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Kultur
Samstag, 24. Februar 2018 1

Streitgespräch

Wohin mit all den Büchern?

Für die einen ist es ein Sakrileg, für die anderen Befreiung von unnötigem Ballast: Darf man Bücher wegwerfen?

Ein Blick in die Bibliothek des österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth. Er sagt:  „Bücher waren meine Rettung“. So etwas wirft man doch nicht weg – oder? Foto: dpa

Regensburg.Literatur ist immer Lust, kann aber auch zur Last werden. Das weiß jeder, der schon einmal beim Umzug Kartons mit Enzyklopädien geschleppt hat. Wegwerfen oder behalten? Unsere Autoren finden für beides gute Gründe.

Das sagt Newsdesk-Leiterin Claudia Bockholt:

„Simplify Your Life“ heißt ein deutscher Bestseller in 16. Auflage. Das kann man übersetzen mit „Entrümple Dein Leben“. Nicht allen Tipps darin ist zu trauen. Was soll man mit dem Ratschlag anfangen, sich nur noch mit Menschen zu umgeben, die das eigene Leben bereichern? So viele einsame Inseln gibt es nicht. Dass man allerdings mit weniger Zeugs um sich herum ballastärmer durchs Leben schwebt – das ist ein guter Gedanke.

Claudia Bockholt hat nicht Ökonomie, sondern Literatur studiert. Trotzdem trennt sie sich Jahr für Jahr von mehr Sachen – auch Büchern. Ihre Erfahrung: Hat man einmal angefangen, wird das Loslassen von Mal zu Mal leichter.

10 000 Dinge besitzt der Durchschnittseuropäer. Sie alle wollen gekauft, transportiert, gepflegt, entstaubt, gewaschen und poliert werden. Das kostet Zeit. Zeit ist das, was den arbeitenden Menschen heutzutage am meisten fehlt. Es fehlt die Zeit, den wachsenden Berg von schönen Dingen, die man mit dem sauer Erarbeiteten um sich herum anhäuft, auch zu genießen. Wer weniger Krempel hat, gewinnt Zeit – Zeit, die er zum Beispiel mit dem Lesen schöner Bücher verbringen kann.

Schöner – also lesenswerter – Bücher, wohlgemerkt. Was ein gutes Buch ist, möge jeder für sich entscheiden. Zerfledderte Arzt-liebt-Sekretärin-Schmonzette, Liechtenbergs Aphorismen in sechs Bänden oder ein blutgetränkter Kriminalfall aus skandinavischer Massenproduktion – ganz egal. Allerdings hat keiner, der Bücher besitzt, nur Spitzenliteratur im Billy stehen. Was ist mit all den Verlegenheitsgeschenken, den Must-have-Biografien von MRR bis FJS, der Sekundärliteratur aus Schul- und Studienzeiten, die man seit Jahrzehnten nicht mehr rausgezogen hat. Und all die Lexika. Heute wischt man, man blättert nicht. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Menschheit informiert sich, ohne dafür Wälder abzuholzen und Kolonnen von Lkw auf die Straße zu schicken. Wirklich: Digital ist gar nicht so schlimm.

„Aber wo bleibt das haptische Erlebnis, das weiche Rascheln der Seiten, der so vertraute, warme, leicht muffige Geruch des bedruckten Papiers?“ rufen da alle im Chor, die ihre Wohnung mit Büchern bis zur Zimmerdecke hinauf vollgestopft haben. Sie kleben noch an der letzten Schwarte, bei der sie doch schon vor 30 Jahren nicht über Seite 17 hinausgekommen sind. Sie halten das Wegwerfen eines Buchs für ein Sakrileg, einen Akt der Kultur-Barbarei. Warum nur? Der Geist des Dichters steckt doch nicht in der Druckerschwärze.

„Sie halten das Wegwerfen eines Buchs für ein Sakrileg, einen Akt der Kultur-Barbarei. Warum nur? Der Geist des Dichters steckt doch nicht in der Druckerschwärze.“

Der Wert jeder Sache ist ein individueller. Der eben, den man ihm beimisst. Es gibt Bücher, die sind Lebensgefährten. Sie zieht man immer wieder ganz nah an sich heran. Vielleicht weil sie komisch sind und finstere Nächte aufhellen. Vielleicht, weil man bei jedem neuerlichen Lesen einen anderen klugen Gedanken findet. Vielleicht, weil man sich einfach immer wieder an der Schönheit der Sprache erfreuen will. Diese Bücher muss man behalten. Im Lauf eines Lebens sind es vielleicht ein Dutzend, vielleicht 100. Der Rest kann in die Tonne.

Dr. Helmut Hein widerspricht:

Alles wegwerfen? Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder? Das iPhone, weil jetzt das neue iPhone auf dem Markt ist. Die Fußball-Trikots der Kinder, weil neuerdings (und jedes Jahr wieder!) die Robben, Ribéry und Lewandowski ein neues, andersfarbiges tragen. Die Kleider von eben noch, weil die Haute Couture unbeirrt ihren Weg geht.

Helmut Hein hat alles studiert und versucht, nichts davon zu vergessen. Er glaubt an Bildung und nicht an die Steigerung der Kompetenz. Und er zieht mittlerweile das gute Alte dem schlechten Neuen vor.

Und dann natürlich die Heizung im Keller, noch keine 15 Jahre alt, weil die neue, gerade mal 25 000 Euro teuer, vom Verbrauch her so viel günstiger ist (also angeblich Geld spart) und außerdem Umwelt, Klima usw. rettet. Das böse, böse Diesel-Auto, das zwar bei weitem nicht mehr so viel Stickoxid ausstößt wie noch vor zehn oder 20 Jahren, aber dennoch, wie man lesen kann, Leute „vergast“ und deshalb, kaum vier Jahre alt, verschrottet und durch ein neues ersetzt werden muss. Herrliche Umweltbilanz!

Wem nützt dieses panische Wegwerfen? Natürlich der „Wirtschaft“, wie es so schön anonym heißt, die seit Längerem vor dem Problem steht, dass „die Leute“ eigentlich alles schon haben, was sie brauchen und die deshalb nur „brummen“ kann, wenn man alles rasend schnell ersetzt. Wem nützt es noch? Mir, meinem Nächsten? Vermutlich nicht. Denn es ist ja so: Wie du mit den Waren umgehst, so gehst du auch mit deinen „Liebsten“ um.

„Man könnte sagen: Ich schau mir an, wie du mit deinem Buch umgehst und ich weiß, wie du mit mir umgehst.“

Was hat das mit der Frage zu tun, ob man Bücher wegwerfen soll – oder eher doch nicht? Alles. Man könnte sagen: Ich schau mir an, wie du mit deinem Buch umgehst und ich weiß, wie du mit mir umgehst. So ist es. Aber das ist noch nicht alles. Man müsste hinzufügen: und wie du mit dir selbst umgehst.

„Bücherzelle“ sind ein kreativer Weg, um alte Bücher zu retten. Foto: Jens Wolf dpa/lbn

Wie könnte jemand glauben, dass er unversehrt bleibt, wenn er die ganze Welt in einen einzigen großen Wegwerfartikel verwandelt? Na gut. Aber gibt es nicht diese nihilistische Lust, dieses tiefe Verlangen zu verschwinden, das freilich, wenn es zum Bestseller werden soll, einer anderen, schöneren Formulierung bedarf: „Simplify Your Life.“ Ja, tu das – und wenn du nur aufrichtig genug bist, wirst du merken, dass du nichts und niemanden brauchst, auch dich selbst nicht.

Goethe wusste noch, dass nichts so wertvoll ist wie die acht Wochen alte Zeitung. Wenn wir sie lesen, werden wir nicht nur „informiert“, sondern erkennen Zusammenhänge, (Selbst-)Täuschungen etc. Die alte Zeitung ist, so gesehen, besser und wichtiger als die neue. Und wie verhält es sich mit Büchern? Die werden verschenkt oder dem Papiermüll übergeben, „weil man sie schon gelesen hat“. Wie bitte? Ich kann zur Not verstehen, dass man ein Buch, das man noch nicht gelesen hat, hergibt, aber ein gelesenes?

Jedes gelesene Buch ist doch ein Teil meiner selbst, ein „Depot meiner Seele“, wie das Marcel Proust nannte. Wer Bücher wegwirft, wirft sich selber weg.

Zwischen loswerden und bewahren

  • Beim Bookcrossing

    werden im Internet registrierte Bücher einfach auf einer Parkbank oder sonstwo „ausgesetzt“ und man kann ihren Weg durch die Leser-Welt verfolgen.

  • Eine andere Lösung

    sind öffentliche Bücherbörsen, etwa in ausgemusterten Telefonzellen. Möge ein anderer mit den ausgelesenen Werken glücklich werden. Freilich muss man die ausgemusterte Literatur dorthin schleppen. Und das kostet wieder Zeit – die man nicht mehr fürs Lesen hat.

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