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Premiere

Weg zur Kommerzhölle ist frei

Die Rockrevue „Jenseits von St. Emmeram“ ist ein großes Klamaukspektakel mit musikalischen und optischen Höhepunkten.
Von Peter Geiger

Gefangen in der Schmalzfalle: Steffi Denk und Markus Engelstädter entschädigen Regensburg mit einer doppelten Elvis-Show.  Foto: Theater Regensburg
Gefangen in der Schmalzfalle: Steffi Denk und Markus Engelstädter entschädigen Regensburg mit einer doppelten Elvis-Show. Foto: Theater Regensburg

Regensburg.Um ja keinen Platz fürs Lob zu verlieren – vorweg gleich mal der Tadel: Der Titel dieses Stücks, in dessen Mittelpunkt mit dem hypernervösen „Steini“ als Moderator (wandlungsfähig und hochkomisch: Michael Haake) ein Nachkomme des Baumeisters der Steinernen Brücke steht, der erschließt sich allenfalls durch eine Leerstelle.

Denn das Schloss (oder die dazugehörige Klosterkirche?) muss einen knapp zweistündigen Theaterabend lang tatsächlich im Jenseits darben. Weil es (respektive sie) nämlich im kompletten Skript von Autor und Regisseur Marc Becker weder Erwähnung noch Berücksichtigung findet (stattdessen aber ein öder, doppelt gemoppelter Transgenderwitz). Und der Inhalt, der einen antikapitalistischen, Immobilien- und Tourismuswirtschaft verurteilenden Grundkonsens beschwört, wird konterkariert durch eine Playlist der Band, die durchaus nach Kriterien funktioniert, die der „Durchhörbarkeit“ und damit des bösen Kommerzes entspricht.

Das Positive akzentuieren

Aber: Schwamm drüber. Weil das letztlich ein Jammern bedeuten würde, über eine am Ende frenetisch bejubelte Performance, die auf höchstem Niveau abschnurrt, mit dem Automatismus fallender Dominosteine. Theater ist ja keine Mathematik, bei der durch die Multiplikation mit null Komma alles kleiner wird. Nein, bei dieser Premiere gilt es, das Positive zu akzentuieren und es aufzuaddieren!

Highlights

  • Optik:

    Peter Engel hat grandiose Bilder geschaffen: Er lässt die Zuschauer ebenso teilhaben am Untergang der Stadt Regensburg wie auch an einer wurmhaften, unterirdischen Existenzform der Zukunft, in der das Kneitinger aus dem Wasserhahn gezapft werden kann.

Von Anfang an nämlich steht das Publikum bereit, sich auf den angebotenen Pakt einzulassen, der auch aufgrund der grandiosen Guckkastenbilder von Peter Engel ein starkes Vertrauensverhältnis entstehen lässt, zwischen dem Steini-Teufel-Trash (mit Monty Python- und Helge Schneider-Anklängen) da vorne – und dem ureigenen Unterhaltungsbedürfnis. Aufgewärmt wird die alte Stadtsage, wonach der mittelalterliche Brückenbaumeister die Wette mit dem Teufel für sich entschied, weil er drei Seelen in Tiergestalt aufmarschieren lässt.

Nabelschau und Bauchpinselei

Die offene Rechnung des Teufels (sexy, als wär’s der leibhaftige Prince: Kristóf Gellén) ist das Triebmittel dieser „Rockrevue“, die nach der Aufwärmrunde darin mündet, dass Regensburg ein Elvis-Konzert der Extraklasse spendiert bekommt. Dass der King 1958 zwar in Grafenwöhr, aber nicht hier gastierte, das ist allein Bruder Beelzebub zu verdanken. Was sodann Steffi Denk und Markus Engelstädter als schwarzgekleidete Presley-Imitatoren bieten, ist auch deshalb von so großer Klasse, weil mit der fünfköpfigen Band um Drummer Gerwin Eisenhauer und Keyboarder Bernd Meyer eine Formation zur Verfügung steht, die im Verbund nicht nur traumhaft sicher agiert, sondern – da wird schon per „Flux-Kompensator“ in Regensburgs Zukunft geblickt – ein Ensemble, das sich auf technische Mätzchen versteht wie das fugenlose Hin- und Herswitchen zwischen einer Weihnachtshymne und „We will rock you“.

Da geraten die Mitklatschenden nicht nur aus dem Takt, da stehen auch Münder offen! Ziemlich brillant ist Robert Hermanns, der als „Käpt’n Regensburg“ genau jenes Vakuum markiert, das die Stadtpolitik seit der Suspendierung des gewählten Oberbürgermeisters zu beklagen hat. Er ist der naive Held in Lederhosen, der halbnackt Werbung macht, für das Gute, abzüglich aller Nebenkosten! Und perfektes Symbol für diesen Parforceritt durch die Kommerzhölle, inklusive Grande Finale mit Nabelschau und Bauchbepinselung in eigener Angelegenheit.

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