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Ausstellung

Zwischen Freiheit und Moderne

Berlinale-Bär und andere Werke: Die Kunst von Renée Sintenis ist in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg zu sehen.
Von Ulrich Kelber

Renée Sintenis (hier ein Selbstbildnis) gilt als eine der bedeutendsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts. Fotos: Studio Zink Fotografen
Renée Sintenis (hier ein Selbstbildnis) gilt als eine der bedeutendsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts. Fotos: Studio Zink Fotografen

Regensburg.„Die Tiere stehen mir näher als die Menschen“, bekannte die Bildhauerin Renée Sintenis, die vor hundert Jahren in Berlin einen kometenhaften Aufstieg erlebte. Sie hatte eine ganz neue Form der Tierplastik entwickelt, die völlig auf Idealisierung und monumentale Wucht verzichtete.

Die Tiere, die sie für den späteren Bronzeguss aus Wachs oder Ton formte, wirken spielerisch, quicklebendig und strahlen eine heitere Daseinsfreude aus. Im Lauf der Zeit entstand eine richtige Menagerie im Kleinformat: Pferde, tollende Fohlen, springende Ziegenböcke, störrische Esel, verträumte Rehe und Rehkitze, putzige Hunde, aber auch Exoten wie Elefanten, Kamele und Antilopen. Und dann natürlich die Bären: In einer Version von 1932 ist das junge Tier ganz unbeholfen und tapsig; ganz anders dann 1956, als es um die Gestaltung der Berliner Ikone ging. Da ist die Pose des Bären mutig und optimistisch, einen kecken Ausfallschritt scheint er zu machen, die Vordertatzen unternehmenslustig emporgereckt.

Die Pose des Bären: mutig und optimistisch. Foto: Studio Zink
Die Pose des Bären: mutig und optimistisch. Foto: Studio Zink

Renée Sintenis lebte mit Tieren. Ihr Foxterrier findet sich verewigt in Grafiken und Skulpturen. Sie besaß die Pferde Horaz und Flyer, unternahm mit ihnen Ausritte im Tiergarten. Die Verkaufserfolge nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Großbritannien und Amerika (selbst Ernest Hemingway soll ein Sintenis-Werk erworben haben), ermöglichten ihr ein sorgenfreies Leben. Sie erregte Aufsehen in Berlin, nicht nur mit ihrem Sportwagen, einem schnittigen Studebaker, sondern sie wurde bewundert wegen ihrer Persönlichkeit. Schlank, mit 1,80 Metern groß gewachsen, verkörperte sie den Typus der neuen Frau. Androgyn mit Kurzhaarschnitt und gekleidet mit maßgeschneidertem Herrenanzug spielte sie mit der Geschlechterrolle.

Die Klischees der „wilden 20er“

Überdies hatte sie ihren ursprünglichen Namen Renate ersetzt durch das indifferente Renée. Seit 1918 verheiratet mit dem wesentlich älteren Maler Emil Rudolf Weiß, der sich vor allem einen Namen als Buch- und Schriftgestalter gemacht hatte, tauchte sie in der Öffentlichkeit auch gerne mit ihrem „Hausmädchen“ Magdalena Goldmann auf. Mit Lenchen lebte sie bis zu ihrem Tod 1965 zusammen.

Rund um die Ausstellung

  • Termin:

    Die Ausstellung „Zwischen Freiheit und Moderne – Die Bildhauerin Renée Sintenis“ wird heute um 19 Uhr im Kunstforum Ostdeutsche Galerie eröffnet. Kuratorin Dr. Alexandra Demberger gibt eine Einführung in das Werk der Künstlerin.

  • Kinder:

    Unter dem Motto „Da steppt der Bär“ gibt es am Sonntag, 13. Oktober, in der Zeit von 10 bis 12 Uhr eine eigene „Kindereröffnung“.

  • Katalog:

    Zu der Ausstellung, die bis zum 12. Januar dauert, erscheint ein Katalog in der „edition cantz“.

  • Kosten:

    An der Museumskasse kostet er 19,50 Euro; die Buchhandelsausgabe ist für 29 Euro erhältlich.

  • Film:

    Zu sehen ist bei der Ausstellung auch ein zehnminütiger Dokumentarfilm von Hans Cürlis, der Renée Sintenis bei der Arbeit an einer kleinen Tierskulptur beobachtete.

  • Aktionen:

    Es gibt auch ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen sowie Workshops und Atelierkurse für Kinder und Erwachsene. Außerdem finden in Zusammenarbeit mit der Uni zwei Schülerprojekte statt.

Alle Klischees von den „wilden 20er Jahren“ in Berlin scheinen auf Renée Sintenis zuzutreffen. Aber war das nicht nur schöne Fassade? Ihre Selbstporträts, die in der Regensburger Ausstellung zu sehen sind, verraten eine andere Sprache. Gerade mal golfballgroß ist ein frühes von 1916, bei dem nicht nur die dunkle Farbe für eine melancholische Stimmung sorgt. Auch auf den späteren, fast maskenhaften Porträtbüsten von 1923 und 1931 sieht man eine ernste, strenge Frau mit hohen Wangenknochen. Und bei der letzten, besonders ergreifenden von 1944 erahnt man Leid und Depression. Es ist die Zeit nach dem Tod ihres Mannes, die Zeit des Bombenkriegs, in dem sie ihre ganze Habe verlor und in eine bescheidene Notunterkunft übersiedeln musste, und es ist die Zeit, in der sie wegen ihrer jüdischen Großeltern von Verfolgung bedroht war.

Kunst

Ein eigener Kanoldt für das Kunstforum

Der Maler zeigte eine entrückte, kühle Welt. Das Regensburger Museum konnte nun ein Stillleben von ihm erwerben.

Es fällt auf: Auch auf Gemäldeporträts (aus dem eigenen Sammlungsbestand des Kunstforums ist ein Gemälde von Heinrich Graf Luckner zu sehen, der 1946 die Bildhauerin porträtiert hatte) und auf Fotos – Renée Sintenis galt als eine der meistfotografierten Frauen Berlins – gibt es nie ein Lächeln. Sie erscheint kühl, abweisend und unerreichbar. Anders als Maler wie Otto Dix oder George Grosz, die in ihren Bildern das Trauma des Ersten Weltkriegs zu verarbeiten suchten, bleiben die Arbeiten von Renée Sintenis eskapistisch und zeitentrückt.

Dabei hatte die Künstlerin auch Jahre der Not hinter sich. Nach dem Bruch mit dem Elternhaus – sie wollte nicht Sekretärin im Anwaltsbüro ihres Vaters sein – musste sie sich mühsam durchschlagen. Unter anderem mit Modellstehen für den Bildhauer Georg Kolbe. Eine Frauenstatue, die er nach ihr schuf, wurde leider zerstört. Nur ein Foto davon blieb erhalten. Stark an Georg Kolbe (und bald auch an Rodin) hat sich Renée Sintenis in ihren bildhauerischen Anfangsjahren orientiert.

Malerei

Wenn die Leinwand doppelt genutzt wird

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie geht auf Spurensuche. Von autorisierten Gemälden wird die Rückseite aufgedeckt.

Bezaubernd sind ihre kleinen, vor Vitalität sprühenden Aktfiguren wie „Kniende Badende“, „Tänzerin“ oder „Strumpf anziehende“. Und schon 1917 entstand die „Kleine Daphne“, das wohl bedeutendste Werk der Künstlerin. Äußerst grazil wirkt die schlanke, langbeinige Nymphe, die dem liebestollen Apollo nur entkommt, weil sie sich in letzter Not in einen Lorbeerbaum verwandelt. Die große Version der Daphne von 1930, von der das Kunstforum einen der Güsse besitzt, hat sogar einen Platz im MoMa in New York gefunden. Auch wenn Galerist Alfred Flechtheim die kleinen Tierskulpturen so gut vermarkten konnte, drängte er Sintenis zu einem anderen Themenbereich.

So entstand eine ganze Reihe von Skulpturen, in denen sie Sportler wie den Rennläufer Paavo Nurmi oder bekannte Fußballer, Boxer oder Polospieler porträtierte. Bemerkenswert auch eine Werkgruppe mit ephebenhaften Knabenbildnissen. Mit Radierungen und Holzschnitten hatte sie Bücher wie „Das Teufelsschiff“, eine „Jungengeschichte“ aus der Feder ihres Freundes Hans Siemsen, oder die Hirtengeschichte „Daphnis und Chloe“ des griechischen Autors Longos illustriert.

1933 kam die Zäsur

Und in den plastischen Arbeiten tauchten dann Motive wie „Flötenspieler“, „Junger Reiter“ oder „Knabe mit Fohlen“ auf. 15 Jahre des ungetrübten Erfolgs. Doch 1933 kam die Zäsur. Sintenis wurde aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Ihr Galerist musste emigrieren, ebenso ihr Freund Hans Siemsen. Ringelnatz, ebenfalls ein guter Freund (von ihm schuf sie eine ihrer besten Porträtbüsten), starb 1934 an Tuberkulose. Um die Künstlerin wurde es einsam. Sie durfte zwar noch ausstellen, aber nicht bei den großen NS-Propagandaschauen.

Kultur

Ulrike Lorenz: „Man muss kühn denken“

Die frühere Direktorin des KOG Regensburg übernimmt die Stiftung Weimarer Klassik. Wir trafen sie auf dem Weg zur Berlinale.

Dr. Alexandra Demberger, die die Sintenis-Ausstellung sehr engagiert kuratiert hat, entlarvt effektvoll, wie verheerend die Kunstpolitik der Nazis war. Sie zeigt einfach als Gegenbeispiel einige Werke, die bei den „großen deutschen Kunstausstellungen“ in München präsentiert worden waren: Puma, Kälbchen und Reh oder zwei Enten aus den Händen der Bildhauerinnen Ruth Meisner und Edith Sanden-Guja. Es sind Skulpturen, die im Vergleich zu Sintenis einfach plump und banal wirken. So gelingt es der Ausstellung bestens, Renée Sintenis als eine der bedeutendsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts zu würdigen. Mit mehr als 110 Exponaten – einige aus dem eigenen Bestand des Kunstforums, vor allem aber Leihgaben aus Museen und privaten Sammlungen – bietet sie einen gelungenen Überblick über das künstlerische Schaffen dieser faszinierenden Frau.

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