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Kultur
Sonntag, 22. Juli 2018 24° 4

Schauspiel

Wir lebensgroßen Marionetten

Die Theatertruppe Babylon begeistert im Studententheater an der Uni mit einer bitterbösen Komödie von Herbert Asmodi.
Von Florian Sendtner

Der Kunsthändler Ambrosius Krell (Dragiša Jerkic aus Bosnien) hat mit dem Künstler Boris Schuwaloff (Dorilys Berameur-Anderhuber ausFrankreich) Großes vor. Foto: Bernhard Kramel
Der Kunsthändler Ambrosius Krell (Dragiša Jerkic aus Bosnien) hat mit dem Künstler Boris Schuwaloff (Dorilys Berameur-Anderhuber ausFrankreich) Großes vor. Foto: Bernhard Kramel

Regensburg.Die Welt driftet nach rechts, der Nationalismus feiert fröhliche Urständ, ganz Europa wetteifert mit Donald Trump darum, wer die größte Mauer um sein Land herum hochzieht. – Ganz Europa? Nein! Am Regensburger Unitheater spielen Studierende aus 14 verschiedenen Ländern (und vier Kontinenten) zusammen Theater. Auf Deutsch. Dabei steht niemand auf der Bühne, dessen Muttersprache Deutsch ist. Allein das ist schon eine reife Leistung, die die Theatertruppe Babylon seit über zwanzig Jahren erbringt. Mittlerweile sind an die tausend ausländische Studenten auf der Bühne gestanden.

„Theaterspielen als prototypische Form eines handlungsorientierten Lernens einer Fremdsprache“, wie es Thomas Stahl, der Leiter des Zentrums für Sprache und Kommunikation an der Uni Regensburg, treffend formuliert. Doch was die Schauspieler auf der Bühne eint, ist mehr als das. In dem Fall ist es das Stück „Pardon wird nicht gegeben“ von Herbert Asmodi.

Wie? Ein nur noch dem Titel nach bekanntes Stück aus den Fünfzigern? – Ja, genau: Was Herbert Asmodi 1958, als Spießertum und Restauration in der Bonner Republik die absolute Mehrheit errungen hatten, in München auf die Bühne brachte, ist sechzig Jahre später auf gespenstische Weise wieder aktuell. Eine bitterböse Komödie eines sich selbst überschlagenden Kapitalismus, der lächelnd über Leichen geht.

Am seidenen Faden

Der Mensch als Marionette: Die schnörkellos-knackige Inszenierung von Christine Kramel und Andreas Legner macht schon im Prolog klar, wo es lang geht. Da beschwört Stephanie den Weltfrieden. Stephanie Prinzessin Schwarzach-Gueldenzwenge, die sich in der Folge als willenloses Werkzeug diverser geldiger Herren erweisen wird. Gleich zu Beginn tritt sie als lebensgroße Marionette auf – eine Allegorie, die die folgenden drei Stunden bereits schlüssig vorwegnimmt.

Das Stück

  • Schriftsteller:

    Herbert Asmodi wurde 1923 in Heilbronn geboren und schrieb Theaterstücke, Gedichte und Romane. Am erfolgreichsten war er als Drehbuchautor, etwa für den TV-Dreiteiler „Die Frau in Weiß“ (1971).

  • Komödie:

    „Pardon wird nicht gegeben oder Schuwaloff und der Weltfrieden“ ist noch bis einschließlich Samstag im Regensburger Unitheater zu sehen. Die Vorstellung beginnt immer um 19.30 Uhr.

Der Marionettenspieler, der die Prinzessin führt, ist der Kunsthändler Ambrosius Krell, laut Regieanweisung „ein Herr in jeder Hinsicht, ausgenommen in moralischer“ – was ganz und gar keinen Nachteil für ihn bedeutet. Dragiša Jerkic, Student der Theologie aus Bosnien, spielt den teuflisch charmanten Strippenzieher und Chefintriganten so glänzend, dass er einem direkt sympathisch wird. Wie ein Menetekel erscheint der Karl-Kraus-Satz an der Wand: „Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann.“

Hauptobjekt der dubiosen Machenschaften des Ambrosius Krell ist der Künstler Boris Schuwaloff (eine gutmütig-verlotterte Karikatur: Dorilys Berameur-Anderhuber aus Frankreich). Krell hat Großes mit Schuwaloff vor, wird nicht müde, dessen Genie zu rühmen („Betrachten Sie dieses Blatt, welch absolute Präzision! Welch keusche Delikatesse des Strichs!“), aber natürlich ist nur ein toter Künstler ein guter Künstler.

Ans Ziel kommen – egal wie

Krell will dazu Schuwaloffs morphiumsüchtige Frau Nina sowie die genannte Prinzessin Stephanie und deren Bruder, den Fürsten Bonifaz benutzen. Letzterer stolpert lauthals singend als barfüßig-blauäugiger Gärtner über die Bühne – er hat sein Leben der fixen Idee des Weltfriedens verschrieben, dem er notfalls auch mit Gewalt zum Durchbruch verhelfen will – typisch Herbert Asmodi.

Des Weiteren sind etliche Kapitalherren mit von der Partie, die Krell nur zu bereitwillig auf den Leim gehen, und nicht zuletzt zwei wunderbare schlaue Diener (Fanny Masson und Thaïs Roblot, beide Frankreich), die formvollendet für die dumme Herrschaft vorausdenken. Ein Theaterabend, der mit Witz und Intelligenz nur so um sich wirft.

2017 erhielt das International Theater der Uni Regensburg für sein Stück den Hans-Eberhard-Piepho-Preis für herausragende Leistungen im Fremdsprachenunterricht und der Fremdsprachendidaktik.

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