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Bubikopf, Grammophon, Stummfilm

Die 20er Jahre waren nur für wenige „golden“. Für eine Regensburger Durchschnittsfamilie war das Leben hart und karg.
Von Thomas Dietz, MZ

„Meßt nicht kärglich Eure Gaben“: Kinderdemonstration auf dem Kasernplatz (heute Dachauplatz) gegen Armut und Hunger. Im Hintergrund: die Dr.-Wunderle-Straße, rechts das Hotel Karmeliten. Foto: K+G-Verein

Regensburg. Schuld haben die Schwarzweiß-Fotos. Darum kommen uns die alten Zeiten immer so grau in grau vor. Auch in den Zwanziger Jahren gab es leuchtend blaue Himmel und schillernd bunte Blumenwiesen. Die Welt war aber wirklich dunkler als heute. Noch war nicht jeder Winkel halogenbestrahlt, und die Menschen mögen besser geschlafen haben. Unsere blendend hyperintensiven Textil- und Druckfarben wie das berühmte Aral-Blau kamen erst in den 60er Jahren. Davor wurden sie nur von Kunstmalern angemischt.

Eine Billion Goldmark verpulvert

Der Alltag in den Zwanziger Jahren war auch finsterer, weil die Autoritätsstrukturen noch „intakt“ waren. Schupos, Offiziere, Lehrer, Geistliche – die Staatsgewalt, der Druck ging ganz klar von oben aus. Nicht so knallhart und im schnarrenden Offizierston wie im preußischen Berlin, aber gemütlich ging’s in Bayern auch nicht gerade zu.

Das ganze Land war nach dem Ersten Weltkrieg vollkommen erschöpft und ausgehungert – das Deutsche Reich hatte von 1914 bis 1918 eine Billion Goldmark verpulvert, also das gesamte Volksvermögen auf Generationen hinaus. Zwei Millionen deutsche Soldaten waren tot, acht Millionen kehrten kriegsinvalide mit fehlenden Gliedmaßen oder schwersten psychischen Störungen aus den Schützengräben zurück. Viele von ihnen gehörten fortan als Bettler zum Straßenbild. Die erste moderne industrielle Kriegsmaschinerie hatte mörderisch gewütet.

Das ist der Hintergrund, vor dem die große Ausstellung „20er Jahre in Regensburg“ des Kunst- und Gewerbevereins stattfindet (ab 30. Januar 2010). Der Untertitel „Es ist eine Lust zu leben“ markiert den faszinierenden Aufbruch in die Moderne, in die erste Moderne, die wir die „klassische“ nennen, neue Zuversicht, neuen Optimismus und die ewige Hoffnung auf bessere Zeiten und weniger Hunger.

Gleichwohl „schauen wir heute gebannt auf die schillernde Avantgarde jener Zeit, die sogenannten besseren Kreise, und weniger auf das Leben der einfachen Leute“, sagt der Regensburger Historiker und Projektleiter der Ausstellung, Eginhard König.

Aber die 20er Jahre waren nicht nur die „Goldenen“, nicht nur Brecht, Thomas Mann und Erich Kästner, Kandinsky, Bauhaus und Schönberg, Bubikopf, Charleston, Stehgeiger, Grammophon, Pianola und Stummfilm, Lichtreklamen, rauschende Feste und Nacktrevuen – das fand doch eher im großstädtischen Milieu statt. „In Regensburg war alles gemäßigter. In der Krise wie in der Blüte“. Und es war auch nicht die breite Mehrheit, die die ersten Küchenmixer, Staubsauger, Waschmaschinen und gar ein Telephon besaßen, Autos von Adler, Hanomag, Horch, Brennabor oder Wanderer fuhren, Radio oder Grammophonplatten hörten und eine Wohnung „mit elektrisch Licht“ hatten.

Künstliches Licht war ungemütlich

Das Leben der meisten, zum Beispiel das einer Regensburger Durchschnittsfamilie, war karg, hart, mühsam und voller Arbeit. Alle waren arm, oft reichte es nicht einmal für das Nötigste; auf einen neuen Wintermantel wurde lange gespart. Geheizt wurde mit Braunkohle, schlesische Steinkohle war teuer und knapp. Das Ruhrgebiet war französisch besetzt, das Saargebiet gehörte nicht mehr zum Reich. Im Winter hieß es anfeuern und Asche runtertragen. Für ein heißes Bad musste das Wasser oft in Eimern von der Zapfstelle im Hausflur geholt und auf dem Herd erhitzt werden. Das berühmt-berüchtigte Bad in der Zinkwanne fand deshalb nur einmal pro Woche, meist samstags in der Küche statt. Ein kohlebefeuerter „Badeofen“ mit Wanne war noch ein ausgesprochener Luxus. Hölzerne Toilettenhäuschen befanden sich, gerade in der Altstadt, auf dem Hof.

Regensburger Haushalte besaßen oft genug nur Petroleumlampen, meist war es aber Gaslicht, das sogar als gemütlich und warm galt. Elektrisches Licht („künstliches Licht“) aus Glühbirnen empfanden viele Menschen als unheimlich und kalt. Die Hausfrauen kauften auf dem Markt oder in der Kolonialwarenhandlung. Fertiggerichte gab es nicht, nur wenige Konserven in Dosen, die aber (vermutlich zu Recht) einen schlechten Ruf als „Abfall für Arme“ hatten. In jedem Haushalt wurden Vorräte eingekocht und eingeweckt. Fleisch zum Mittagessen war die Ausnahme, wenn überhaupt kam ein Braten sonntags ein oder zweimal im Monat auf den Tisch. Grundnahrungsmittel waren Kartoffeln, Brot und Gemüse.

80000 Mark für Sittlichkeit

Zuweilen sah man einen Stummfilm, etwa in den Olympia-Lichtspielen in der Goliathstraße oder im Capitol (heute Velodrom) – aber meist nur „auf den billigen Plätzen“. Wenn Harry Piel, Asta Nielsen oder Henny Porten eine Kussszene hatten, hielten Eltern ihren Kindern nicht selten einen Hut vors Gesicht. Die Prüderie im öffentlichen Leben war für uns Heutige unvorstellbar. Gemeinsames Baden von Männern und Frauen war in Regensburg verboten: 1925 öffnete an der Schillerlinde eine Frauenbadeanstalt, die von Brettern umschlossen wurde. In einer SPD-nahen Zeitung konnte man immerhin lesen: „Die Sittlichkeitsmarotten unserer gar so schamhaften Stadträte kosten die Stadt überflüssigerweise 80000 Mark.“

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