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Kultur
Mittwoch, 26. September 2018 18° 1

Jazz

Younee steckt das Mittelalter in Blues

Im Theater Regensburg stellte die südkoreanische Pianistin ihre Musik zwischen Jazz, Klassik, Blues und Pop vor.
Von Michael Scheiner

Pianistin und Komponistin Younee Foto: Michael Scheiner
Pianistin und Komponistin Younee Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Younee ist eine bemerkenswerte Person. Anders als Musikerkollegen aus anderen Kulturkreisen, die sich mit universellem Englisch durchschlagen, hat die Pianistin gleich Deutsch zu lernen begonnen, als sie in die Nähe Würzburgs gezogen war. Bei ihrem Debüt in Regensburg, in der Reihe „Jazz im Theater“, erzählte die Südkoreanerin zu jedem ihrer Stücke eine kleine Geschichte. Den Samstags-Blues „Blue Saturday“ habe sie an einem regnerischen Tag geschrieben. Als „draußen ein dunkler Himmel, Wind und Regen“ die Stimmung drückten, komponierte sie das melancholische Stück zu Hause im Studio. Bildhaft markieren sperrige tropfenartige Klänge die Eindrücke der Musikerin, die sich mit ihren Kompositionen irgendwo zwischen Pop, Jazz und Klassik bewegt.

Younee wird als Crossover-Musikerin vermarktet. Mit ihren Alben „Jugendstil“ und „My Piano“ eroberte sie auf Anhieb einen Platz auf dem umkämpften Markt der „New Classics“ und in den Feuilletons. Das Regensburger Publikum gewann die junge Künstlerin jetzt mit einem Programm aus Stücken der beiden Alben.

Das Publikum jubelt

Im Theater währte es bis zu „Speeding Instinct“, einem von Rachmaninoffs Sonata Nr. 2 inspirierten, bluesigen Stück, bis erste Juhu-Rufe erschallten. Das Entzücken steigerte sich von einem zum nächsten Stück, um nach der Pause, bei Younees Version von Heinrich Heines „Auf den Flügeln des Gesangs“, in einem Ausbruch von Jubel zu gipfeln. Die Pianistin sang selbst die hochromantische Liebeslyrik „Dort wollen wir niedersinken (…) Und träumen seligen Traum“ aus dem wunderbaren „Buch der Lieder“. Schon als Klavierschülerin, erzählte sie, habe sie für klassische deutsche Lieder geschwärmt, „obwohl ich die Texte natürlich nicht verstanden habe“. Heute verstehe sie sie. Die Zuhörer liegen ihr dafür entweder zu Füßen oder halten nach dem Konzert nicht damit hinterm Berg, dass Younee „das Singen hätte bleibenlassen sollen“.

Von Südkorea nach London und Würzburg

  • Younee:

    Younee wurde in Seoul geboren. Mit sieben bekam sie ihr eigenes Klavier, mit 19 studierte sie klassisches Piano an der Musikhochschule in Seoul. Sie wurde Professorin für Musik. 2006 erschien ihr Debütalbum „Love“.

  • Kompositionen:

    Younee schrieb Popsongs für andere koreanische Künstler. Der Titelsong für eine koreanische Fernsehserie wurde ein Nummer-1-Hit. Als sie den Jazz-Arrangeur Richard Niles traf, zog sie nach London, 2010 nach Würzburg.

Auch im ersten Teil des Abends sang Younee einen ihrer Songs, die Ballade „We Belong“. Obwohl sie über eine angenehme Stimme verfügt, merkt man deutlich, dass sie nicht ausbildet ist – und das bildet einen erheblichen Kontrast zu ihrer Virtuosität und großartigen technischen Leichtigkeit auf dem Flügel. Selbst wenn sie nach der kraftvoll-rasanten „Toccata And Blues In Minor“ gesteht, sie fühle sich, als „ob ich einen Lkw gefahren hätte. Ich musste viel Gas geben“, erschien ihre Fingerfertigkeit wie ein Kinderspiel. Ein zupackendes zwar, aber auch eines, das gleich darauf in gefühlige „Absent Variations“ eintaucht, um diese von Mal zu Mal zu verändern. Von dort springt sie in ein schnelles, von einem groovenden, minimalistischen Motiv geprägtes „Piano Virus“.

Vorhersehbare Improvisationen

Von den Klassikern, mit denen Younee aufgewachsen ist, hat sie eine ganze Reihe in eigenen Nummern verarbeitet. Beethoven in „Fate Blues“, Bizets Carmen in „Woman in Red“ und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in „Reminiscence“. Einen ähnlichen Weg haben vor Jahrzehnten der Pianist Jacques Loussier vorwiegend mit verjazzten Interpretationen von Bach, später auch Debussy, Ravel und Vivaldi, und der Musiker Eugen Cicero – Vater von Roger Cicero – mit einem Extrakt aus Klassik und Jazz beschritten. Younee geht einen Schritt weiter, indem sie ein Hauptthema nimmt und es sich in ihrer Komposition anverwandelt. Dabei fällt immer wieder ein starker Bluesbezug auf, der sich auch durch ihre schillernden Improvisationen zieht.

Younee im Video sehen Sie hier.

Trotz aller Unvorhersehbarkeit, wie sie es selbst mehrfach betont, wirken aber ihre freien Impro-Stücke durch die Bank vorhersehbar und auf eine Art formbehaftet, die sie oberflächlich erscheinen lassen. Bei dieser Brillanz ihres Spiels ist das ein wenig schade, konnte aber den Enthusiasmus der scharenweise zu Fans gewordenen Regensburger nicht bremsen. Als Zugabe erschuf Younee ein musikalisches Bild vom „Mittelalter in Regensburg“ - mit bluesig-erhabenem Gestus.

Sängerin China Moses war ebenfalls zu Gast in der Reihe Jazz im Theater. Hier lesen Sie mehr über ihr Gastspiel.

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