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Wo das Publikum König ist

Stefan Otteni inszeniert Jelineks „Am Königsweg“ im Theater am Haidplatz.

In „Am Königsweg“ reden die Protagonisten bis zur Sprachlosigkeit. Foto: Jochen Quast
In „Am Königsweg“ reden die Protagonisten bis zur Sprachlosigkeit. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Es gibt Theaterautoren, die präzise Regieanweisungen formulieren und strenge Vorgaben zum Umgang mit ihren Texten machen – und dann gibt es die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Sie übergibt ihre Texte „zur freien Bearbeitung“. Als Regisseur Stefan Otteni 2009 sein erstes Jelinek-Stück inszenierte, suchte er den Kontakt zur Autorin, um seine Regie-Ideen vorzustellen. Die Briefe blieben lange unbeantwortet, bis Jelinek über den Verlag ausrichten ließ: „Sie können meinen Text auch aufnehmen und auf der Damentoilette abspielen und auf der Bühne etwas völlig anderes machen“. Schon vor zehn Jahren hat sich Otteni dafür entschieden, den Text auf die Bühne zu bringen und tut es nun erneut im Theater am Haidplatz, wo Jelineks Stück „Am Königsweg“ am Sonntag Premiere feiert.

Jelineks Bühnenwerke sind wortgewitzte, tiefgründige, assoziationsbeschwingte Textflächen ohne Figuren- und Textzuteilungen. Entsprechend ist ein entschiedener Regie-Zugriff gefragt, der in Regensburg mit einer dreiwöchigen Improvisationsphase startete, in der die Schauspieler gemeinsam mit dem Regisseur die großen Themen aufspürten. Im Stück ist der demokratisch gewählte Präsident ein König. Seine Herrschaft grenzt an Willkür. Doch er fasziniert seine Wähler, die nach den neuesten Tweets lechzen. Süchtig nach Anerkennung und Entertainment lassen sie sich viel zu viel gefallen. Otteni interessiert sich dabei weniger für die Herrscherfigur als vielmehr für die Wähler, von denen eigentlich die Macht im Volk ausgeht.

Im Vorgespräch erläutert er, dass seine „Königsdisziplin“ derzeit darin besteht, seine Vision des mündigen Bürgers in der Form des mündigen Zuschauers zu etablieren. Vor Mitmachtheater muss dabei niemand Angst haben, vielmehr reflektieren die SchauspielerInnen über den Text und ihre Rollen, machen den Prozess Theater sichtbar und lassen ein Gemeinschaftsgefühl mit dem Publikum entstehen.

Otteni schätzt an Jelineks Text, wie hart und doch spielerisch sie mit sich und der Figur des Künstlers ins Gericht geht – auch im Verhältnis zum Theaterpublikum, das lange als treue Selbstverständlichkeit erachtet wurde. Otteni versucht deshalb, Echtzeittheater zu machen, bei dem zusammen gelacht und gelitten wird. Das klingt abstrakt und kompliziert? Otteni winkt ab: selten wurde so schön vierstimmig auf der Bühne gesungen! Bettina Ostermeier (Musik) hat Liedgut und Gospels zusammengestellt, die die ohnehin rhythmischen Textberge musikalisch auflockern. Für Otteni funktionieren die Texte wie bei einem üppigen Buffet: Nicht alles muss gemocht oder verstanden werden, jeder greift nach Lust und Laune zu. „Der Zuschauer ist König, jeder hat Recht, es gibt keinen Königsweg der Deutung“, so Otteni.

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