968 übrigblieb

Die Bewegung begann als Befreiung und endete im Terror. Sie blies den Muff hinweg, doch bescherte auch eine neue Unfreiheit.
Von Helmut Hein

Rudi Dutschke war die Galionsfigur der Studentenbewegung. Vor 50 Jahren, am 11. April 1968, wurde er bei einem Attentat in Berlin schwer verletzt. Kugeln trafen ihn im Kopf und an der Schulter, doch Dutschke überlebte. Foto: Werner Schilling/dpa

Berlin.Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof und dem damaligen „Konkret“-Herausgeber Klaus Röhl, lässt kein gutes Haar an ihrer Mutter und allem, was mit ihr zusammenhängt. Ihr Buch heißt zynisch „Die RAF hat euch lieb“ – ein Meinhof-Zitat – und im Untertitel „Die Bundesrepublik im Rausch von 68“. Da soll ganz offenbar ein „Mythos“ destruiert und der kleinste kulturrevolutionäre Überschwang bei den Nachgeborenen auf das einstige familiäre Elend zurückgeführt werden.

Denn es war ja so: Klaus, dieser ewige Womanizer, im APO-Jargon „Röhl, das Schwein“, hatte ihre Mutter betrogen und die vielleicht deshalb die RAF gegründet. Jedenfalls gibt es einen Brief der Meinhof, in dem es heißt: „Wirklich – das einzige Mittel gegen die Angst ist der Hass.“ In diesem Brief bringt sie so ziemlich alles mit allem zusammen oder besser: durcheinander. Der traurige Höhe- und Schlusspunkt: „Mein GI ist der Röhl. Und meine Angst.“

Was bei Ulrike Meinhof Vermutung ist, ist bei Bettina Röhl sicher: Ihre Wut, ihre Lust an der Abrechnung rührt daher, dass ihre Mutter sie verlassen hat, sie sogar bewusst „verwahrlosen“ ließ. Die Kleinfamilie als Schlangennest und Sprengstoff, vor allem im Moment ihres Zerfalls; die bundesdeutsche Geschichte als Psycho-Drama, dem man nicht mit politischer Analyse, sondern höchstens mittels Familienaufstellung beikommt.

Die Revolte wurde Pop

Der „Spiegel“ hakt in der Ausgabe vom 31. März kritisch nach: „Dennoch spricht viel dafür, dass 1968 ein notwendiger Katalysator war, um ein liberaleres Deutschland zu schaffen“. Röhl antwortet kurz und entschieden: „Das ist Quatsch. Die Reformen waren schon vorher eingeleitet: die Entnazifizierung, die Emanzipation der Frau...“: Die 68er waren demnach nicht der Motor, sie waren die narzisstischen Nutznießer der Veränderung, die andere Jahre vorher betrieben hatten.

Stimmt das? In zweierlei Hinsicht hat Röhl sicher recht: „Die meisten Historiker, die über 68 etwas Wichtiges geschrieben haben, waren selber 68er.“ Und die Mythisierung begann früh. Die Revolte wurde zu einem Pop-Phänomen, so wie später sogar die RAF. Manche fanden es cool, in ihrem Kielwasser zu schwimmen.

Aber auch wenn man zugesteht, dass es nicht die eine „wahre“ Geschichte des Jahres 1968 und seiner Folgen gibt, sondern nur eine Fülle interessierter, perspektivischer, selektiver Geschichten, die höchstens alle zusammen eine Art Mosaik ergeben, schillernd und manchmal diffus, lohnt sich die Frage: Was bleibt von 68? Worin bestehen die Folgen, im Guten wie im Schlechten? Wenn man eine Antwort versucht, dann landet man fast zwangsläufig in Widersprüchen und Paradoxien.

Der Auschwitz-Prozess begann Jahre vor der Revolte der Studenten – aber wirklich „entnazifiziert“ wurde die Bundesrepublik erst im Gefolge von 1968. Die Rebellion war, bevor sie in der Form diverser K-Gruppen zur Karikatur ihrer selbst wurde, zunächst und vor allem anti-autoritär. Und die Attacke auf die Autoritäten, auf die „Väter“, konnte nur deshalb so erfolgreich sein, weil die etwas zu verstecken und verbergen hatten. Wer Angst hat, dass seine Maske verrutscht, meidet heftige Auseinandersetzungen.

Die sexuelle Befreiung hat
zu einer bestürzenden Neo-Spießigkeit geführt.

„Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“. Dieser Slogan war der Anfang vom Ende der Ordinarien-Herrlichkeit; und, dummerweise, der Anfang von etwas Neuem, das sich keiner wünschen konnte: zuerst der Macht der Gremien, dann der externen Hochschulräte, der Drittmittelgeldgeber, deren pekuniäre Interessen dem Erkenntnisinteresse der Forschung in die Quere kommen. Eben hat Lidl-Chef Schwarz 2o Lehrstühle gestiftet.

Am Ende steht nun nicht mehr Freiheit und Souveränität des Einzelnen, sondern die Hölle permanenter Evaluationen, die Verschulung der Universitäten durch den Bologna-Prozess, die Einübung des Nachwuchses in „richtigem“ Denken und Verhalten, das aber immer so tun muss, als sei es kritisch und selbstbewusst. 68 und die Folgen: Wo Anarchie war, wo tausend Blumen blühten, herrscht der gnadenlose Mainstream, der Nachweis des „Nutzens“ im Sekundentakt. Nazis hatten sich nach dem Krieg nicht nur im Wissenschaftsbetrieb versteckt. Noch einflussreicher waren sie in Justiz, Verwaltung und im Journalismus. Als die 68er das aufdeckten, glaubte man ihnen zunächst nicht, hielt sie für paranoid oder pubertär. Doch es war so: Die alten Nazis hatten sich in neuen Institutionen breitgemacht, und wenn sie auch die aktuellen Lösungen von „freedom and democracy“ hersagen konnten, war ihre Praxis oft noch braun, in unterschiedlichsten Schattierungen.

Mephisto steht Kopf

Gibt es alte oder neue Nazis in den Institutionen? Das glaubt nur der – eine weitere 68er-Spätfolge, die das Pathologische streift –, der es für einen Akt von Zivilcourage hält, wenn 3000 entschlossene Demonstranten ein halbes Dutzend verstörter Dummköpfe umzingeln, „um Schlimmeres zu verhüten“. Nein, 1968 hat für den Schlussstrich gesorgt, der schon 1945 fällig gewesen wäre. Die Biologie hat den Rest besorgt.

Beunruhigenderweise aber waren die 68er auf ihrem „langen Marsch“ auch noch in anderer Hinsicht erfolgreich. Sie haben die Institutionen besetzt und handeln jetzt agendagetrieben. Ihre „Komplizenschaft mit dem Guten“, wie es vor kurzem Simon Strauss nannte, hat fatale Folgen – in seinem Fall der Suizid eines Stockholmer Theaterdirektors, der schuldlos in die „MeToo“-Mühle geriet – und untergräbt das Vertrauen in Justiz, Wissenschaft und Medien.

Auch das war und ist eine Folge von 1968: „wissensbasierte“ Politikberatung von lauter kleinen „spin doctors“ der Weltveränderung, die der Wahrheit auf die Sprünge helfen wollen, indem sie „Daten putzen“, bis sie passen und die Goethes Mephisto, diesen Helden des Fortschritts durch Negation und Bosheit, auf den Kopf stellen. Als Kräfte, die stets das Gute wollen – und dann verwundert auf die Scherbenhaufen, die „Populisten“ usw., blicken.

Auch die Gänseblümchen-Zweisamkeit ist eine Spätfolge von 1968

Hat 1968 nicht unser Alltagsleben verändert, das Verhältnis der Geschlechter zueinander, Sexualität, Liebe, Erziehung? Zweifellos. Aber auch hier sind die Erfolge nicht so eindeutig, wie sie manchem scheinen. Die sexuelle Befreiung, die in ihrem polygamen Furor in den 70ern sicher viele überforderte, hat zu einer bestürzenden Neo-Spießigkeit geführt, deren Protagonisten paradoxerweise der Ansicht sind, noch keine Generation vor ihnen sei so „frei“ gewesen. Exemplarisch dafür ein längeres Gespräch in der „Zeit“, in der einige Twenty-Somethings die geradezu rührende Meinung vertreten, sie redeten über Sex, wie es ihren Eltern noch nicht möglich gewesen sei, da sie Ausdrücke wie Penis und Vagina gebrauchen. Sie denken offenbar, Sex, der mehr als einmal die Woche die Grenzen klinischer Verbalerotik überschreitet, grenze schon an eine Exzess-Tat oder zeuge von lügenhaftem Posing.

Auch diese Gänseblümchen-Zweisamkeit ist eine Spätfolge von 1968. Kinder und Enkel der großen Revolte haben nicht mehr die geringste Ahnung, wie einst über Sex geredet und wie er praktiziert wurde, als Schlafen bis in den frühen Nachmittag hinein noch Usus war – in Zeiten vor „Bologna“ und Karriereplanung,

Das fatalste Erbe: PC

Das fatalste Erbe von 68 aber ist zweifellos die grassierende politische Korrektheit, dieser angst- und aggressionsgetriebene Wunsch, Meinungen, Empfindungen und Handlungen bis ins letzte Detail, im Doppelsinn des Worts, vorzuschreiben und die Furcht, sich selbst, das eigene Ich, auf das man doch „achtsam“ sein muss, zu beschädigen. Da könnte man Orwells „1984“ mittlerweile schon fast für ein Paradies der Anarchie und Libertinage halten.

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