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Kultur
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Kunst

Wenn die Bilder auf dem Kopf stehen

Der einflussreiche Maler und Bildhauer Georg Baselitz wird 80. Seine Überzeugung: Künstlersein heißt Mörder sein.
Von Helmut Hein

Georg Baselitz in der Fondation Beyeler in Riehen, die ihm eine große Ausstellung widmet. Foto: Christiane Oelrich/dpa
Georg Baselitz in der Fondation Beyeler in Riehen, die ihm eine große Ausstellung widmet. Foto: Christiane Oelrich/dpa

Regensburg.Es gab eine Zeit, da berichtete die „Bild“-Zeitung in großer Aufmachung über die erste Ausstellung eines 24-jährigen Künstlers in der neu eröffneten Berliner Galerie Werner/Katz. Natürlich gewohnt reißerisch: „Schock in der Kunst-Galerie. 200 geladene Gäste fassungslos.“ Später kamen dann auch noch Polizei und Staatsanwalt ins Spiel. Und für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als ob Georg Baselitz das gleiche Schicksal drohe wie seinem Wiener Aktionisten-Kollegen Günter Brus: dass er nämlich für die Produkte seiner Fantasie ins Gefängnis muss.

Baselitz hieß eigentlich Hans-Georg Kern, stammte ursprünglich aus der Oberlausitz und durfte schon als 18-Jähriger an der Hochschule für bildende Künste in Berlin Weißensee studieren. Aber nur zwei Semester lang. Dann wurde er relegiert: wegen „politischer Unreife“. Unreif war er, weil er sich der Kolonisation seiner Künstlerseele genauso widersetzte wie dem routinierten Angriff des Staates auf seine freie Zeit. Zudem verabscheute er die herrschende ästhetische Norm, den „sozialistischen Realismus“.

Lust an grellster Obszönität

Hans Kern ging in den Westen (das war damals noch möglich, die Mauer wurde erst ein paar Jahre später gebaut), kam aber gewissermaßen vom Regen in die Traufe. Denn hier gab es auch eine Doktrin, die Kern, der sich nun Baselitz nannte (nach Deutschbaselitz, seinem Geburtsort), noch fremder war. Die gegenständliche Malweise war verpönt, nicht zuletzt unter dem Einfluss der CIA. Der Missbrauch durch Nazis und Stalinisten hatte sie angeblich für alle Zeiten unmöglich gemacht. Es herrschte die Abstraktion, vor allem in der gestischen Spielart des Tachismus.

Baselitz scherte sich darum nicht. Er malte gegenständlich. Allerdings so wüst und zerfetzt und mit so viel Lust an grellster Obszönität, dass es pures Entsetzen auslöste. Seine Figuren wirkten wie Zombies, wie Rest-Menschen aus der kaputten Kriegszeit. Was an ihnen am meisten auffiel, war ihr überdimensioniertes, heftig erigiertes Geschlecht. „Die große Nacht im Eimer“ war ein Bild, das Baselitz berühmt und berüchtigt machte. Es zeigte einen kleinen Knaben in kurzen Hosen, der sich entschieden der Onanie hingab. Oder war es gar kein Knabe, sondern ein Schrumpf-Mann, ein triebhafter Zwerg in harten Zeiten?

Das Verstörende an Baselitz war, dass er jede politische Botschaft verabscheute. Hat das Bild einen Sinn über sein Bild-Sein hinaus? Nein, natürlich nicht, wurde er nicht müde zu beteuern. Seine Verweigerungshaltung hatte aber etwas Explosives, weil die Leinwände durchaus von den Lemuren der Vergangenheit bevölkert wurden, weil auf ihnen das Verdrängte und Verleugnete wiederkehrte. Und der nackte Trieb, der sich, im Wortsinn, vordrängt? Er ist das, was bleibt, wenn sich Kultur und Zivilisation als Lüge erwiesen haben.

Baselitz war in seiner Zeit ein Avantgardist, aber nicht unbedingt ein Außenseiter. Er hatte ein Gespür für das, was der Kunst-Markt wollte und brauchte: eine Marke; etwas, was es dem potenziellen Kunden erlaubt, das Objekt seines ästhetischen Verlangens sofort zu identifizieren. Ende der 1660er stellte Baselitz seine Bilder auf den Kopf. Damit unterschied er sich von allen anderen. Seine Begründung, dadurch werde dem Letzten klar, dass Kunst nicht abbilde, sondern autonom sei, wirkte ein wenig fadenscheinig. Denn man sah ja nach diesem „Scoop“ genauer hin und wollte erkennen, was Baselitz zeigte.

Er hatte alle Ordnungen satt

Baselitz hatte seine großen Themen, die er mit Vorliebe seriell traktierte. Dazu gehörte Mitte der 1960er sein „Helden“-Zyklus: keine Feier des Heroismus, sondern ein wüstes Dokument all der Beschädigungen, die Männern zugefügt werden, wenn sie sich dem Gesang der Sirenen nicht verweigern (können). Im Rückblick erklärt Baselitz: „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft.“ Der Gedanke des Wiederaufbaus war und blieb ihm fremd. Er hatte die Schnauze voll von allen Ordnungen; vollmundige Versprechungen prallten an ihm ab.

Lieber zerlegte er die Realität, die er vorfand. In seinen „Frakturbildern“ löste er Bildmotive streifig auf und fügte sie dann neu zusammen. Hatte er Vorbilder? Er nennt Picasso, Giacometti, Beuys, die Expressionisten. Aber in seinem Innersten ist er der Überzeugung, dass die „schöpferische Zerstörung“, wie das der Ökonom Schumpeter nannte, das Prinzip jeder Ästhetik ist. Baselitz: „Als Maler bin ich Mörder.“ Soll heißen: Er muss seine Vorgänger zerstören, um eigene Bilder entwickeln zu können. In seinem Spätwerk revidiert er dann sogar seine eigenen Arbeiten, malt sie neu.

Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, der ihm so lange zugesetzt hatte, macht er sich an die Dekonstruktion von dessen Idolen. Zum Beispiel in seiner „Lenin“-Serie aus den 1990ern. Sein Lenin ist nackt, steht natürlich Kopf, wird mit jedem neuen Bild unkenntlicher. Man weiß, dass er irgendwann ganz verschwinden wird.

Ist er als Künstler wenigstens ein Verehrer des Schönen? Keineswegs. Baselitz stellt sich ausdrücklich in die „Tradition der hässlichen Bilder“. Soll heißen: Die deutschen Maler waren seit Dürer immer grob – im Vergleich zu ihren italienischen oder französischen Kollegen. Er will auch grob sein. Die Luzidität verachtet er; schon früh arbeitet er an seinen „pandämonischen“ Manifesten. Darin gibt er sich selber Anweisungen: „Den Verlust betrauern – keine Trauer für Verlorenes.“ Und er erklärt, was sein Leben und seine Arbeit ausmacht: „Ich bin Zeuge, ich bin der einzige Zeuge meiner selbst.“

Am 23. Januar wird Baselitz 80.

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