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Premiere

Witz mit Biss und Grant mit Grandezza

Im Turmtheater trifft ein vermeintlich Ungeliebter auf einen Störrischen – ein herrlich kurzweiliges Vergnügen!
Von Peter Geiger

Das einstige Erfolgs-Duo Willie Clark (Peter Nüesch) und Al Lewis (Werner Steinmassl) ist einander in feuriger Hassliebe zugetan.  Foto: Christina Alba-Falchi
Das einstige Erfolgs-Duo Willie Clark (Peter Nüesch) und Al Lewis (Werner Steinmassl) ist einander in feuriger Hassliebe zugetan. Foto: Christina Alba-Falchi

Regensburg.Nur wer die Gunst des Publikums genießt, kann erfolgreich sein. Denn ist die Zuneigung von Zuschauerseite nicht das stärkste aller Aphrodisiaka, für Schauspieler? Das potenteste aller Zaubermittel, das dabei hilft, selbstbewusstseinsgestählt auf der Bühne zu agieren? Und aufzublühen, wie eine frisch gegossene Wüstenrose? Fehlt dem Künstler diese Gunst, so leidet er unter Entzug. Und dann kann es schon mal vorkommen, dass er eingeht, wie eine Primel.

Willie Clark ist so einer: Er ist durch den Bretterboden der Bühne gekracht. Ein Aussortierter, der sich einst nach Belieben hatte vollfressen können, am üppigen Applausbrot des Publikums. Als er noch den berühmten Doktor-Sketch gab, mit Al, seinem Bühnenpartner, dem er in wilder Hassliebe verbunden war. Der aber heute als Bademantel tragender Einsiedlerkrebs dahindeprimiert, in seinem New Yorker Apartment. Sich via „Variety“ up to Date hält. Alles über die Theater-Szene weiß. Und nichts bewirkt. Nicht mal Werberollen für Puffmais gehen ihm noch an die Angel.

Der Haken dran ist ...

Die Gesetze der Dramaturgie verlangen es, dass angesichts einer solch finsteren Ausweglosigkeit nunmehr von irgendwoher ein Hoffnungsschimmer aufscheinen muss. Und der biegt prompt um die Ecke, und zwar in Gestalt von Ben Silverman (brillant in seiner Akkuratheit: János Kapitány). Das ist Willies rühriger Neffe, der für Ordnung sorgt, in der Messie-Bude. Und: Er hält ein Angebot parat! Wie wäre es, wenn Onkel Willie noch einmal mit Al, seinem Ex-Bühnenpartner, auftritt? Eine TV-Produktion über die großen Broadway-Komiker hat sie angefragt!

Naja, der Rest dürfte bekannt sein, entweder aus dem (fast gleichnamigen) Film „Sunny Boys“ mit Walter Matthau. Oder man kann es sich auch an seinen fünf Fingern zusammenreimen: Unter dem Druck der Verhältnisse werden die beiden noch ein letztes Mal zusammengeführt. Die Sache hat nur einen Haken: Wenn die beiden wie zwei reanimierte Preisboxer aufeinander treffen, dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Aber das Publikum, das hat einen Mordsspaß dabei!

Finale Doktorspielchen

Wenn Al nämlich die Bühne betritt - die grandiose Katharina Dobner hat Werner Steinmassl als gschniegeltes Wiener Gigerl mit Knautschhütchen kostümiert - dann ruft er, im Duett mit dem auch mimisch so grandiosen Peter Nüesch sein gesamtes Repertoire an Misanthropie und Grant ab. Mit leidenschaftlichem Hass führt dieses seltsam vertraute und bestens eingespielte Männerpaar beim finalen Doktorspielchen (Turmtheater-Chefin Undine Schneider ist der Bubentraum einer Krankenschwester!) seine jeweiligen Schwächen vor.

Al spuckt beim Buchstaben „T“ dem notorischen Besserwisser Willie ins Gesicht. Stupst ihm, der regelmäßig an der Entriegelung seiner Wohnungstür scheitert, den ausgefahrenen Zeigefinger in die Rippen. Autor Neil Simon galt nicht nur als einer der populärsten Vertreter des US-Theaters. Er hatte ein untrügliches Gespür für Running Gags. Und wusste sehr genau Bescheid, über die Funktionsweise einer gut geölten Boulevard-Komödie. Weshalb er nach dem Höhepunkt der letztmals aufgeflackerten Hassliebe die Läuterung einläutet.

Nach einer Herzschwäche muss Willie das Bett hüten. Liegend bewahrt er nunmehr Haltung, als eingebildeter Kranker. Sein Akku ist wieder aufgeladen, mit Arroganz und Hochmut. Sodass er am Ende ungebrochen erscheint. Wie viel die beiden Hauptdarsteller Peter Nüesch (der als Regisseur sehr fein auf die Herausarbeitung textlicher Finessen achtet und dabei - fast, als wär’s ein Stück von Beckett - das Absurd-Paradoxe freilegt) und Werner Steinmassl da wohl von ihrer eigenen Turmtheater-Biographie ausleben? Fragt man sie, lachen sie nur vielsagend. Ihre Augen glänzen. Denn der intensive Premieren-Applaus, den sie genießen durften, wirkt er nicht wie ein Bad im Jungbrunnen?

Tiefsinn und Höhenflüge

  • Autor

    Als Neil Simon im August 2018 im Alter von 91 Jahren, da wurde in der Presse der Tod des „Königs des Broadway“ betrauert. Der wohl populärste US-Dramatiker verstand sich wie kein Zweiter auf die Kombination aus rasantem Sprachwitz und Tiefsinnigkeit.

  • Regie

    Regisseur und Hauptdarsteller Peter Nüesch spiegelt in den „Sonny Boys“ auch ein bisschen seine Biographie: In den 1990ern hat der gebürtige Schweizer mit dem Turmtheater Geschichte geschrieben, jetzt kehrt er mit Werner Steinmassl zurück zur Wurzel allen Grants.

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