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Malerei

Wenn die Leinwand doppelt genutzt wird

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie geht auf Spurensuche. Von autorisierten Gemälden wird die Rückseite aufgedeckt.
Von Claudia Böckel

Religiöse Motive wie die „Madonna mit Engeln“ durchziehen das Werk von Ida Kerkovius. Foto: Lukas & Zink Fotografen
Religiöse Motive wie die „Madonna mit Engeln“ durchziehen das Werk von Ida Kerkovius. Foto: Lukas & Zink Fotografen

Regensburg.Ende 2017 wurde die Schausammlung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie neu konzipiert. Bereits hier hat man vier Gemälde so installiert, dass sie beidseitig betrachtet werden können.

Eine von Ludwig Meidners Apokalyptischen Landschaften, die Mondsichellandschaft von 1916, entstand auf der ursprünglichen Rückseite eines Porträts. Zwei Landschaften sind es bei Adolf Hölzel, zwei große Aktstudien bei Otto Mueller, ein Kinderporträt und ein Frauenakt bei Conrad Felixmüller. Sie sind außerordentlich gut präsentiert und machen neugierig darauf, was das für ein Phänomen ist, ob die Doppelansichtigkeit, die Janusköpfigkeit, beabsichtigt oder aus dem Leben heraus entstanden ist.

Dr. Agnes Tieze, die Direktorin des Kunstforums, weist in ihrer Eröffnungsrede darauf hin, dass es wohl oft ökonomische Gründe gewesen seien, die die Künstler zur Doppelverwendung brachten. Von dem Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner allein sind fast 140 Doppelbilder bekannt. Er äußerte sich dazu in einem Brief aus dem Jahr 1919: „Auch ich muss etwas sparen jetzt und das Material ist sehr kostspielig geworden. Aber die Leinwand hat Gott sei Dank zwei Seiten.“ Oft gingen die Künstler auch einer neuen Idee nach, die es schnell zu fixieren galt. Da dreht man schon mal ein Bild um und skizziert auf der Rückseite. Manchmal wird dabei ein Querformat zu einem Hochformat und umgekehrt wie bei der großen Arbeit von Ida Kerkovius.

Vermächtnis der Ida Kerkovius

Die Rückseite zeigt eine unvollendete, Vertreibung aus dem Paradies, deren Hintergrund mit Himmel und Bäumen angelegt ist wie aus einem Piero- della-Francesca-Gemälde, ins Halbabstrakte übersetzt. Und es zeigt einen Klebezettel, der das Bild nach dem Tod der Künstlerin dem Freund und Sammler Erwin Schurr zueignet, der Kerkovius 1944, nachdem ihr Atelier ausgebombt worden war, ein Behelfsheim gewährte.

Religiöse Entwürfe wie die „Madonna mit Engeln“ aus dem Jahr 1943 auf der Vorderseite durchziehen das Werk der 1879 in Riga geborenen Künstlerin. Nachdem sie schon zehn Jahre abstrakt gemalt hatte, zeigt sie hier eine auf Farbflächen reduzierte Figurengruppe. Im Zentrum eine rothaarige Gestalt mit Heiligenschein, davor eine in Rot gekleidete Madonna mit Kind.

Im Hintergrund baut sich in Isokephalie, also mit den Köpfen immer auf gleicher Höhe, eine Schutzwand aus Engeln auf. Anders verwendete der Künstler August Brömse, 1873 in Franzensbad geboren und 1925 in Prag verstorben, die Rückseiten seiner Gemälde. Er machte Notate, kleine Skizzen, kopierte Alte Meister im Briefmarkenformat. Oft ist auch der rückseitige Keilrahmen noch mit Bildchen überzogen. Wie eine kleine Ikonostase sieht das dann aus. Zwischen den einzelnen Bildchen gibt es immer wieder Pinselspuren wie zum Anmischen von Farben. Brömse kürzte mit Buchstaben Angaben zu seiner Maltechnik ab, notierte für sich selbst , wie er Grundierungen, Pigmente, Bindemittel und Firnisse verarbeitete. Hier sind wirklich die Rückseiten weit interessanter als die Vorderseiten, die altertümelnd und anekdotisch daherkommen.

Leinwand verdeckt Rückseite

Max Radler (geboren 1904 in Breslau, gestorben 1971 in München) stellte seine Frau Rosa Radler in den Mittelpunkt, als „Badendes Mädchen“ im Stil der Neuen Sachlichkeit oder als entrücktes Porträt. Seine extrem coole Malweise, fast ohne Pinselspuren, gibt diesen Werken einen speziellen Reiz.

Eine ganz besondere Art der Untersuchung steht einem der Gemälde erst noch bevor. Richard Seewalds (1889 bis 1976) „Landschaft mit vier Eseln“ wird ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder kommen, um dort in der Radiologie nach allen Regeln der medizinischen Kunst durchleuchtet zu werden. Aktuell kann man auf der rückseitigen Leinwand nichts sehen. Das dort befindliche Bild „Landschaft mit Cypressen“ (1959) wurde mit einer zweiten Leinwand verdeckt, die heute nicht mehr zerstörungsfrei ablösbar ist.

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