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Ausstellung

Zarte Schiffchen im Meer der Gefahren

Ludwig Bäuml bespielt Regensburgs Minoritenkirche mit „mare nostrum“: bei der Großen Ostbayerischen Kunstausstellung 2015.
Von Claudia Böckel, MZ

Ludwig Bäumls eindrucksvolle Installation „mare nostrum“ in der Minoritenkirche, zu sehen bei der Großen Ostbayerischen Kunstausstellung in Regensburg
Ludwig Bäumls eindrucksvolle Installation „mare nostrum“ in der Minoritenkirche, zu sehen bei der Großen Ostbayerischen Kunstausstellung in Regensburg Foto: altrofoto.de

Regensburg. Wer Kunst nicht nur anschauen, sondern kaufen will, könnte im Leeren Beutel, bei der Großen Ostbayrischen Kunstausstellung 2015, einen praktisch wirkenden Papierkorb wählen. Alina Bugas Bronze-Objekt „Question. The last Object?“ sieht wirklich aus wie ein 5-Euro-Plastik-Papierkorb, er hat aber durch sein Material Bronze viel an Gewicht gewonnen, auch an geistigem Gewicht. Alina Buga macht den Gebrauchsgegenstand zum glänzenden Kunstobjekt, das den geistigen Müll unserer schnelllebigen Welt aufnehmen, im Notfall auch als Urne dienen kann. Ob der fünfstellige Preis den interessierten Besucher vom Kauf abhalten wird?

Bei der Eröffnung der Großen Ostbayerischen Kunstausstellung im Leeren Beutel: Gäste neben der Arbeit „Together“ von Tone Schmid
Bei der Eröffnung der Großen Ostbayerischen Kunstausstellung im Leeren Beutel: Gäste neben der Arbeit „Together“ von Tone Schmid Foto: altrofoto.de

Die Ostbayerische Kunstausstellung findet 2015 wieder in den großzügigen Räumen des Leeren Beutel statt, auch die Minoritenkirche wird bespielt (Laufzeit: bis 6. September). Von der zauberhaften bemalten Postkarte von Fanny Jacquier bis zur fünf mal fünf Meter großen Installation „mare nostrum“ von Ludwig Bäuml – er lässt in der Kirche kleine Papierschiffchen auf einem Nagelbrett ihren Weg über das gefährliche Meer suchen – ist fast alles vertreten: Malerei, Grafik, Plastik, Objektkunst, Fotografie, Installation. Jeder Künstler, jede Künstlerin ist mit ein, zwei Arbeiten präsent. Der Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz gibt so einen Überblick über das aktuelle Kunstschaffen der Region, von Newcomern und Etablierten. Der jüngste Künstler ist 25 Jahre, der älteste 90.

Die Vorstandschaft des BBK und Reiner Meyer von der Städtischen Galerie haben mit großem Geschick bei der Hängung Zusammenhänge hergestellt, ähnliche Werke kombiniert und erkennbare Themenkomplexe wie Linie, Farbfeld, Schwarz-Weiß oder Architektur zusammengeführt.

Gebirge aus überlagerten Linien

Astrid Schröder lässt bunte Liniengebirge entstehen, aus Farbüberlagerungen senkrechter Linien. Christine Sabel baut mit Glas und applizierten horizontalen Linien einen Wald auf, dessen senkrechte Linien nur durch die minimale Überlagerung der Horizontalen entstehen. Peter Nowotny lässt mit seinem „Storyboard: Der freie Blick“ die Augenbinden aus dicken bunten Strichen, die den Blick behindern, wegfliegen. Manfred Mayerle besticht ebenso wie Peter Dorn durch Liniensysteme, überlagert, konturiert, wieder aufgebrochen.

Von Eva Czerwenka: „Der König“, in der Städtischen Galerie Leerer Beutel
Von Eva Czerwenka: „Der König“, in der Städtischen Galerie Leerer Beutel Foto: altrofoto.de

Im Bereich Architektur finden sich die Steinerne Brücke, von Herbert Stolz von unten fotografiert, Alfred Böschls „Zwei Häuser“ aus patiniertem Stahl, reduziert auf das Allernotwendigste, ein Pilsen-Panorama mit leerer Brache von Fotograf Martin Rosner oder etwa Maria Maiers „Zeit-Symbiose“: übermalte Fotografien von Architekturdetails, die sie in der unteren Bildhälfte malerisch weiterentwickelt.

Schwarz-Weiß sind die „Plattenbauten“ von Veronika Riedl, Wohntürme aus weißem Porzellan mit sparsamen schwarzen Linien, windschief, eingebrochen, geschachtelt. Schwarz-Weiß sind auch Ekkehard Kepplers „Getrennte Wege“ in Holzschnitttechnik, Alois Achatz’ Kaltnadelradierung „Wald“ oder Helmut Langhammers Fotos von „geflickten Fahrbahnen“.

Starke Frauenbilder sind zu sehen: „Edith“ von Birgit Szuba, Johanna Obermüllers von starken Linien umrandete „Tennis“-Spielerin, Jürgen Schönlebers „Dreieck“ mit Rückenakt, Julia Knorrs Hochglanzfoto „Ohne Ton“, eine faszinierende Fassung von Munchs „Schrei“, Luise Ungers „Frau mit Dutt“ in ätherischer Stimmung oder Mariana Steiners „Montreal“ mit weiblichen Schattenrissen.

Männer in Doppelripp von Helmut Wolf

Von Helmut Wolf: „Mann mit Doppelripp I II III“, im Leeren Beutel
Von Helmut Wolf: „Mann mit Doppelripp I II III“, im Leeren Beutel Foto: altrofoto.de

Im Bereich Skulptur fasziniert Korbinian Hubers „Junge Henne“, mitten im Bewegungsablauf in Birke gebannt. Helmut Wolf zeigt „Männer mit Doppelripp“ und Sonnenbrille. Theodor Holzers präsentiert stolze Vorstände in Porträtbüsten, Alfred Kainz fasst einen „Tsunami“ in eine Wellenskulptur aus Onyx-Marmor und Sabine Straubs zeigt eine große „red line“ aus Aluminiumbändern.

Hintergründige Objekte lassen schmunzeln. Erika Einhellingers witzige Objektbilder bestehen aus vier Schuhabstreifern. Tone Schmid hat aus Kugelgrill, Rädern und Hirschgeweihen, die wie im Kampf aufeinander stoßen, eine kinetische Assemblage montiert. In Thomas Thalhammers „Letztes Hemd“ aus weiß lasiertem Holz kann man sogar durchaus hineinschlüpfen. Und Ludwig Bäuml spielt in „Fragmente-Landschaft“ ein faszinierendes Spiel: er deckt auf, deckt zu, verdeckt und übermalt.

Morbidezza voller Schönheit

Die Arbeiten zweier neuer Kulturförderpreisträger 2015 stechen aus den anderen Werken ein wenig heraus. Sie sind faszinierend, frisch. Man muss zweimal oder öfter hinschauen, um zu sehen, dass es sich bei Jürgen Böhms Objekt „Longitude 1-5“ nicht um Flöten handelt, auch nicht um Minilokomotiven, die in durchsichtigen Stäben fahren, sondern um ein allgegenwärtiges Teilchen unserer Welt, um Elektroplatinen, ausgestellt quasi in ganz kleinen langen Vitrinen. Stefan Bircheneders „Morgenröthe Rautenkranz“, ein ganz traditionelles Ölbild, zeigt Schaltkästen in einer alten Fabrik, getaucht in goldenes Licht, preziös gemalt. Jedes Stückchen abblätternde Farbe hat eine Schattenwirkung. Die Morbidezza wird unter Bircheneders Händen zur Schönheit.

Kunst aus Ostbayern

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