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Alltagsdinge gewinnen neuen Sinn

Peter Dorn rettet das Unscheinbare vor der Vergänglichkeit, reichert es an, wandelt es um. In Regensburg ist jetzt eine Retrospektive zu sehen.
Von Gabriele Mayer, MZ

  • Peter Dorn vor seiner Installation „Linea“: Dünne Baumarktlatten spielen mit den Beziehungen von Ruhe und Bewegung und von Linie und Raum. Foto: altrofoto.de
  • Peter Dorn im Historischen Museum Regensburg: Bis 12. Oktober ist eine Retrospektive seiner Arbeiten zu sehen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Tatsache, dass die Retrospektive des Regensburger Künstlers Peter Dorn im Historischen Museum stattfindet, ist gewissermaßen künstlerisches Programm. Dorn bezeichnet die Ausstellung sogar als eines seiner Werke. Vor 35 Jahren waren an diesem Ort schon einmal Arbeiten von ihm zu sehen.

Um Vergänglichkeit einerseits und um Dauerhaftigkeit, im Sinne von Unabgeschlossenheit und Fortsetzbarkeit andererseits, dreht sich sein gesamtes, vielfältiges Schaffen. Zum Beispiel die große Installation von 2009, die ihre überbordende Vielfarbigkeit in die Linie, in die Vertikale und in die Horizontale bündelt. Sie ist gleich am Eingang aufgebaut und besteht als alten Einladungskarten zu diversen Regensburger Kunstereignissen vergangener Jahre – aber sie ist aufstockbar, in die Zukunft hinein, ad infinitum.

Am liebsten ließe Dorn die Werke, die bei ihm stets aus Alltagsdingen hervorgehen, an ihrem ursprünglichen Ort, statt sie herauszureißen und in einer Galerie zu zeigen. Was nun das Gesamtwerk betrifft, so ist es tatsächlich am ursprünglichen Ort von 1979 angekommen. Nicht nur die Einladungskarten-Installation dokumentiert im Historischen Museum ein Stück Regensburger Kultur-Geschichte. Alle Werke Dorns entstehen aus Alltagsdingen und bilden insofern auch Dokumente dieses Alltags und des Lebens selbst, in das sie eingebunden waren. Und doch sind sie Kunst, vor der der Künstler sich allerdings nie aufplustert.

Buchstaben als edle Ornamente

Die ganze Schau macht übrigens eher den Eindruck einer intimen Kabinett-Ausstellung, wenn auch einer sehr großen und vor allem großartigen. Eine Arbeit von 1991 verdeutlicht Dorns zentrale künstlerische Strategie der Bewahrung und zugleich der Umformulierung: Auf der Oberfläche einer großen Aluminiumplatte sind während der Herstellung und des Transports feine Kratzspuren und Verletzungen entstanden. „Durch Hervorheben dieser Spuren und Verletzungen mit Farbe lasse ich mich auf eine ‚Vor-Geschichte‘ ein und führe einen Entstehungsprozess weiter, den ich nicht kenne“, notiert Dorn. Was der Betrachter auf der harten Wand-Platte sieht, das sind sehr zarte, schön irisierende Linien und ihre Verdichtungen.

Die Linie ist eines der wichtigsten Elemente bei Peter Dorn. Linien, das können auch dünne Baumarkt-Latten sein, wie bei der flexiblen Installation „Linea“, in der es um das Spiel von Linie und Raum und von Ruhe und Bewegung geht. An jedem neuen Ausstellungsort wird „Linea“ der Umgebung angepasst.

Strichcodes als rhythmisches Bild

Ästhetisierung der Wirklichkeit könnte man die Retrospektive auch nennen. Doch das Wahre, Gute und Schöne fallen auch bei Dorns Kunst, wie bei aller Kunst seit Beginn der Moderne, nicht mehr in eins. Viel eher geht es um Überraschung, und es geht um eine spezifische Anstrengung des künstlerischen Handelns: Darum, in den Dingen etwas zu finden und ihnen abzugewinnen, was zu Abstraktion und zu einem ästhetischen Eigenwert führt, was die Dinge heraushebt und sie neu, anders, verändert und als etwas Interessantes in Erscheinung treten lässt. Etwa bei den Bildern, die sich aus gebrauchten Bahnfahrkarten Dorns zusammensetzen, deren mit Strichcodes bedruckte Rückseiten zu einem rhythmischen Bild, zu einer graphischen Formation von erstaunlicher, schöner Dichte gebracht wurden.

Die Ausstellung ist nach Schwerpunkten geordnet, wie etwa der Verwendung bestimmter Materialien. Ein Grundmaterial ist bei Dorn Papier. Kein Zufall. Peter Dorn, 1938 im tschechoslowakischen Aussig geboren, hat angewandte Grafik an der Nürnberger Kunstakademie studiert. Er lebt in Regensburg, seit 1964 als freischaffender Künstler, und hat sich durch zahlreiche Ausstellungen und Sammlungsankäufe einen Namen über die Region hinaus gemacht.

Die Entstehungsgeschichte eines Werks aus dem alltäglichen Gebrauch des Materials heraus, sie schwingt bei Dorn immer mit: Aus etlichen Ausgaben einer Tageszeitung hat er Headline-Buchstaben ausgeschnitten und neu sortiert, so dass wir graphische Blätter, aber nicht mehr bedruckt mit ganzen Buchstaben, sondern als edle Ornamentik vor Augen haben. Die Ornamentik führt zurück auf beides: auf die Buchstabenhaftigkeit und den ursprünglichen Informationszweck, und auf die eigenständige Gestaltungshandlung.

Ein Netz aus Realitätspartikeln

Man könnte Dorns Werk auch als Spielart einer arte povera bezeichnen, das mit dem uns Umgebenden, Unscheinbaren arbeitet. Und es in eine neue Dimension versetzt, auch in eine ironische, kritische. Dorn kritisiert auch den Überfluss, wenn er die opulenten Einladungskarten von heute mit einem Katalog des Kunst- und Gewerbevereins von 1958 kontrastiert, in dem nicht ein einziges Bild zu sehen ist. Es dreht sich vieles um Veränderung, Veränderbarkeit und Zeitoffenheit in Dorns Werk, das wie ein grobmaschiges Netz aus Realitätspartikeln erscheint, verbunden mit eigenständigem ästhetischem Ausdruck. Unter Dorns Händen sind die Dinge Material, Werkzeug und Effekt zugleich.

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