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„Zeig mir deins, ich zeig dir meins!“

Kunst Im Prokrustesbett der Prüderie: Dana Lürken und Rayk Amelang bei GRAZ

Rayk Amelang und Dana Lürken in ihrer Ausstellung im Kunstverein GRAZ Foto: altrofoto.de

Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg. Wer bin ich, und wenn ja, wieviele? Bei dem Künstler Rayk Amelang kann man den zweiten Teil dieser Frage momentan mit 26 beantworten: Soviele Selbstporträts von ihm sind seit Freitag im Kunstverein GRAZ zu besichtigen. Aber wer jetzt meint, der 32-jährige Pentlinger leide an Narzissmus oder Selbstüberschätzung, ist auf dem Holzweg. Und das sieht man auch auf den ersten Blick: Nicht um Selbstbespiegelung geht es hier, sondern ganz im Gegenteil, um die Demonstration, wie trügerisch – und oft auch: wie platt – die bürgerliche Kunst des Selbstporträts doch ist.

Aus tausend gefälligen Bildern

In den verschiedensten Bildausschnitten und Formaten – von Miniatur bis Monumental – und sehr wirkungsvoll zusammengestellt, kommt der aus Dessau stammende Künstler den Erwartungen des Betrachters mit geradezu fotorealistischen Gesichtszügen entgegen – und enttäuscht sie gleichzeitig: die Augen bleiben schwarz und leer, die Haare haben weder Kontur noch Struktur, sind einfach nur flächig schwarz. Verschärfend kommt der golden wirkende Hintergrund hinzu. Rayk Amelang hat sie kurzerhand umgedreht, die unbehandelte Rückseite, das goldbraune Gewebe, war das, was er suchte. Richtig beleuchtet, verleiht es den Bildern eine ganz eigene, leuchtend-härene Aura, die sich über die Gloriole lustig zu machen scheint, auf die das bürgerliche Selbstporträt – offen oder verschämt – normalerweise ausgerichtet ist.

Vollends verblüfft ist man, wenn man erfährt, dass diese Bilder gesprüht sind – bei diesen ausdrucksvoll nuancierten Gesichtszügen eine Kunst! Rayk Amelang sagt dazu lakonisch, dass er seit 1996 mit der Sprühdose arbeitet. Wenn man vor den Wänden im Kunstverein Graz steht, befindet man sich also an der Schnittstelle zwischen der altehrwürdigen Porträtmalerei und der street art, der sich Rayk Amelang verschrieben hat. Um den Betrachter vollends zu irritieren, wartet jedes zweite Bild schließlich auch noch mit einem groben „Fehler“ auf: Da sind die Augen mit einem dicken schwarzen Balken verdeckt, dort über das ganze Gesicht eine grelle orangene Mütze gezogen, oder aus einem Auge scheint die Farbe ausgelaufen zu sein. Rayk Amelangs artifizielle, artistische Porträtkunst setzt den tausend gefälligen Bildern der schönen, neuen Welt sperrige, trotzige Ikonen der Ironie entgegen: Ich bin’s nicht!

Bürgerliche Lustverhinderung

Was würde besser passen zu dieser hinterfotzigen ästhetischen Reflexion als ein sauber gemachtes, uraltes Ehebett? Dunkel dräuend nimmt es die ganze linke Saalhälfte ein, kunstvoll gedrechseltes Wurzelholz, hundert Jahre alt, ein einziges Ornament, ein einziges Verbrechen. Dabei ist die Koinzidenz purer Zufall: Das Insignium der bürgerlichen Ehe ist Teil der Installation „11 Minuten“ von Dana Lürken; Rayk Amelang hat die Münchner Künstlerin, wie er *1977, eingeladen, mit ihm diese Ausstellung unter dem zweideutigen Titel „Zeig mir deins, ich zeig dir meins!“ zu bestreiten.

So ein klassisches Ehebett ist an sich schon ein unfreiwilliges Kunstwerk christlich-bürgerlicher Lustverhinderung – die Besucherritze gemahnt an den Kreuzesbalken: in diesem Bett ein Kind zu zeugen, ist fürwahr ein Martyrium! – doch Dana Lürken setzt noch eins drauf: Auf einem Video zu Füßen dieses Prokrustesbetts der Prüderie sieht man ein Schienenbett, aus dem letzten Fenster eines fahrenden Zugs, dazu ein Dialog zwischen Mann und Frau. Frau: Ich liebe dich! Mann: Ich dich auch! – in allen nur erdenklichen Variationen: Zärtlich, innig, leise, verträumt, nachdrücklich, vorwurfsvoll, laut, schreiend, aggressiv. Und der Zug fährt und fährt, und das Gleisbett bleibt im ehern genormten Abstand, wie die Besucherritze. Aus dieser hochheiligen Institution gibt es kein Entrinnen (denn die Falltür im Boden ist auch kein Notausgang, die gehört nicht mehr zur Installation)!

Dana Lürken hat es faustdick hinter den Ohren. Auf Youtube ist ein 11/2-Minuten-Film von ihr zu sehen, Titel: „Schlagzeilen“, Untertitel: „Eine bildhauerische Arbeit“, in der zwei Männer an einer Straßenecke aufeinandertreffen. Jeder mit einem riesen schwarzrotgoldnen Prügel, mit dem sie sich auf die Rübe hauen und sich dabei „Bild“-Schlagzeilen entgegenschreien: „Mutter versteckt Neugeborenes im Keller!“, „Wir sind Papst!“ – In GRAZ zeigt sie aber auch noch eine zweite, sehr subtile Rauminstallation, eine Hommage an ihre kürzlich mit 88 Jahren gestorbene Großmutter: Eine ganze Wand, übersät mit persönlichen Erinnerungen, Postkarten, Sterbebildchen, Zeitungsausschnitten, Fotos. Bei der Ausstellungseröffnung kamen die Besucher gar nicht mehr davon los.

Bis 4.Oktober bei GRAZ, Schäffner-

straße 21, Hinterhof. Do.-So., 16-19 Uhr

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