MyMz

Kleinkunst

Wortwitz auf engem Raum

Das Duo Blömer und Tillack braucht nur wenig Bühnenausstattung. Die kurz getaktete Nummern-Revue besticht.
von Wolfgang Spornraft

Die Kabarettisten Blömer und Tillack waren zu Gast in Regensburg und begeisterten das Publikum. Foto: Smilla Dankert
Die Kabarettisten Blömer und Tillack waren zu Gast in Regensburg und begeisterten das Publikum. Foto: Smilla Dankert

Regensburg.Mit ihrem Programm „Wir müssen draußen bleiben“ flutete das Duo Bernd Blömer und Dirk Tillack den Keller des Statt-Theaters mit einer kurz getakteten Nummern-Revue. Den Begriff Kabarett streiften die Darsteller nur pflichtschuldigst am Rande. Dafür trat bei ihrer Kleinkunst, ein bisschen schüchtern und ganz unaufdringlich, die Kunst an die erste Stelle. Dabei gab es auf der Bühne am Montagabend nicht viel zu sehen: Zwei Männer im Anzug. Ein Spannbetttuch, mit einem Hosenträger über ein Rechteck fixiert. Ein Klavier. Im 70-Plätze-Keller war das aber eine ganze Menge.

Der Weg auf die Bühne war lang. Aus dem Off hörte man die Verhandlung mit einer fiktiven Putzfrau, die schon abgesperrt hatte, weil es ja schon losgegangen war. „Hintenrum“ krabbelten Blömer und Tillack dann doch noch auf die Bühne und hatten ihren Auftritt – wie Kasperl und Seppel über der Kante des Spannbetttuch-Rahmens. Die Komik war der Ort. Im Statt-Theater gibt es keine Hinterbühne. Nur Nähe.

Ein bisschen sehr akademisch die Frage nach links und rechts, Schauspielerrechts ist Zuschauerlinks, und das pantomimische Niederreißen der vierten Bühnenwand zum Publikum. Aber schon flogen die Pfeile von der Sehne. Frage, Antwort: Name! Lieblingsfarbe? Was wählen am nächsten Wochenende? Das Publikum beteiligte sich rege und natürlich war es ein Witz. Was wählen Blömer und Tillack? Sauerbraten. Erwischt.

Pantomime trifft Akrobatik

Das Publikum war aufgewacht, aktiv. Die Spielregeln des Abends standen jetzt fest. Damit arbeitete das Duo. Tillack mit Berliner Dialekt, eine Handvoll gesprochene Hinweise zur Situation und schon stand man neben dem Losverkäufer am Brandenburger Tor in der Nachmittagssonne. Blömer erzählte, französischer Akzent, er hätte geträumt, er wäre der Präsident von Frankreich. Im Wechselspiel setzte Tillack das gesprochene Wort pantomimisch in Szene und die Nummer entgleiste hin- und mitreißend in Akrobatik. Für sein Radschlagen im Anzug hatte Tillack eigentlich gar keinen Platz.

Schenkelklopfer? Süffisantes Genau-so-ist-es-Wir-Gefühl? Fehlanzeige. Aufpassen musste man und wach sein, um den Wortwitz nicht zu verpassen, in den schnellen Szenenwechseln nicht auf der Strecke zu bleiben. Da ging es um Putin und dann um den Tiger, der nie ein Vegetarier wird. Logik wurde aufgelöst in Assoziation und Bilder. Und es funktionierte. In der Enge des Raumes hatte das Publikum keine Wahl. Dabei zu sein war eine Pflicht, der man gerne nachkam. Eine Frau aus dem Publikum wiederholte Satzfetzen, bevor sie lachte. Man war ihr fast dankbar.

In ihrer schieren Verspieltheit kehrten die Interpreten des Abends immer wieder zurück zum Hier und Jetzt, zu Einfach und der gegenständlichen Bühnenpräsenz. Der eine, der große Satz, nach dem sich Tillack eine Nummer lang auf die Suche macht und auf den das Publikum wartet? Freundliche Bescheidenheit. Nach wildem Georgel auf den Klaviertasten folgt der schlichte Kommentar: „Das war Kunst.“ Spontanes Gelächter die Antwort.

Kabarett in Aktion

  • Das Duo:

    Dirk Tillack wurde in Minden geboren. Bernd Blömer, geboren in West-Westfalen, lebt heute im Rheinland. Beide Künstler haben in Köln Sport studiert.

  • Die Auszeichnungen:

    Scharfe Barte 2018 (Publikumspreis), Paulaner Solo 2018, Sonderpreis Tuttlinger Krähe 2018, Reinheimer Satire Löwe 2016, Paderborner Einohr 2015 und Euskirchener Kleinkunstpreis 2015.

Antworten auf große Fragen

Und da haben Blömer und Tillack dann doch noch eine Antwort auf die großen Fragen der Welt. Sie finden sie im Kleinen: Eine glückliche Weinbergschnecke an der Mosel, die „ab und zu am Riesling knabbern“ darf. Drinnen und draußen ideal verkörpert in einem Geschöpf, dessen Haus Teil seiner selbst ist. Dabei war die auf den Text folgende Pantomime – in ihrer Schlichtheit und mit Schneckensex garniert – einfach nur eines: großes Theater. Ob das reicht? Bestimmt nicht, um damit die Welt zu retten. Aber das war auch nicht der Sinn des Abends.

Kleine Dinge können sehr kostbar sein. Zum Beispiel ein paar vergnügliche Stunden unter Leuten, wenn sich das Licht des Alltags in einer Scheinwerferlinse bricht und darin, in einem Moment der Verwunderung, eine Wahrheit, vielleicht sogar eine Selbsterkenntnis aufblitzt.

Hier geht es weiter zur Kultur!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht