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Als Stino auf einer Grufti-Lesung


von Christine Strasser, MZ

  • Lucy van Org sang und las bei der Anti-Pop-Nacht. Foto: Straßer
  • Lesung im Leipziger DarkFlower Foto: Straßer

Schaumparty im Hallenbad, 13. Geburtstag oder der Kartoffelsamstag in Herbern, egal: „Es geht immer um Sex.“ Oliver Uschmann muss es wissen. Er hat den Ratgeber fürs „Überleben auf Partys“ geschrieben. In Leipzig liest er erstmals daraus vor. Ein Kapitel: die Messeparty. Denn sobald die Stände schließen, wollen die Messemenschen raus ins Nachtleben.

Von schwarzen Partys schreibt Uschmann nichts. Aber im Programm zum Festival „Leipzig liest“ klingt diese Ankündigung spannend: Anti-Pop-Lesenacht im DarkFlower. Ungewöhnliche Leseorte gehören bei der Buchmesse dazu. Das ZDF-Magazin „aspekte“ berichtet über eine Lesung in einer Leichenhalle. Was ist also dabei, Literatur im Grufti-Club zu höen? Im Internet steht, dass die Karten ausverkauft sind. Nachfrage beim Geschäftsführer: Einige vorbestellte Karten sind zurückgegangen. Er denkt nach: „Kommst Du privat oder dienstlich?“ Ich lande auf der Gästeliste.

Ein Trüppchen wartet auf Einlass. Buntes kann man schlecht schreiben. Fast alle sind schwarz gekleidet. Aber die Altersmischung ist erstaunlich. Da sind Studentin Julia mit Freund und Rentner Horst mit Frau und befreundetem Ehepaar. Alle wollen rein. Es sind die „Alten“, die sich vordrängen. Schmunzeln in der Warteschlange.

Lektorin im Lack-Leder-Kleid

Die Lektorin von U-Books begrüßt das Publikum, das die Treppe hinunter in den Club steigt, in einem kurzen, Lack-Leder-Kleid. Zum Glück habe ich am Morgen ein schwarzes Top übergestreift. „Trag doch mehr Farben!“ Mein Papa hat mich oft so ermahnt – meine ehemalige Vermieterin im Bayerischen Wald auch. Jetzt würden sie sehen, wie richtig ich liege. Dunkle Jeans, schwarzes Top: Das geht immer. Als halbwegs brave Tochter beim Mittagessen, als Wanderin auf dem Baumwipfelpfad, als Reporterin auf der Buchmesse, als Stino (stinknormaler Mensch) bei einer Grufti-Lesung. Mit meinem pinken Jäckchen passe ich sogar auffallend gut zur Bühnendeko. Oder jedenfalls zu dem mit einem schwarzen Tuch und einem pinken Band umhüllten Bartisch, an dem die Autoren sitzen.

Oliver Uschmanns Partygrundregel bewahrheitet sich. Es wird eng, es wird heiß, es geht um Sex. Zärtliche Moment schlagen in brutale Szenen um, Stricherjungen bedienen Kunden. Sanfte Frauenstimmen tragen diese Texte vor. Dann tritt ein gehörnter Fruchtbarkeitsgott auf. Phoenix nennt er sich, tanzt, schlägt die Trommel und mir fast die Kamera aus der Hand. Lesen will Phoenix nicht. Er erzählt nur von seinem Buch, in dem er sich mit Schamanismus und Mythen befasst.

Kein Girlie mehr, aber noch Lucy

Die Lesung ist zwar nicht grottig, nur mit großer Literatur hat das nichts zu tun. Aber ein Literaturkritiker hat sich ohnehin nicht ins DarkFlower verirrt. Eine Radiojournalistin ist da und ein Fotograf. Er beginnt zu knipsen. Lucy van Org klettert auf den Barhocker. Sie liest eine „Kranke Geschichte“. Die ist überraschend anspruchsvoll, gruselig und lustig. Vom süßen „Mädchen“ Lucilectric ist nicht viel geblieben. Van Org erzählt von Birte, die Keuschheit bis zur Ehe gelobt hat und in einem Berliner Vorort wohnt, der ein Vorhof zur Hölle ist. Ein rosafarbener Hasenmann treibt hier sein Unwesen – oder nur in Birtes schmutzigen Gedanken? Als Birte an Ostern von ihrer krachig lachenden, türkischen Nachbarin Gül ein rosafarbenes Plüschplayboyhäschen und ein Sektglas geschenkt bekommt, in dem ein weißer Spitzenslip wie ein Ei drapiert ist, hoppelt der Hasenmann durchs Mietshaus und hinterlässt eine Blutspur.

Auf 90er-Jahre-Partys hat Uschmann etwas beobachtet. DJs spielen Scooters „Hyper Hyper“ und „Smell’s like Teenspirit“ von Nirvana – unmittelbar hintereinander. Das Publikum johlt. Grunge und Techno? In den 90ern standen sich die Fans unversöhnlich gegenüber. Jetzt wirkt es, als würde H.P. Baxxter nur ins Mikro brüllen, um an Kurt Cobain zu übergeben. Vermutlich hat Lucy van Org als Lucilectric auch nur deshalb Girlie-Pop gemacht, um jetzt an der Gitarre zu zupfen – ihr Gitarrist bei Übermutter ist gerade ausgestiegen, um für Matthias Reim und Mickie Krause zu spielen – und über einen Fluss zu singen, in dem die Leichen ihrer Feinde an ihr vorbeiziehen. Jubel im DarkFlower.

Vampire im echten Leben

Der mit Tattoos übersähte Kriminalbiologe Mark Benecke ist dran. „Herr der Maden“ nennt er sich, aber die Forensik ist nur eine seiner Passionen. Der Selbstdarsteller trägt eine schwarze Brille, ein schwarzes Shirt, eine schwarze Lederhose, dazu schwarze Hosenträger und schwarze Schuhe. Sein Thema: Reallife-Vampirismus. Benecke hat das Phänomen erforscht. Die Realtität, an der er die Zuhörer teilnehmen lässt, ist besser als Fiktion. Er entführt in eine Zwischenwelt, die existiert – allerdings in der Regel nicht gesehen wird. Menschen, die das Bedürfnis haben, ab und zu Blut zu trinken. Benecke nähert sich der psychischen Störung entspannt. „Das sind friedliche Menschen, die einem auch nicht nachts in den Hals beißen“, sagt er. Aber normal sind sie natürlich nicht. Benecke erklärt auch, was gesunde schwarze Menschen auszeichnet: Sie wissen, dass sie anders sind und sind deshalb besonders friedfertig. Eine schwarze Party ist Benecke zufolge ein großer Therapiespielplatz. Er wünscht den Zuhörern noch viel Spaß beim Zappeln.

Und Oliver Uschmann hat einmal mehr recht: Jede gute Messeparty endet frühestens um 3 Uhr.

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