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Kultur
Donnerstag, 20. September 2018 27° 1

Wie eine Seifenblase geplatzt

Konturlos und sinnfrei: Alfred Kirchner scheitert an Mozarts „Figaro“

Sandra Moon (Almaviva; li.), Christina Gerstberger (Susanna) Foto: Lobinger

Von Gerhard Heldt, MZ

MÜNCHEN. Als das Orchester des Gärtnerplatztheaters unter Chefdirigent David Stahl die Ouvertüre spritzig gespielt hatte, mochte man noch an die „perfekte Oper“, die Ulrich Peters für den Start seiner Intendanz gewünscht hatte, glauben. Als jedoch im ersten Bühnenlicht Figaro (Stefan Sevenich, stimmlich wie darstellerisch sehr robust) und Susanna (Christina Gerstberger, mit zauberhafter Kammerkätzchenstimme) am Bühnenrand einen Steh-Quicky hinlegten, platzte diese Illusion wie eine Seifenblase. Regisseur Alfred Kirchner – er zählt zu den Granden seines Fachs – machte den Fehler, Mozarts Musik nicht zu vertrauen. Das Geschehen des Werks zeichnet der Komponist detailgenau vor – man muss nur hinhören, um Nutzen daraus zu ziehen.

Der Graf (Julian Kumpusch) und sein einstiger Adlatus Figaro (Sevenich, der acht Jahre am hiesigen Theater engagiert war) sind erbitterte Gegenspieler im Dickicht der Intrigen. Es reicht nicht, den Adligen als cholerischen Vorstadt-Macho und seinen Kammerdiener als proletigen Hausklempner gegeneinander zu stellen. Zwischen beiden spielt sich mehr ab, als ein Hahnenkampf um Susanna, die ausstaffiert ist wie eine Kellnerin aus dem „Weißen Rössl“. Eine Glatze und schleimige Bewegungen machen aus Basilio (Florian Simson) keinen verschlagenen Intriganten; die beiden Bässe, Rechtsvertreter Bartolo (Johannes Wiedecke) und Gärtner Antonio (Christian Hübner), bleiben sanfte Riesen.

Bei Kirchner gewinnen die Figuren, ausgenommen die glaubhaft anrührende und stimmlich überragende Gräfin (Sandra Moon) kaum aussagekräftige Konturen, sind weder Individuen noch Typen der Commedia dell’arte, bleiben eindimensional. So kommt der pubertierende Cherubino (Sybille Specht) als agil hüpfender Lausebengel im unvorteilhaften Grashüpfergewand daher, der seine beiden Arien nur abliefert, aber nichts von seinen Nöten mitteilt.

Szenische Bankrotterklärung

Warum sich die mädchenhafte Barbarina (gefällig Sibylla Duffe) in ihn verliebt, wieso sich der Graf vom Gärtner im Korbkinderwagen über die Bühnen karren lässt und weshalb am Ende des zweiten Aktes der Papier-Rückprospekt zerreißt, bleibt rätselhaft. Marcellina ist mit Snejinka Avramova sehr gut, aber zu alt besetzt; ihr Streit mit Susanna geht rampenfern und nahezu unbemerkt vorbei.

Die mitunter recht unscharfe, durchgehend aber für die Sänger unvorteilhafte, weil holprige deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze biedert sich mit Alltagswendungen an, verfehlt aber den Grundton des „tollen Tags“, dieser vorrevolutionären Politkomödie von Beaumarchais, die erst nach langem Tauziehen mit der Wiener Zensur und etlichen schriftlichen Beschönigungen des Librettisten Lorenzo da Ponte als Oper herauskommen durfte.

Die Bühne von Christian Floeren darbt dank fehlender zwingender Ideen. Der schwarz ausgehängte Park im vierten Akt kommt einer szenischen Bankrotterklärung gleich; es ist kein Platz für Stimmungen. Kirchner enthält sich einer Aussage, referiert nur den Text. Immer wieder Lichtblicke und deutliche gestische Hinweise dagegen aus dem Graben, wo das Orchester so musizierte, wie das von einem A-Ensemble erwartet wird.

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