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Bühne

Zwei im Reich der Fantasie

Im Regensburger Turmtheater wird das Publikum bei „Die geheimen Leben von Henry und Alice“ sinnlich verführt.
Von Peter Geiger, MZ

Perfekte Komödianten: Heike Ternes und Fritz Barth
Perfekte Komödianten: Heike Ternes und Fritz Barth

Regensburg.Nicht nur Lieder, auch Türen können Brücken sein! Klingt komisch? Ist aber so in Birgit Bagdahns Inszenierung von „Die geheimen Leben von Henry und Alice“ im Turmtheater: Denn das Bühnenbild – eine geschlossene Reihe verschlossener Türen bildet die vielsagende Kulisse – entschlüsselt dem Zuschauer die Kernbotschaft dieser Boulevard-Komödie unmittelbar und sofort. Jede dieser Türen symbolisiert und signalisiert, dass für Henry und Alice sämtliche Fenster der Gelegenheit zugefallen sind. Puff. Zack. Freunde hat das in die Jahre gekommene Ehepaar ebenso wenig wie Kinder. Und das bedeutet: Alice, 48, lebt ihren Putzfimmel denkbar offensiv aus, während Henry, wohl ein bisschen älter und Erdnussflips mampfend, in Permanenz das schlechte Fernsehprogramm beklagt. So weit, so gut vom Autor, dem 1957 in England geborenen Dramatiker David Tristram beobachtet.

Die einzige gemeinsame Perspektive des Paars ist ein Goldfisch namens Orca! Orca? Hmm, das klingt tatsächlich danach, dass Nomen nicht immer Omen sein muss. Und dass in jedem Bettvorleger auch ein Tiger stecken kann! Lichtwechsel! Zuerst also dürfen wir Henry, dem biederen Henry, dabei zusehen, wie er sich in ein Raubtier verwandelt und sich als cooler Shakespeare-Mime mit Sir Lawrence Olivier bespricht! Ja, tatsächlich: Larry ist Henrys Kumpel! Denn Henry ist ein ziemlicher Abräumer!

Weshalb – da hat das Publikum längst schon Lunte gerochen und kapiert – gerade die dramatisch dramaturgische Entwicklungslosigkeit der beiden Charaktere Henry und Alice ist dafür verantwortlich, dass das eigentliche Geschehen aufs Feld der Fantasie verlagert wird. Und so fordert Henry als Heinz Rühmann prompt Ladys aus dem Publikum zum Tanzen auf und macht sie hin mit seinem Charme! Und Alice? Tja, warum sollte sie nicht auch ihr höchst intimes Geheimnis pflegen? Bei ihr brennen nämlich angesichts eines Staubsaugervertreters und der Nennung von Wörtern wie „Schlauch“ oder „Sack“ sämtliche Sicherungen durch! Und dann will sie nur noch lauwarm eingeölt und anschließend wie eine Puppe aufs Sofa geschleudert werden! Punkt.

Man könnte das Ganze nun als bloßen Schnickschnack abtun. Aber: Man kann sich auch daran erfreuen, was der kommunikative Zusammenbruch eines Ehegespanns an erotisch-energetischem Funkenpotential in sich birgt. Und obendrein will man sich als Zuschauer kaum satt sehen, an diesen beiden perfekten Komödianten Heike Ternes und Fritz Barth. Ihnen steht das komplette Repertoire zur Verfügung, das notwendig ist, ein Publikum sinnlich zu verführen. Und so aufs Glaubhafteste zu versichern, dass trotz vielfach verschlossener Türen im Reich der Fantasie Grenzziehungen keine Gültigkeit haben!

„Die geheimen Leben von Henry und Alice“ ist noch bis 14. August im Regensburger Turmtheater zu sehen. Karten gibt es auf www.okticket.de.

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