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Zwei Frauen sortieren ihr Leben neu

„Grüße aus Fukushima“: In Doris Dörries neuem Film ziehen sich zwei Überlebende aus ihrem Erinnerungssumpf.
Von Fred Filkorn, MZ

  • Kaori Momoi als alternde Geisha und Rosalie Thomass als Marie in einer Szene von „Grüße aus Fukushima“ Foto: Mathias Bothor/Majestic
  • Kaori Momoi als alternde Geisha (rechts) und Rosalie Thomass als Marie in einer Szene von „Grüße aus Fukushima“ Foto: Mathias Bothor/Majestic

Regensburg.Der internationale Titel von Doris Dörries neuestem Film lautet „Fukushima, mon Amour“. Der cinephile Mensch denkt da unweigerlich an Alain Resnais’ Nouvelle-Vague-Klassiker „Hiroshima, mon Amour“. Die Parallelen liegen auf der Hand. Im existenzialistischen Schwarz-Weiß gedreht, geht es in beiden Filmen um eine junge Frau, die es in die Fremde zieht, um ihre destruktiven Gedanken an eine gescheiterte Beziehung loszuwerden. Eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Geschichten spielen vor dem Hintergrund nukleartechnologischer Zerstörungen. In Hiroshima war es der Abwurf einer amerikanischen Atombombe, in Fukushima die Kernschmelze mehrerer Reaktoren, nachdem sie von einem Tsunami getroffen wurden.

Bei ihrer Ankunft schlägt Maries (Rosalie Thomass) Geigerzähler heftig aus, sobald sie sich Fukushima nähert. Nach dem schmerzhaften Scheitern ihrer Beziehung schließt sie sich den „Clowns ohne Grenzen“ an, um unter Menschen zu sein, denen es noch schlechter geht als ihr selbst. In einer Evakuierten-Notunterkunft lernt sie die alternde Geisha Satomi (die japanische Schauspiellegende Kaori Momoi) kennen, die unerlaubterweise in die Sperrzone zurück will, um ihr zerstörtes Haus aufzubauen. Ohne Plan, was sie mit ihrem verpfuschten Leben anfangen soll, hilft Marie ihr dabei.

„Nur die Tasse und du“

Die zartgliedrige Satomi zelebriert die Kunst der Teezubereitung und lehrt die etwas trampelige Deutsche, worauf es ankommt: sich ganz dem Moment hingeben, auf Geruch und Geschmack des Tees achten, auf die weiche, runde Form der Tasse: „Only the cup and you. Nothing else.“ Positiver Nebeneffekt: Man vergisst alles um sich herum, auch Trennungsschmerz.

Auch Satomi schleppt eine „Altlast“ mit sich herum, da sie sich für den Tod ihrer Geisha-Schülerin Yuki verantwortlich fühlt. Nachts erscheinen den Frauen die Geister der Tsunami-Opfer aus der Nachbarschaft. „Du ziehst sie an, weil du unglücklich bist. Du trägst einen Geist auf deinem Rücken, jemanden, den du verloren hast“, erklärt Satomi ihrem Gast. Die Geister können also unglücklich Verflossene sein, wie in Maries Fall, oder Verstorbene, die im Jenseits nicht zur Ruhe finden. Die beiden Frauen helfen sich gegenseitig, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen und eine zukunftsfähige Haltung zu ihren persönlichen Tragödien zu entwickeln.

In poetischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen stellt Dörrie eine beseelte Natur einer apokalyptischen Todeslandschaft gegenüber, in der sich schwarze Plastiksäcke aus verseuchtem Erdaushub zu ungewollten Monumenten des Schreckens auftürmen. Das ist jedoch nichts, was sich Dörrie ausgedacht hat. In den Containern, den „Temporary Housing Communities“ leben heute noch, fünf Jahre nach der Katastrophe, Menschen unter erbärmlichen Umständen. Es sind vor allem die Alten, da die Jungen die Region längst verlassen haben.

Die Realität spielt selbst eine Rolle

Die ausgewiesene Nippon-Kennerin – Dörrie bereiste Japan um die 25 Mal – war ein halbes Jahr nach dem Desaster nach Fukushima geflogen. Dort hatte sie eine Begegnung mit einem alten Mann, der auf den Fundamenten seines zerstörten Hauses stand: „Er hatte noch nicht begriffen, was passiert war. Er hatte seine gesamte Familie verloren, sein Haus, Hab und Gut, sein gesamtes Leben.“ Im Gegensatz zu ihren älteren Japan-Filmen war dieses Mal Japan selbst der Ausgangspunkt für die Story. In „Erleuchtung Garantiert“ und „Kirschblüten – Hanami“ stand noch die deutsche Perspektive im Mittelpunkt.

Doris Dörries neuer Film „Grüße aus Fukushima“ feierte bei der Berlinale Weltpremiere.
Doris Dörries neuer Film „Grüße aus Fukushima“ feierte bei der Berlinale Weltpremiere. Foto: dpa

Die große Unmittelbarkeit ihrer Spielfilme hat Dörrie im Laufe der Jahre verfeinert. Mit einem kleinen, überschaubaren Team und handlicher Digitaltechnik begibt sie sich an Originalschauplätze, um die Wirklichkeit selbst eine Rolle spielen zu lassen. Sei es eine überfüllte Bahnstation in Tokio oder die verwüstete Region um Fukushima. „Wir versuchen seit Jahren, uns in die Realität zu schmuggeln, und nicht die Realität dazu zu verdonnern, unseren Vorstellungen zu entsprechen, wie wir sie mal im Drehbuch festgelegt haben“, erklärt die Münchner Filmprofessorin.

Subtiler Humor, philosophische Eleganz

Aus dem gleichen Grund lässt Dörrie professionelle Schauspieler auf Laiendarsteller und Menschen treffen, die vor Ort leben. In „Grüße aus Fukushima“ ist es der Mitbegründer von „Clowns ohne Grenzen“, Moshe Cohen, und die aus der Region Fukushima stammende Münchner Musikern Nami Kamata von der Band Coconami, die erstmalig als Schauspieler vor der Kamera stehen. Rosalie Thomass, durch Marcus H. Rosenmüllers „Beste“-Trilogie bekannt gewordene Jungschauspielerin, zeigt ihre gesamte Bandbreite auf. Von zornig über verzweifelt bis humorvoll hat die 28-jährige Münchnerin vieles im Repertoire. In einer lustigen Szene legt sie gar einen Schuhplattler hin. Im Januar erhielt sie den Bayerischen Filmpreis.

„Grüße aus Fukushima“ ist keine platte Culture-clash-Komödie, wie man sie in den vergangenen Jahren zur Genüge gesehen hat, sondern eine sensible Studie über zwei Frauen, die sich gegenseitig aus ihrem Erinnerungssumpf ziehen, mit subtilem Humor und philosophischer Eleganz.

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