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Kunst

Zymny kann sein Glück kaum fassen

Beim größten Poetry-Slam in Bayern krönte der Applaus den besten Dichter: Einen Bochumer, der schon deutscher Meister ist.
Von Veronika Lintner, MZ

Der glückliche Sieger: Jan Philipp Zymny überzeugte das Publikum beim „Master of the Uni-Vers“ im Audimax.Foto: Alexander Urban
Der glückliche Sieger: Jan Philipp Zymny überzeugte das Publikum beim „Master of the Uni-Vers“ im Audimax.Foto: Alexander Urban

Regensburg.Auf dem weiten Feld von Sprech- und Kleinkunst, irgendwo zwischen Comedy, Kabarett und Poesie – dort ist sie zuhause, die Kunst des Poetry-Slams. So ein Slam ist ein moderner Wettstreit der Dichter. Und ein bedeutender Wettbewerb dieser Art wird seit Jahren auch in Regensburg gefeiert. Der „Master of the Uni-Vers“, der größte Poetry-Slam Bayerns, ging am Montag in seine siebte Runde. Im auserkauften Audimax scherzten und reimten die Teilnehmer und drückten auch auf die Tränendrüse. Vier junge Slammer stellten sich dem Urteil des Publikums – denn am Ende krönt der Applaus den Meisterdichter.

Inmitten der 1980er-Jahre, in den Jazz-Clubs von Chicago, entstand einst der Poetry-Slam. Jammender Jazz und reimender Slam, die treffen sich auch in Regensburg. Vier junge Männer im Anzug führen mit Fahrstuhljazz in den Abend. Ein gepinselter Schriftzug leuchtet über Ihnen auf der Betonwand: „Master of the Uni-Vers“.

Brugger liefert Präzisionsarbeit

„Poetry Slams – das sind die Paralympics der Literaturszene“ – so beschreibt Hazel Brugger gerne diese Disziplin. Und jene junge Schweizerin ist auch die Moderatorin des Slams. Ein Glücksfall für die Show. Schlagfertig kennt man sie als Reporterin der „Heute Show“. Mit ihren kaltschnäuzigen Pointen liefert sie auch an diesem Abend Schweizer Präzisionsarbeit.

Doch zu Beginn justiert Brugger das Applausometer des Publikums. Sie fordert Beifall, von der lauwarmen Stufe eins bis zur tosenden Stufe zehn. Stufe zwei kommentiert sie noch: „So klingt jeder Applaus in der Oper“. Bei Stufe 10 ist ihre Stimme unter den rauschenden Ovationen schon nicht mehr zu vernehmen. Das heizt die Stimmung an. Aber die ist ohnehin leicht entflammbar. Slam-Fans, Brugger-Fans, kaum ein Mensch über 30, weder auf noch vor der Bühne. Drei Regeln gelten für die nun folgende Poesieschlacht: die Texte müssen selbst verfasst sein, Requisiten sind verboten, das Zeitlimit beträgt sieben Minuten.

Lokalmatadorin Lolo eröffnet den Wettstreit mit einer süßlichen Dosis Pathos. Die Regensburgerin erinnert an eine der Größen der Szene, an Julia Engelmann. Während Lolos erster Text noch etwas rührig daherkommt und in Sentimentalitäten von Leben, Liebe und Leid wühlt, ist ihr zweiter Beitrag deutlich gewagter. Da rezitiert sie eine abgründige Romanze, die sich in Kriegszeiten vor Aleppo abspielt.

Vor allem Scherzkekse trumpfen auf

Starke Facetten zeigt Louise Kenn aus Leipzig – keine Unbekannte in der Szene. Sie präsentiert einen Text über Depressionen und eine Liebeserklärung an ihren Freund. Sie trifft dabei Zwischentöne, die sowohl humorige als auch traurige Bilder erzeugen. Doch in den zwei Wettbewerbsrunden trumpfen vor allem die Scherzkekse unter den Slampoeten auf.

Thomas Spitzer zählt auch zu diesen Pausenclowns der Szene. Doch in Regensburg ist er Organisator und Gastgeber. Hier hat er studiert, sieben Jahre verbracht und den „Master of the Uni-Vers“ ins Leben gerufen. Heute wohnt er in Köln und tritt in Comedy-Shows wie „NightWash“ auf und organisiert noch immer den Slam.

Ein Stück Stand-Up Comedy mit Thomas Spitzer: Im Zick-Zack hoppelt er durch verschiedene Themen, mit kleinen Beobachtungen und Wortspielereien. Ein solides, gefälliges Intermezzo. Ein Duo im Slam, das ist dagegen doch eher selten. „Natürlich Blond“ nennen sich Johannes Berger und Philipp Potthast. Ihre Performance pendelt zwischen Rap-Parodie und rhythmisierter Comedy. Mit ihren Texten spielen sie Wort-Ping-Pong, formen Sätze, die der eine beginnt und der andere vollendet. Vielseitig skurril sind ihre Themen: Pseudophilosophische Erörterungen über die Jugendwörter „whack“ und „fresh“, oder ein Rap für ihre Freundinnen.

Als Favorit startet jedoch Jan Philipp Zymny. Zweifacher Deutscher Slam-Meister ist er, gewann 2015 und 2013 – als bis dahin jüngster Deutsche Meister mit 20 Jahren. Unscheinbar wirkt der Mann aus Bochum, Typus gemütlicher Student. Doch am Mikrophon tobt er sich aus. Er präsentiert mit seinen Texten ein ganzes Ballett an Stimmen. Er spricht im Alleingang einen fiktiven Dialog zwischen einem Taxifahrer, ihm selbst und seiner inneren Stimme. Er erntet den Gewinn des Abends – eine Flasche Rum und vor allem den lautesten Applaus. Und so ein Sieg, so eine Goldmedaille bei den „Paralympics der Literaturszene“, ist wahrlich nicht zu verachten.

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