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Ausstellung

Zwischen Fakt und Fiktion

konstantin b. zeigt Unglaubliches „aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“: Ein Archiv fiktiver Briefe von Florian Toperngpong
Von Gabriele Mayer

Florian Toperngpong und Galerist Bernhard Löffler vor einem der Briefe, die Aaron Aachen zusammengetragen hat.  Foto: Petra Wilhelm
Florian Toperngpong und Galerist Bernhard Löffler vor einem der Briefe, die Aaron Aachen zusammengetragen hat. Foto: Petra Wilhelm

Regensburg.Gute Kunst ist unberechenbar, ihr Clou besteht darin, Konventionen aller Art, auch diejenigen der Bedeutung, in der Fiktion zu reflektieren und zu verschieben. Was ist das also, was wir bei „Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“ sehen? Ein labyrinthisches Spiegelkabinett der Kultur-, Politik- und Geistes-Geschichte in Briefen. In fiktiven Briefen freilich. Geschichte aber ist stets unklar, denn Dokumente werden unweigerlich perspektivisch ausgelegt. Was ist überhaupt wahr, fragt im Grunde die Ausstellung. Ist das Wahrscheinliche vielleicht in einem höheren Sinn wahr als etwas bloß zufällig Tatsächliches, jenseits der Hauptströmung? Und können Unwahrscheinlichkeiten oder Abseitigkeiten nicht sogar glaubwürdiger sein als die Klischeeauffassungen von einer Sache? Und was ist bei dieser Schau eigentlich das Kunstwerk? Die geschriebenen und gemalten Briefe oder zusätzlich die Einbettung in den ironischen Fakt/Fiktion-Kosmos, über den Florian Toperngpong erzählt?

Zwischen Fakt und Fiktion

  • Vita

    Künstler und Kommunikations-Designer Florian Toperngpong wurde 1978 geboren. Er ist Dozent an der Akademie für Gestaltung Regensburg und veranstaltet Thai-Kochkurse. 2018 erhielt er den Kulturförderpreis der Stadt.

  • Ausstellung

    Sie läuft bis Sonntag, 14. April, in der Regensburger Galerie konstantin b. „Aus dem Papierkorb der Weltgeschichte“ ist auch als Buch erschienen. (myr)

Die ersten Briefe waren bereits vor Jahren in einer Gruppenschau zu sehen. Was er macht, setzt Geduld, Wissen, Kreativität und enormes Gestaltungsgeschick voraus, damit die Schriftstücke formal und inhaltlich so echt wirken, wie man sie hier unter Glas bewundert. Ein ganzes Archiv, das Aaron Aachen, ein Findelkind, das später auf denen Spuren seiner Herkunft in alten Kellern wühlte, zusammengetragen hat: Korrespondenzen von und mit Politikern, Künstlern und vielen anderen. Das Briefarchiv wurde Toperngpong von Aachen vermacht. Zeichnungen von Karl Valentin, vermutlich, heißt es. Oder ein Brief von Theodor Heuss. Alles, Aaron Aachen inbegriffen, ist die Erfindung von Toperngpong, sagt er jedenfalls. Auch wenn es nicht so scheint. Der Brief von Gandhi an Hitler ist nicht erhalten, weil er an Hitlers Halbbruder zugestellt wurde, dessen Antwort an Gandhi aber lesen wir.

Tipps für Hundefreund Hitler

Die Auswahlbriefe aus Toperngpongs Gesamtarchiv, die in der Schau als Wandobjekte präsentiert werden, sind käuflich erwerbbar und alle zusammen sindals fiktives Geschichtsdokument ein durchtriebener Querschnitt durchs 20. Jahrhundert. Oder besser durch das, was an Klischees, Vorurteilen und Bruchstücken in unserem kollektiven Gedächtnis kreist. Denn um für den Betrachter kommunikabel zu sein und Witz zu entfalten, muss so ein Brief an die Allgemeinplätze, ans allgemeine Vorwissen, an die Vorurteile anschließen. Der erkenntniskritische und medienkritische Mehrwert liegt auch darin, wie stark ein Brief vom Erwarteten abweicht oder eben nicht, und wie der Leser darauf reagiert, sofern er es erkennt, er kann sich nicht sicher sein, auf jeden Fall wird er verunsichert. Eine Schau mit Quizcharakter, ohne Auflösung. Brief eines Tierpsychologen an den speziellen Hundefreund Hitler, mit Ratschlägen, die deutlich an die oft hysterische heutige Hundeliebe erinnern. Damals also schon, oder heute wieder, oder Fiktion?

Dieses Archiv ist nicht nur wie jedes Archiv produktiv und konfrontiert uns nicht nur wunderbar mit unserem Vorwissen, Halbwissen und Nichtwissen, es bringt vor allem unsere Koordinaten in Unordnung.

Gegen den Strich gebürstet

Und natürlich ist die Subjektivität des Künstlers in die Auswahl und in sein Spintisieren eingegangen. So uferlos aber funktioniert Geschichts-Erkenntnis im Prinzip immer. Ein ewiges Recyceln von Bedeutungen, die uns prägen, auch wenn wir uns täuschen. Der sogenannten Objektivität liegen Subjektivität, Zeitgeist-Hörigkeit und Auschnitthaftigkeit zugrunde. Und was sagt es über uns, wenn wir als Leser gerade dieses bzw. jenes aus einem Brief für uns herauspicken?

Skizzen von Käthe Kollwitz, die das menschliche Leiden darstellte, sind in einem der Briefe gegen den Strich gebürstet, das mag unglaubwürdig wirken, wem bekannt ist, dass der Künstler oder vielleicht doch die Kollwitz selbst, dafür ein Brecht-Zitat verwendet hat, dem erscheint das Dokument plötzlich noch interessanter. Und es ist ein bestechendes Lehrbeispiel dafür, wie wir uns leiten lassen vom scheinbar Authentischen eines solchen Briefs. Die Suche Aaron Aachens nach seiner Herkunft, die jedenfalls entpuppt sich schließlich als unsere eigene Suche.

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