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„Das Politisieren ist zu unterlassen“

Die Ausstellung ist eröffnet: Hereinspaziert in die faszinierende Welt der 20er Jahre!
Von Thomas Dietz, MZ

  • Wurde für das expressionistische Hamburger Chilehaus entworfen: Ludwig Kunstmanns „Elefant“
  • Hinter dem Kramerladen mit Erzeugnissen der 20er Jahre hat sich das Organisationsteam (von l.) Anton Zimmermann, Roman Moosbacher, Professorin Dr. Sabine Rieckhoff, Eginhard König, Klaus Caspers und Alfred Böschl versammelt. Alle Fotos: altrofoto.de
  • Vom Stummfilm zum Tonfilm: Kurt Härtl beim Aufbau des Kinematographen. Der Filmvorführer hieß „Operateur“.
  • Die 20er-Jahre-Mode war körperbetont und knabenhaft. Dieser Hut ist aber eher eine gemäßigte Creation.
  • Schönes Emailschild für „St. Wolfgang“-Starkbier aus dem Brauhaus Regensburg (seit 1996 Paulaner)
  • Essig gab es noch lose zum Abfüllen: „Saemmer’s Essig zum Salat/ Nirgends seinesgleichen hat“

Regensburg. „Kaum zu glauben, aber amtlich“ war eine beliebte Floskel in den 20er Jahren. Nach zwei Jahren Vorbereitung ist seit gestern Abend die mit Spannung erwartete, unglaublich interessante Ausstellung „Es ist eine Lust zu leben – die 20er Jahre in Regensburg“ zu sehen. Das ist amtlich.

Gibt es eine faszinierendere Epoche als die der Weimarer Republik 1918 bis 1933? Es sind nicht nur die „Goldenen Zwanziger“, die uns elektrisieren, die Zeit von 1924 bis ’29 mit den spektakulären Umwälzungen in Kunst, Film, Architektur, Mode und Technik. Dazu gehören auch die Hyperinflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise am Schwarzen Freitag, der ein Donnerstag war, am 24. Oktober 1929.

Eine große motivierte Gruppe von tüchtigen Männern und Frauen unter dem Dach des Kunst- und Gewerbevereins hat sich auf Spurensuche gemacht und zum ersten Male das Material für eine wahrhaft umfassende Darstellung der 20er Jahre in Regensburg zusammengetragen. Das war oft nicht einfach. Aber die Arbeit hat sich gelohnt. Wer die Ausstellungsräume in der Ludwigstraße betritt, wird „Ah“ und „Oh“ sagen, das ist auch amtlich.

Es ist ja nicht nur der reizvolle Kramerladen mit Anker-Registrierkasse, Ravenklau-Zigaretten, Moser-Roth-Schokolade und den Bahlsen-Keksen „Probiers“. Auch „radioaktive Zahnpasta“ gab es in den 20ern. Nicht nur das Pianola mit den Noten „Marie Marie!“ aus dem Tonfilm „Gassenhauer“. Der Friseurstuhl, in dem die Dame „die gute Lockwell-Kaltwelle“ gelegt bekam, das „Mirakel-Haustelefon in der Westentasche, Preis 7 Mark“ oder das sinnige Schild „Es wird ersucht, im Interesse des Friedens und der Gemütlichkeit, das Politisieren in diesem Lokale zu unterlassen.“

Wir sehen einen 35-mm-Kinematografen, der keine Glühbirne, aber eine Lichtbogenlampe aus Graphit hat. Im Varieté Velodrom-Theater fand am Mittwoch, 11. 1. 1922 um 1/2 8 Uhr der „Re-Bü-Ba“ (Regensburger Bürgerball) mit Tombola und Preistänzen statt.

Der Katalog „Die Form ohne Ornament“ weist auf die berühmte Werkbundausstellung von 1924. Wir treten vor die Kunst, die in Regensburg in jener Zeit entstand: Den Knaben auf dem Elefanten des in Regensburg geborenen Bildhauers Ludwig Kunstmann (1877-1961), von dem auch die Figuren „Kunst“ und „Handwerk“ stammen, die seit 1929 das Portal schmücken. Bilder von Franz Ermer, Oskar Birckenbach, Alois Habbel, Willi Reindl oder Max Wissner, Zinnarbeiten, Kannen und Leuchter aus der Zinngießerei Eugen Wiedamann.

Der Ausstellung ist ein grandioses Panorama in der Reibungsfläche zwischen Tradition und Moderne geglückt. Im ehem. Ballsaal sieht man den unglaublichen Generalbaulinienplan (1917) für Regensburg von Otto Lasne und die Modelle, die Architektur-Studenten der Hochschule Regensburg von Prof. Thekla Schulz bauten. Außerdem ist ein vorzüglicher Katalog erschienen und das Buch „Uns gab’s schon damals – krisenfeste Regensburger Firmen und Institutionen“.

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