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Komödie

Wasser ist viel stärker als Blut

In „The Who and the What“ ergibt die Addition von Soap und Religionsdiskurs einen großen Theaterabend.
Von Peter Geiger

Je länger der Streit zwischen Zarina (Verena Maria Bauer, rechts) und ihrem Vater (Gerhard Hermann, links) währt, umso mehr verliert die Familie ihren Zusammenhalt – und kann die dunkle Kraft fehlverstandener Religiosität ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Foto: martinkaufhold.de
Je länger der Streit zwischen Zarina (Verena Maria Bauer, rechts) und ihrem Vater (Gerhard Hermann, links) währt, umso mehr verliert die Familie ihren Zusammenhalt – und kann die dunkle Kraft fehlverstandener Religiosität ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Foto: martinkaufhold.de

Regensburg.Wir wollen das Pferd mal von hinten aufzäumen: Der letzte Satz in „The Who and the What“, dieser an dramatischen und tragischen Momenten so reichen Familienkomödie, der könnte auch von Billy Wilder stammen. Denn wie das berühmte „Nobody‘s perfect“ in „Manche mögen‘s heiß“ klingen sie, diese letzten Worte, die Autor Ayad Akhtar der klugen Zarina (Verena Maria Bauer) in den Mund gelegt hat – und die damit ihrem Vater Afzal (Gerhard Hermann) ein letztes Mal die Grenzen seines allzu engen Denkens in Glaubenskategorien aufzeigt: „Es wird ein Mädchen!“

Nach gut 90 Minuten Spieldauer am Regensburger Haidplatztheater hat die Abkühlung der Beziehung zwischen dem aus Pakistan zugewanderten verwitweten Taxiunternehmer, der in Atlanta eine mustergültige Tellerwäscherkarriere hingelegt hat, und seiner jüngeren Tochter den Kelvinpunkt gerade überwunden. Jedenfalls hat ihm Zarina nach zweijähriger Kontaktsperre mitgeteilt, dass sie nunmehr von ihrem Ehemann Eli (Philipp Quest) das von ihm so lang ersehnte Enkelkind erwarte.

Patriarchale Denkmuster

Für Afzal aber, den in fundamentalistischen Glaubenskategorien gefangene Opa, kommt nur ein männlicher Nachkomme in Frage. So dass wir seine Verzweiflung, wenn ihm Zarina die bittere Wahrheitspille verabreicht, nur mehr auf dem Nachhauseweg imaginieren können. Zeuge aber sind wir einen hochspannenden und aufregenden Abend lang geworden von einem Streit, der auf offener Bühne stattfindet. Und der die komplette Familienstruktur wie ein Krebsgeschwür zerätzt. Und am Ende alles auslöscht, was zu Beginn noch so lebendig und intakt erschien.

Aus der Rückschau freilich wird die Perspektive auf diesen vermeintlich harmonischen Beginn doch geradegerückt: Weil Afzal seiner jüngeren Tochter Zarina, die in Harvard Geisteswissenschaften studiert und an einem Roman arbeitet, nicht traut, was deren Partnerwahl anbelangt, hatte er sich selbst ins Web begeben. Und sich dort auf die Suche nach einem Mann für sie gemacht. Prompt führte diese väterliche Grenzüberschreitung zum Erfolg: Denn der aus marxistischem Elternhaus stammende Malcolm X-Bewunderer und Moscheevorstand Eli ist nicht nur sozial engagiert und ein Konvertit reinsten Wassers, er ist auch ein treuer Buddie. Im Gegensatz zu Vater und Schwester Mahwish (Inga Behring) hält er zu Zarina, nachdem der Inhalt ihres Romans bekannt ist.

Als Kennerin freudscher Psychoanalyse wie auch als Apologetin alles Gendertheoretischen rührt Zarina am Geheimnis des väterlichen Glaubens. Und auch an den Grundlagen des Verschleierungsgebots, indem sie fragt, ob Mohammed, als er das Mädchen Zaynab verführte, nicht als ein von männlicher Libido überwältigtes nichtgöttliches Wesen handelte.

Basis-Infos

  • Stück:

    Mit „The Who and the What“ liefert er eine Parabel auf die zerstörerische Kraft falsch verstandener Religiosität: Afzal opfert seine Familie, indem er auf der Einhaltung religiöser Grundsätze beharrt.

Grandiose Einzelleistungen

Wer jetzt übrigens fürchtet, im theologischen Diskurs nicht sattelfest genug zu sein und deshalb abzusaufen, soll diese grandiose Inszenierung genau deshalb besuchen: Weil es Regisseurin Daniela Wahl auch bei der Erörterung spitzfindiger Problemlagen durch die Hintertür gelingt, die Zuschauer bei Laune und somit bei der Stange zu halten. Unterstützt wird dies von der kaaba-schwarzen Bühnenraumgestaltung. Und von den grandiosen Einzelleistungen dieses Schauspiel-Quartetts! Allen voran müssen freilich Verena Maria Bauer mit ihrer strengen Beharrlichkeit und Gerhard Hermann mit seiner grauen Zittrigkeit genannt werden.

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