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Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Kino

Wim Wenders feiert den Papst

Der Regisseur hat sich vom Menschenfischer fangen lassen. In seinem Franziskus-Film findet er nie eine Außenperspektive.
Von Benedikt Dietsch

Wim Wenders (links) hat sich fangen lassen vom Menschenfischer Franziskus. Foto: Vatican News/dpa
Wim Wenders (links) hat sich fangen lassen vom Menschenfischer Franziskus. Foto: Vatican News/dpa

Regensburg. Laut dem Global Wealth Report 2017 des Credit Suisse Research Institute besitzen die reichsten ein Prozent der Menschheit so viel wie die Hälfte aller Haushalte weltweit. Der Klimawandel fordert seinen Tribut in zahlreichen Regionen: Ernteausfälle und Extremwetterereignisse begünstigen humanitäre Krisen.

Zugegeben – das ist ein ungewöhnlicher Einstieg in eine Filmrezension. Doch genau darum geht es in der Dokumentation „Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders: um die Schattenseiten der Welt, die Probleme der Menschen und um einen Mann, der sich entschlossen gegen sie stellt – Papst Franziskus. Es ist die erste Dokumentation überhaupt, in der ein Papst selbst vor die Kamera tritt und so zum Protagonisten der Erzählung wird. Wobei – vielleicht sollte man besser sagen: zum Erzähler selbst. Regisseur und Produzent Wenders sagt selbst, er habe keinen Film über den Papst gemacht, sondern mit ihm. Tatsächlich hat er einen Film für ihn gemacht.

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Denn in eine kritische Rolle, eine Außenperspektive schlüpft Wenders nie. In dem Film, der von einem Wechsel zwischen Interviewsequenz und Archivmaterial aus dem Vatikan zu den Reisen des Papstes lebt, kommentiert er nicht. Er tritt als Erzähler fast ganz zurück und schafft so Raum für den Papst und seine Vision von einer besseren Welt. Von einer Welt, in der alle gleich sind. In der die Kluft zwischen Arm und Reich überwunden und der Klimawandel besiegt sind. Er macht Platz für die Vision, die jeder in- und auswendig kennt, wenn er sich einmal eine Rede des argentinischen Papstes angehört hat.

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Der Unterschied ist, dass der Papst in „Ein Mann seines Wortes“ nicht über ein Mikrofon in eine jubelnde Menschenmenge spricht. Er blickt einem direkt in die Augen. Und das ist nicht metaphorisch gemeint. Dank eines Interrotrons, einer speziellen Kamera-Apparatur, wirkt es, als ob einen die Augen des Papstes regelrecht fixieren würden. Durch diese Besonderheit, diesen technischen Kniff, fühlt der Zuschauer sich dem Papst ganz nahe. Nicht dadurch, dass Wenders den Papst privat zeigt, ihn beim Kochen oder Kaffeekochen filmt oder mit ihm über Alltägliches plaudert. Ganz im Gegenteil: Die Privatperson Jorge Mario Bergoglio spielt keine Rolle im Film. Ebenso wenig wie der Papst selbst in eine Rolle schlüpft – Wenders wies sein Team an, den Papst niemals zu bitten, etwas zu wiederholen oder gar etwas Bestimmtes zu sagen. Und das merkt man; wenn Franziskus im Interview spricht, wirkt es stellenweise, als wäre er mit im Raum.

In den wenigen Szenen, in denen Wim Wenders selbst spricht, philosophiert er über das Leben. Er setzt bei den großen Fragen an: Wer sind wir? Wohin bewegen wir uns? Er inszeniert die gesamte Dokumentation als Verschnaufpause im hektischen Alltag. Als eine kurze Zeit der Ruhe, in der man nachdenken kann. Über das Leben. Das große Ganze.

Wim Wenders hat sich fangen lassen vom Menschenfischer Franziskus. Er erzählt nicht über den Mann mit seiner Vision. Er erzählt die Vision mit.

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