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Bauprojekt

Die Walhalla war Ludwigs Lebensprojekt

35 Jahre lang verfolgte König Ludwig I. die Verwirklichung der Ruhmeshalle. Schon 1807 gab er die ersten Büsten in Auftrag.
Von Ulrich Kelber, MZ

Das 1890 entstandene, in Lebensgröße errichtete Standbild König Ludwigs I. bildet unter den Büsten der Walhalla eine Ausnahme. Foto: Kellner
Das 1890 entstandene, in Lebensgröße errichtete Standbild König Ludwigs I. bildet unter den Büsten der Walhalla eine Ausnahme. Foto: Kellner

Regensburg.„Märchenkönig“ Ludwig II. erbaute die Schlösser Neuschwanstein und Herrenchiemsee ganz zu seinem Privatvergnügen. Erst nach seinem Tod wurden die Prachtbauten zugänglich für die Öffentlichkeit und damit zu Besuchermagneten. Sein Großvater hatte da ein ganz anderes Staatsverständnis gehabt. Auch Ludwig I. war bauwütig, aber er hatte die Menschen im Blick, wollte etwas für ihre Erbauung und Bildung tun mit Museen wie Glyptothek und Pinakothek, für die er schon in seiner Kronprinzenzeit eifrig Kunstwerke ankaufte, darunter die Ägineten und den „Barberinischen Faun“, die als Spitzenstücke der griechischen Skulptur gelten.

Und Ludwig I. wollte seine Untertanen begeistern für ein „gemeinsames großes Vaterland, auf das sie stolz sein können.“ Vergessen lassen wollte er wohl auch, dass Bayern als Königreich von Napoleons Gnaden lange auf der „falschen Seite“ gestanden hatte. Die Befreiungshalle in Kelheim, die an die Völkerschlacht von Leipzig 1813 erinnern sollte, war ihm so wichtig, dass er sie nach seiner Abdankung 1848 sogar aus seiner Privatschatulle finanzierte.

„Ein Narr, aber ein geistvoller“

Neben der Walhalla an der Donau, deren Büsten ein Sinnbild für das geeinte Deutschland sein sollten, ließ König Ludwig noch ein bayerisches Pendant an der Münchner Theresienwiese errichten, die ebenfalls von Leo von Klenze entworfene „Ruhmeshalle“, vor der Schwanthalers Kolossalstatue der Bavaria thront. Sympathisch an der Ruhmeshalle: In ihr geht es recht zivil zu, stehen Geistesgrößen von Albrecht Altdorfer bis Michael Wolgemut im Mittelpunkt, während in der Walhalla die Kaiser, Könige, Fürsten und Kriegsherren dominieren.

Auch wenn er es immer bestritt: dem geschichtsbewussten Ludwig I. ging es bei all den Bauten durchaus um den eigenen Nachruhm. Der Historiker Heinz Gollwitzer spricht in seiner Ludwig-Biografie von einer „Sehnsucht, beliebt und anerkannt zu werden.“ Tatsächlich sah sich der Kronprinz und spätere König immer viel Spott ausgesetzt und das nicht nur wegen seiner dilettantischen lyrischen Ergüsse. „Er ist ein Narr, aber ein geistvoller“, urteilte der französische Staatsmann Talleyrand.

Ludwig war von Kindheit an schwerhörig, hatte einen Sprachfehler, stotterte und stammelte (was Heinrich Heine in einem boshaften Ludwig-Gedicht ausschlachtete). Bettina von Arnim meinte: „Seine Stimme, seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes.“ Linkisch und oft taktlos sei Ludwigs Auftreten gewesen, auch sein Aussehen „wenig einnehmend“, heißt es in zeitgenössischen Berichten. Aber, so betont Gollwitzer, Ludwig sei „einer der gebildetsten Fürsten seiner Zeit“ gewesen.

Rom: Ein „irdisches Paradies“

Ludwigs erste Italienreise 1804 war dann auch nicht die übliche Kavalierstour adeliger Sprösslinge. In Rom, das ihm als „irdisches Paradies“ erschien, suchte der 18-jährige Prinz den Kontakt zu den dort lebenden deutschen Künstlern. Prägend sollte die Besichtigung des römischen Pantheons werden, das ihm – wie auch das Pantheon in Paris – Idee und Vorbild für seinen deutschen „Ruhmestempel“ lieferte.

Im Januar 1806, Bayern war nun Königreich, sah sich der nunmehrige Kronprinz gezwungen, einer Einladung Napoleons nach Paris zu folgen. Warum hatte Ludwig anders als sein frankophiler Vater Max Joseph, der sich pragmatisch mit dem Vasallendasein arrangiert hatte, diese Aversionen? Über Kindheitserfahrungen ist spekuliert worden, über die Flucht der Familie vor den Revolutionstruppen in Straßburg, über den Vater, der ihm „gewaltige Furcht eingeflößt“ habe, über die Schreckenserlebnisse beim Bombardement Mannheims im Dezember 1794, über die Unsicherheit durch die wechselnden Zufluchtsorte.

Von Napoleon war Ludwig einerseits durchaus fasziniert, andererseits abgeschreckt durch dessen despotisches, zynisches Verhalten. Widerwillig hatte Ludwig auf dessen Geheiß Anfang 1807 den Oberbefehl über die in Polen stationierten bayerischen Truppen übernommen. Auf der Reise dorthin, in Berlin, sei in ihm der Gedanke für ein deutsches Pantheon gereift, berichtete Ludwig (der Name „Walhalla“ wurde erst später, auf Anraten des Historikers Johannes von Müller, gewählt). Voller Enthusiasmus vergab der Kronprinz die Aufträge für die ersten Büsten an Johann Gottfried Schadow, einem der bedeutendsten Bildhauer des deutschen Klassizismus.

Welche Personen hatte Ludwig für walhalla-würdig auserkoren? König Friedrich II. von Preußen und Heinrich der Löwe zählten dazu, Nikolaus Kopernikus, Immanuel Kant, Friedrich Klopstock und Otto Guericke. In der Folgezeit holte der Kronprinz immer wieder Ratschläge ein, ließ sich von Johannes von Müller eine umfangreiche Namensliste anfertigen.

Walhalla-würdig oder nicht?

Ludwig scheint des Öfteren bei seinen Entscheidungen geschwankt zu haben. Bis 1842 waren viel mehr Büsten fertiggestellt, als tatsächlich in der Walhalla aufgestellt wurden. Aussortiert wurde von Ludwig beispielsweise die Büste des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, wo in diesem Fall auch eine Rolle gespielt haben dürfte, dass der Bildhauer Joseph Christen bei der Ausführung geschummelt und statt des geforderten Carrara-Marmors einen weniger feinen Stein verwendet hatte. Auch Theatermann August Wilhelm Iffland oder Sturm-und-Drang-Dichter Friedrich Leopold Graf zu Stolberg standen 1842 nicht mehr in der Gunst des Monarchen. Rund 40 Büsten landeten schließlich in der Ruhmeshalle oder in der Pinakothek und Glyptothek.

Wie sehr die „rühmlichen Teutschen“ Ludwig beschäftigt haben, zeigt das Buch „Walhallas Genossen“, in dem der Monarch höchstpersönlich die Verdienste der Auserwählten beschreibt. Da steckt immer viel Pathos drin, wirkt sprachlich ungelenk oder gar komisch, so dass Heines Spott über den königlichen „Lapidarstil“ verständlich wird. Im Vorwort spricht Ludwig von „Teutschlands tiefster Schmach“ und spielt damit offensichtlich auf die Streitschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ an, für die der Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm auf Befehl Napoleons 1806 in Braunau erschossen wurde. Auch Ludwigs Klage richtet sich nicht allein gegen die Franzosenherrschaft, sondern sie heißt auch: „Teutschland zerfleischte sich selbst.“ Er fordert nun für die Zukunft Einigkeit und Versöhnung: „Geweiht sie diese ehrwürdige Stätte allen Ständen teutscher Sprache; sie ist das große Band, das verbindet, wäre jedes andere vernichtet, in der Sprache währt geistiger Zusammenhang.“

1842, im Eröffnungsjahr der Walhalla, kam es zu einem Konkurrenz-Projekt. Da rief Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zu einem „Werk des Brudersinns aller Deutscher“ auf. Es ging um die Vollendung des Kölner Doms, der zum Einheits- und Nationaldenkmal stilisiert werden sollte. König Ludwig I. machte dazu gute Miene und stiftete für Köln die fünf großen „Bayernfenster“. Auch Fertigstellung der Regensburger Domtürme in der Zeit von 1859 bis 1869 wurde erst durch die Zuschüsse des Ex-Königs ermöglicht.

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