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Aufwühlend und berauschend

Lars von Triers „Nymphomaniac“, vorgestellt bei der Berlinale, kommt am 20. Februar in die Kinos. Die Produktion geht künstlerisch in die Tiefe.
Von Julia Wäschenbach, dpa

Charlotte Gainsbourg als Joe und Shia LaBeouf als Jerome in einer Szene von Nymphomaniac: Der erste Teil des Erotikdramas kommt am 20. Februar in die deutschen Kinos. Foto: Christian Geisnaes/Concorde Filmverleih/dpa

Berlin. Orgasmus ist ein Zauberwort. Es hat die Medien willig nach Lars von Triers Pfeife tanzen lassen, wenn es um „Nymphomaniac“ ging. Ohne, dass der dänische Skandalregisseur das Sexdrama selbst mit nur einem Wort kommentiert hätte. Mit Plakaten, auf denen die Schauspieler einen Höhepunkt vortäuschen und Gerüchten über echten Sex lieferte von Trier vor dem Kinostart ein PR-technisches Meisterwerk ab. Dabei hätte der Film das gar nicht nötig gehabt. Denn er ist auch künstlerisch eines.

„Nymphomaniac“, von dem der erste Teil nun ins Kino kommt, wühlt auf, schockiert, berauscht, strengt von der ersten Minute an. In die lange Eröffnungsszene, in der Regentropfen leise in eine dunkle Gasse plätschern, platzt dröhnende Rammstein-Musik. In eben dieser Atmosphäre findet der Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) die gebrochene Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg). Als er sie mit zu sich nach Hause nimmt, erzählt sie ihm ihre Geschichte – die Odyssee einer Sexhungrigen durch ihr Leben.

„Ich bin ein böser Mensch“, sagt Joe. Seligman glaubt es ihr nicht. Für alle schmutzigen Episoden ihres Lebens hat er eine philosophische Erklärung. Sein Wissen erstreckt sich von Musik über Mathematik bis zur Mythologie. Nur über Sex weiß er wenig.

Joe dafür umso mehr. Sie schläft, stöhnt und masturbiert sich als junge Frau (gespielt von der Newcomerin Stacy Martin) scheinbar gefühllos durch ihr Leben, ohne Rücksicht auf Verluste. „Man kann kein Omelette machen, ohne ein paar Eier zu zerbrechen“, erzählt sie Seligman, als sie auf ein Zusammentreffen mit der Ehefrau eines Sexpartners (erstklassig hysterisch: Uma Thurman) zurückblickt. Als Joe vor der Leiche ihres Vaters im Krankenhaus steht, erregt sie der Anblick.

Manchmal möchte man vielleicht lieber weggucken. Wenn Joe nach einem Blowjob im Zug Spermareste die Lippen hinuntertropfen. Wenn sie im zweiten Teil, dessen Kinostart für April angesetzt ist, ihre Lust darin sucht, sich auf dem Sofa angebunden den nackten Po auspeitschen zu lassen. Entgegen ersten Gerüchten sieht man im Film in solchen Szenen nicht Gainsbourgs Hintern, sondern den von Porno-Darstellern, wie „Nymphomaniac“-Produzentin Louise Vesth vor dem Kinostart enthüllte.

Von Trier selbst, der sein Publikum mit Werken wie „Melancholia“ oder „Antichrist“ schon häufiger spaltete, sagt seit seinen umstrittenen Nazi-Äußerungen beim Filmfest Cannes 2011 nichts mehr. Bei der Berlinale, wo die lange Version seines Films kürzlich Weltpremiere hatte, ließ der Regisseur in Anspielung auf seinen Rauswurf bei eben dem Festival nur sein T-Shirt mit der Aufschrift „persona non grata“ sprechen.

Macht nichts, „Nymphomaniac“ sagt alles für ihn. Das Werk enthalte vom Fliegenfischen bis zu Johann Sebastian Bach „jeden Gedanken, den von Trier im Kopf gehabt haben könnte“, meint Seligman-Darsteller Skarsgård. Das wie ein Buch nach Kapiteln aufgebaute Sex-Drama ist eine wilde Collage aus Anspielungen und mächtigen Bildern. Über zwei Stunden hält von Trier im ersten Teil eine soghafte, fast verstörende Spannung.

Ob „Nymphomaniac“ auch ohne die mediale Orgasmusjagd so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, lässt sich nicht mehr herausfinden. Verdient hat er sie aber.

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