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Interview

„Wir leben in einer Filmwelt“

Christophe Fricker gilt als große Hoffnung der jungen, deutschsprachigen Lyrik. Beim „Heimspiel“-Filmfest wird er aus seinem neuen Buch über Freundschaft lesen. Mit MZ-Autor Micha Matthes sprach er über seine Filmaffinität, das Reisen und die Grenzen des sprachlichen Ausdrucks.

Was verbinden Sie mit dem Medium Film? Woher stammt ihre Filmaffinität?

Wir leben in einer Filmwelt. Früher gaben Romane Leitbilder vor, heute dienen Filme für die Sprache, die wir sprechen, für ganze Lebensentwürfe als Vorbilder. Auch als Autor bleibt man von den Schnitttechniken, dem Tempo, der Art der Filmdialoge nicht unbeeinflusst. Man kann sich prägenden Filmen nicht entziehen. Beim „Heimspiel“-Festival freue ich mich besonders auf den Film „Drive“ von Nicolas Winding Refn. Mich interessieren Unterwegsgeschichten. Warum sind wir unentwegt auf der Straße, versuchen ständig wegzukommen? Geht es um die Bewegung? Ist Bewegung nicht letztlich Stillstand, wenn man sich nur noch bewegt?

In ihrem Blog schreiben sie über Literatur und Film. Unter anderem behandeln sie die Frage, warum manche Filme so aufgeblasene Titel haben. Woher kommt das?

Mir ist aufgefallen, dass es bei Filmtiteln die Tendenz zu einfachen, simplen Wörtern gibt – zu Lexikonwörtern. Diese Filme tun dann so, als wären sie die Definition des jeweiligen Wortes. Natürlich ist das spannend, man hätte dann etwas sehr Konkretes: ein Wort, dass durch die Filmgeschichte ausgeleuchtet wird. Die Titel sind aber meist unzureichend, weil in den Filmen viel mehr steckt. Werbetechnisch ist das unheimlich wirksam. Das einzelne Wort wird dabei aber überfordert. In der Literatur gibt es das auch, z.B. bei dem Buch „Kanada“ von Richard Ford. Natürlich kann dieses Prinzip funktionieren, wie etwa bei „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Man kann es sich damit aber auch sehr einfach machen.

Dem Film „Holy Motors“ wurde oft das Kompliment gemacht, dass ihm Bilder gelingen, die sich mit den Mitteln der Sprache nicht mehr greifen lassen. Wo stößt die Sprache an Grenzen?

Jedes Medium hat seine eigenen Stärken. Dass man zwei Menschen sieht, die sich anschweigen, lässt sich im Film sicher besser darstellen. Literatur ist dagegen erstmal nur Sprache. Wir sind sprachgetriebene Menschen. Wenn wir uns etwas bewusst machen, versprachlichen wir es. Im Alltag gehört zu schwierigen oder auch zu schönen Situationen oft die Suche nach den richtigen Formulierungen. Ein gutes literarisches Werk kann da auf die Sprünge helfen, und die Wörter in Romanen verhelfen uns auch zu Bildern. Gewaltige Unterschiede gibt es in der Produktion: Jemand, der ein Drehbuch schreiben kann, kann nicht unbedingt einen Roman schreiben.

Wo sehen sie Gemeinsamkeiten zwischen der neuen deutschen Lyrik und dem neuen deutschen Film?

In der Klarheit und Einfachheit. Die Deutlichkeit spielt bei beiden eine wichtige Rolle. Dass man den Mut hat zu klaren Formulierungen, klaren Bildern. Im Laufe der letzen Jahrzehnte hat man gelernt, dass Klarheit nicht unbedingt Oberflächlichkeit bedeutet. Von beiden Medien wünsche ich mir eine Verständlichkeit, die nicht darin besteht, etwas bis ins letzte Detail zu erklären, sondern die gewinnbringend wirkt. Filme und Literatur sollen Entscheidungen ermöglichen, neue Wege aufzeigen.

Ihr zweites Buch „Larkin Terminal“ behandelt dezidiert das Reisen, sie erforschen darin Durchgangsorte. Woher stammt ihre Motivation fürs Reisen?

Nach dem Zivildienst habe ich mir vorgenommen, einmal auf jedem Kontinent zu studieren. Ganz ist mir das nicht gelungen. Bei meinen Reisen hat es mich erschreckt, dass die Dynamik eine Eigendynamik entwickelt, dass plötzlich immer mehr Möglichkeiten an einen herangetragen werden. Irgendwann verlernt man dann, an einem Ort zu bleiben. Das Verlassen von Menschen wird der Normalfall. Das ist eine Form von Brutalität, eine gefährliche Entwicklung.

In ihrem neuen Buch, das gerade entsteht und aus dem sie auch beim „Heimspiel“ lesen werden, schreiben sie über Freundschaften. Zu welchen Erkenntnissen kommen sie?

Der Schwerpunkt liegt auf konkreten Beispielen aus Geschichten, Filmen und anderen Medien. Ich möchte anhand dieser Geschichten zeigen, was gelingende Freundschafen ausmacht, ohne dabei Vorschriften zu machen. Bei der Lesung werde ich von Calvin und Hobbes erzählen, einer Beziehung, die für viele Menschen der Inbegriff von Freundschaft ist. Ich glaube auch, dass für Papst Benedikt das Thema Freundschaft von besonderer Bedeutung ist.

Wie verändern die sozialen Medien unsere Freundschaften?

Mehr als wir uns klar machen. Die Brutalität des Verlassens von anderen Menschen können die sozialen Medien zwar lindern, aber gerade dadurch sinkt unsere Motivation, doch wieder mit ihnen zusammenzukommen. Es gibt ein schönes Essay zu dem Thema: „800 Millionen: Apologie der sozialen Medien“ von Alexander Pschera, eine fast mystische Hymne auf die Kraft der sozialen Medien. Pschera beschreibt sie als Weg, die Menschheit zu einem großen Ganzen zu vereinen – eine spannende Perspektive. Ob ich den Befund teile, ist aber noch Teil der Untersuchung.

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