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Konzert

Zeigen, wo der Hammer hängt

Beim diesjährigen Regensburg Drumweekend standen zwei Schlagzeugerinnen im Fokus. Das Publikum war begeistert.
Von Michael Scheiner

Christin Neddes zeigte sich im Trio mit Walter Lang am E-Piano und Ulli Zrenner-Wolkenstein am Bass in prickelnder Spiellaune. Foto: MICHAEL Scheiner
Christin Neddes zeigte sich im Trio mit Walter Lang am E-Piano und Ulli Zrenner-Wolkenstein am Bass in prickelnder Spiellaune. Foto: MICHAEL Scheiner

Regensburg.Seit 54 Jahren glauben Männer daran: „It’s a Man’s Man’s Man’s World“. Mit dieser dramatischen Soulballade streichelt Soul Brother Nr. 1, James Brown, seit 1966 die Seele aller Machos, auch wenn er im zweiten Teil großzügig zugesteht, dass die Welt „ohne die Frauen nichts wert wäre“. Paroli hat es musikalisch öfter gegeben, von Neneh Cherry mit „Woman“ und zuletzt von Cher mit „A Woman’s World“.

Bezogen auf das musikalische Genre, die Popmusik, hätte James Brown den Zusatz eigentlich weglassen können. Musikerinnen waren selten, mit Ausnahme der Sängerinnen. Nimmt man zudem einzelne Instrumente in den Blick, war das Drumset, also das Schlagzeug, das männlichste in der Welt der Popularmusik. Erst in jüngster Zeit tauchen in den Line-ups häufiger Frauennamen auf und widerlegen zunehmend das noch präsente Klischee, dass nur Männer hart, kraftvoll und laut spielen können.

Kaum Zeit zum Proben

Beim 5. Regensburg Drumweekend setzten sich gleich zwei international aktive Schlagzeugerinnen lächelnd über solch krude Vorstellungen hinweg und ließen die Stöcke fliegen. Nach gut besuchten Workshops am Nachmittag, demonstrierten Anika Nilles und Christin Neddes abends ohne viel Federlesens ihre musikalische Fähigkeiten bei einem gut besuchten Doppelkonzert im Lokschuppen. Veranstaltet vom Music College und organisiert vom langjährigen Dozenten Gerwin „Geff“ Eisenhauer, der mit Sebastian Lanser zusammen die männliche Hälfte des Festivals bildete, gehört die Veranstaltung mittlerweile zu den künstlerischen Fixpunkten Anfang des Jahres.

Neddes machte mit einem eigens zusammengestellten Trio den Anfang bei der „Girls on Drums Night“, wie Eisenhauer die Auftritte der beiden jungen Musikerinnen in seiner Anmoderation ankündigte. Sie seien „Aushängeschilder der europäischen Szene, die ganz oben stehen“, hob er deren Bedeutung hervor, „wenn nicht sogar weltweit“, rekurrierte er auf die internationale Präsenz der beiden bei Festivals, Clinics und Tourneen in diversen musikalischen Kontexten.

Mit einer latinbetonten swingenden Modern-Jazz-Nummer, „Bolivia“, bot Neddes im Trio mit Walter Lang am E-Piano und Uli Zrenner-Wolkenstein am Bass ein Signal in Richtung Jazz. Im nächsten, fusionartigen Song wechselte Zrenner-Wolkenstein vom akustischen zum elektrischen Bass. Nach anfänglicher Unsicherheit im Tempo präsentierten sich die drei in den folgenden Songs von den Yellowjackets, von Bobby Timmons und in einer Eigenkomposition von Neddes in prickelnder Spiellaune. Bemerkenswert im Zusammenspiel vor allem deshalb, weil es der erste gemeinsame Auftritt der drei fähigen Instrumentalisten war und vorher kaum Zeit, um groß zu proben. „Einfach hinsehen, spielen“, nannte Neddes als Motto für ihr zupackendes Straight-ahead-Spiel, das sie ausschließlich mit Sticks anging, „und gucken was passiert“.

Angefeuert von den Trommeln

Lauter und kraftvoller zeigte Anika Nilles den Zuhörern, wo der Hammer hängt. Mit ihrem hochkomplexen Spiel wechselnder Rhythmen und verzwickter Grooves scheint sie gar den drei Musikern ihrer eigenen Band Nevell gelegentlich davon zu laufen. Die 36-Jährige, gebürtige Aschaffenburgerin stellte im Lokschuppen Songs wie „Pure“, „Neon“ und „Mister“ aus ihrem eben erschienenen Album „For a Colorful Soul“ vor. Stilistisch in viele Richtungen offen, bewegt sie sich mit ihren keyboard-lastigen Kompositionen im prächtig groovenden Niemandsland zwischen Funk, Rock, Pop und Bombast.

Damit begeisterte die Schlagzeugerin, die auch als Solo-Künstlerin durch die Vereinigten Staaten, China und Europa tourt, die Zuhörer derart, dass sie immer wieder spontan angefeuert und mit Hochrufen überschüttet wurde. „…und es war schön“, rief einer hinein in den Applaus, stieß aber auf taube Ohren, als er „die Musik ist zu laut“ nachsetzte. So oder so: Es war eine prächtige Ohrenstunde modernen Drummings.

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Am Schlagwerk

  • Anika Nilles:

    Sie ist derzeit wohl eine der weltweit angesagtesten Schlagzeugerinnen. Ihre Videos haben Aufrufe von mehr als 20 Millionen Zuschauern weltweit. Vor allem ihr „Pocketplaying“ wird von Drum-Magazinen gefeiert.

  • Christin Neddes:

    Sie studierte in den Niederlanden, Deutschland und den USA u.a. bei Peter Erskine und Jeff Hamilton. Als Drummerin gastierte sie weltweit auf Festivals.

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